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25.06.2017

19:30 Uhr

Der Hype vom Schulhof

Warum Spielzeugtrends nicht planbar sind

Kein Spielzeug-Experte hatte ihn auf dem Plan – trotzdem wollten den Fidget Spinner plötzlich alle. Die aus den USA herübergeschwappte Welle machte einmal mehr klar: Auf dem Spielwarenmarkt sind Hypes nicht planbar.

Fidget Spinner sind nicht nur bei Kindern auf dem Schulhof beliebt. AP

Fidget Spinner

Fidget Spinner sind nicht nur bei Kindern auf dem Schulhof beliebt.

NürnbergEs war wie so oft bei den Spielwaren-Supertrends: Erst lag die Ware kaum beachtet im Regal, „dann gingen die Umsätze plötzlich durch die Decke“. Inzwischen haben Bundesbürger, so schätzt Willy Fischel vom Bundesverband des Spielwaren- Einzelhandels (BVS), mehrere Millionen Euro für sogenannte Fidget Spinner ausgegeben. Die Mischung aus Handschmeichler, Propeller und Ninja-Wurfstern ist der Spielwaren-Sommertrend 2017 - und auf deutschen Schulhöfen ein Muss.

Fischel zeigt sich über die aus den USA nach Deutschland schwappende Fidget-Spinner-Welle begeistert. „Das ist ein Sommermärchen für Kids und den Spielwareneinzelhandel“, schwärmt der Branchenexperte. Denn der Handkreisel sei ein Mitnahmeprodukt, das für Zusatz-Umsatz sorge, ohne dass er den Umsatz anderer Produkte kannibalisiere. So etwas gebe es nur selten.

Wie Eltern ihre Kinder vor gefährlichem Spielzeug schützen können

Welche Voraussetzungen muss Spielzeug laut Gesetz erfüllen?

Spielzeuge dürfen unter anderem keine scharfen Kanten oder verschluckbaren Teile haben. Elektrische Spielzeuge dürfen nur mit einer bestimmten Spannung betrieben werden, zahlreiche Schadstoffe sind verboten. Die Regelungen sind aber uneinheitlich und lückenhaft – viele Schadstoffe etwa sind weiter erlaubt.

Wie sehe ich, ob ein Spielzeug wenigstens die gesetzlichen Vorgaben erfüllt?

Das GS-Zeichen für geprüfte Sicherheit wird von unabhängigen Stellen, etwa dem TÜV, für die Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben vergeben. Darüber hinaus gibt es private Prüfzeichen wie das TÜV Rheinland Proof-Siegel mit dem Teddybär als Erkennungszeichen. Diese Zeichen garantieren die Kontrolle durch Dritte. Laut Stiftung Warentest ist auf die Prüfzeichen allerdings nicht hundertprozentig Verlass – so enthielten zahlreiche gekennzeichnete Spielzeuge im Test trotzdem Schadstoffe.

An welchen Siegeln können sich Verbraucher sonst orientieren?

Es gibt noch eine Reihe hilfreicher Spezialsiegel etwa für Textilqualität (ÖkoTex Standard 100), elektrische Sicherheit (VDE) oder pädagogische Eignung (Spiel gut). Das CE-Siegel der EU dagegen, das auf vielen Spielzeugen prangt, ist keine Hilfe, weil es nicht unabhängig kontrolliert wird.

Ist Holzspielzeug generell unbedenklich?

Nein. Auch Holzspielzeug kann Schadstoffe enthalten. Verbraucher sollten zu unlackiertem, gewachstem Holz greifen. Vollholz ist besser als geklebtes Holz aus Pressspan oder Sperrholz, das ebenfalls Schadstoffe enthalten kann.

Was ist bei Kunststoff-Spielzeug zu beachten?

Plastik-Spielzeug sollte frei sein von PVC und Weichmachern (Phtalaten). Diese Stoffe können schädlich für das Kind sein, wenn es sie verschluckt oder das Spielzeug in den Mund nimmt. Besser sind PP (Poly-Propylen) oder PE (Poly-Ethylen). Oft ist die Kunststoffart mit Zahlen von 1 bis 7 in einem Dreieck auf dem Produkt verschlüsselt. Hier steht die 3 für PVC. Die Kunststoffe der anderen Zahlen gelten als kaum bedenklich.

Wie sehe ich, woher das Spielzeug kommt?

Mehr als die Hälfte der Spielwaren in Deutschland stammt aus China. Hersteller müssen nicht angeben, wo ein Spielzeug produziert wurde. Vertrauenswürdige Firmen aber geben meist neben ihrer Adresse auch das Ursprungsland auf der Verpackung an. Produkte ohne Herstellerangabe sollten nicht gekauft werden.

Was kann ich im Laden sonst noch tun?

Verbraucherschützer empfehlen, auch auf eigene Faust zu testen. So könnten Käufer überprüfen, ob ein Spielzeug auf der Haut abfärbt oder ob es unangenehm riecht. Beides kann ein Hinweis auf Schadstoffbelastung sein. Auch sollte geprüft werden, ob sich Kleinteile leicht ablösen.

Was kann ich tun, wenn ich gefährliche Mängel bei einem Spielzeug feststelle?

Wer einen Defekt feststellt, sollte zum betreffenden Händler gehen. Bei Spielzeugen, die gegen die rechtlichen Regelungen verstoßen, können Kunden den Kaufpreis zurückverlangen. Wer glaubt, von einem Spielzeug gehe ganz generell eine Gefahr aus, kann dies bei den Gewerbeaufsichtsämtern melden.

Andere Branchen-Fachleute freuen sich ebenfalls über die gut laufenden Geschäfte mit den überwiegend in China produzierten handtellergroßen Fidget Spinnern, was frei übersetzt so viel wie Zappel-Kreisel heißt. Der Name spielt auf die angeblich beruhigende Wirkung des Kreisels bei hyperaktiven Kindern und Jugendlichen an. Einen hohen Spielwert haben die „Spinner“ nach Einschätzung von Fachleuten allerdings nicht.

Der Hype offenbart einmal mehr die Unberechenbarkeit des Spielwarenmarkts: Noch bei der Nürnberger Spielwarenmesse im Februar hatte kein Trendscout oder Marktforscher den Fidget Spinner auf dem Plan. Spielwaren-Trendforscher Axel Dammler vom Münchner Marktforschungsunternehmen iconkids@youth räumt offen ein, nie mit dem Erfolg der Kreisel gerechnet zu haben: „Das Ding kann eigentlich außer Drehen nichts. Da steckt keine Tiefe drin.“

Gefährliches Spielzeug: Verbraucherschützer warnen vor dem Fidget Spinner

Gefährliches Spielzeug

Verbraucherschützer warnen vor dem Fidget Spinner

Der Hype um das Trendspielzeug Fidget Spinner lockt Geschäftemacher an. Billigversionen werden in den Markt gedrückt. Gefährlich für Kinder, die Teile verschlucken oder sich verletzen können. Verbraucherschützer warnen.

Als Mitglied des Trend-Komitees der Spielwarenmesse, das alljährlich Prognosen für Spielwaren mit Trendpotenzial abgibt, kennt Dammler die Unkalkulierbarkeit des Spielwarenmarkts. Er weiß, dass Supertrends nicht in den Marketing-Laboren der Spielwaren-Konzerne entstehen, „sondern aus dem Nichts kommen“. Der Fidget Spinner sei das beste Beispiel dafür: „Für den gibt es weder eine Marketingkampagne noch einen Masterplan. Da wurde einfach drauf los produziert.“

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