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01.04.2016

18:10 Uhr

Deutsche Bahn

Empörung über geplante Sperrung zwischen Hannover und Kassel

160 Züge müssen täglich umgeleitet werden, wenn die Bahn zwischen Hannover und Kassel Schotter austauscht. Das trifft die weltgrößte Industriemesse. Die Unternehmer sind in Aufregung und befürchten einen Imageschaden.

Zehntausende Fahrgäste sind von den Bauarbeiten in Niedersachsen betroffen – neben Pendlern auch zahlreiche anreisende Besucher der Weltleitmesse in Hannover. dpa

Bauarbeiten der Deutschen Bahn

Zehntausende Fahrgäste sind von den Bauarbeiten in Niedersachsen betroffen – neben Pendlern auch zahlreiche anreisende Besucher der Weltleitmesse in Hannover.

HannoverDie kurzfristig angekündigte Sperrung der ICE-Schnellfahrstrecke Hannover-Kassel in drei Wochen soll nach einem Kompromissvorschlag Niedersachsens zeitweise ausgesetzt werden. Die Arbeiten könnten zwar wie geplant am 23. April beginnen, würden aber während der Hannover-Messe morgens und abends für je zwei Stunden ruhen. „Auf diese Weise könnte zumindest der Hauptmesseverkehr ohne Verzögerungen abgewickelt werden und man würde wohl auch nicht den Pfingstreiseverkehr tangieren“, sagte Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD). Er reagierte auch auf empörte Reaktionen der Wirtschaft, die einen enormen Imageschaden befürchtet.

Lies hatte seinen Vorschlag Bahnchef Rüdiger Grube und Vorstand Volker Kefer am Freitag unterbreitet. „Herr Grube und dann auch Herr Kefer in einem weiteren Telefonat haben mir zugesagt, diese Idee zu prüfen“, sagte Lies. Auf der wichtigen Strecke müssen vom 23. April bis 8. Mai wegen Bauarbeiten täglich 160 Züge umgeleitet werden, wie ein Konzernsprecher am Freitag sagte. Betroffen davon wären auch Besucher der weltgrößten Industrieschau Hannover Messe (24.-29. April), zu der nach Angaben des Ministeriums 15.000 Besucher aus den südlichen Bundesländern und weitere 10.000 aus dem Ausland mit der Bahn aus Richtung Frankfurt anreisen werden.

Hier baut die Bahn 2016

Hamburg − Hannover

Von Mai bis Mitte Juli Weichen- und Gleiserneuerung. Umleitungen im Fernverkehr mit bis zu 30 Minuten längerer Fahrzeit, im Nahverkehr 15 Minuten.

Hannover – Göttingen

Von Mitte Juli bis Anfang September teilweise Totalsperrung und Umleitungen. 40 Minuten mehr Fahrzeit im Fernverkehr. Auch Nahverkehr betroffen.

Hannover – Kassel

Möglicherweise kurzfristig Austausch von Schotter. Zeitplan und Umfang möglicher Sperrungen will die Bahn „in Kürze“ bekannt geben.

Mannheim − Karlsruhe/Stuttgart

Längere Fahrtzeiten von fünf Minuten wegen eines Stellwerksbaus von Ende April bis Anfang September und Mitte November bis Dezember.

Münster – Osnabrück

Von Anfang August bis Anfang November teilweise Sperrungen und Umleitungen einzelner Fernzüge, 22 Minuten längere Fahrzeit.

Berlin − Elsterwerda − Dresden

Ab Anfang August sind Fernzüge wegen einer Umleitung 20 Minuten länger unterwegs. 75 Regionalzüge zwischen Flughafen Schönefeld und dem Süden Brandenburgs fallen pro Tag aus.

München − Salzburg/Kufstein

Teilausfälle Ende April und Anfang Mai sowie von August bis Oktober

Köln − Hagen

Längere Fahrzeiten im Fernverkehr wegen Umleitung über Düsseldorf ab Juli. Grund sind Gleiserneuerungen zwischen Solingen und Opladen.

Ulm − Augsburg

Von Ende Juli bis Mitte September Teilausfälle und längere Fahrtzeiten von 20 Minuten wegen Gleis- und Brückenarbeiten, im Nahverkehr 30 Minuten.

Das Bundesunternehmen hatte die Arbeiten am Donnerstagabend kurzfristig angekündigt. Die Strecke werde gesperrt, um Schotter im Gleisbett auszutauschen. Es wird im Fernverkehr neben einzelnen Ausfällen Umleitungen mit bis zu einer Stunde längeren Fahrtzeiten geben. Auch der Nahverkehr und Güterzüge sind betroffen. Das Bundesverkehrsministerium betonte, Aufgabe der Bahn sei es, die Bauarbeiten zügig durchzuführen und Beeinträchtigungen für die Kunden so gering wie möglich zu halten.

Die Deutsche Messe wies auf enormen Unmut unter den Ausstellern hin. Der im Ausstellerbeirat der Messe sitzende Chef der Unternehmerverbände Niedersachsen (UVN), Volker Müller, warnte vor einem enormen Imageschaden, die Sperrung sei eine „dramatische Fehlentscheidung“. „Es ist undenkbar, dass der US-Präsident am fraglichen Wochenende in Hannover ist und Hannover auf dem Schienenweg nicht mehr vernünftig erreichbar ist“, sagte er.

Während die Welt zu Gast sei, um den Aufbruch der Wirtschaft in der digitale Welt von morgen nachzuspüren, setze die Bahn Signale, die an längst vergangene Zeiten erinnerten. Auch die Informationspolitik der Bahn sei eine Katastrophe gewesen. Viele der meist im Süden Deutschlands sitzenden Maschinenbauer prüften ihre Anreise noch mal.

Wie die Deutsche Bahn ihre Kundenfreundlichkeit verbessern will

Mehr Pünktlichkeit

Die Bahn will die Pünktlichkeit ihrer Züge „deutlich steigern“. Dazu sollen alle Betriebsabläufe optimiert werden – unter anderem durch den Einbau von größeren Zeitpuffern in den Fahrplänen an viel befahrenen Netzknotenpunkten und den Einsatz neuer mobiler Wartungsteams, die Störungen an Zügen flexibel beseitigen sollen. Ein neuer Schlepplok-Dienst soll liegengebliebene Züge schneller von den Schienen holen. Um Unwetterschäden zu vermeiden, wird die Baumpflege an den Strecken ausgebaut.

Bessere Internetverbindungen

Im kommenden Jahr will der Konzern den Telefon- und Internetempfang in ICE-Zügen nach eigenen Angaben „deutlich“ verbessern und dafür etwa die Empfangstechnik aufrüsten. Das WLAN-Netz der Bahn soll in den kommenden Jahren nach und nach entlang der Reisekette auf mehr Fernverkehrszüge, Bahnhöfe und auch auf S-Bahn- und Nahverkehrszüge ausgedehnt werden.

Aktuellere Reiseinformationen

Mit neuen Zuganzeigesystemen an den Bahnhöfen will die Bahn ab kommendem Jahr den Informationsfluss in Sachen Gleiswechsel, Ankunftszeitprognosen und Wagenreihenfolgen verbessern. „Mittelfristig“ will sie ein digitales „Live Ticket“ einführen, das sich aktualisiert und Reisende unterwegs mit den für sie relevanten Streckeninformationen versorgt. Wenn nötig, kann es auch Alternativrouten vorschlagen und Umbuchungen vornehmen.

Mehr Service im Zug

Mitarbeiter sollen in Kooperation mit Unternehmen etwa aus der Hotel- und Gaststättenbranche in puncto „Serviceorientierung“ ausgebildet werden. Reisende mit Smartphones und Online-Tickets sollen sich künftig selbst im Zug anmelden können, wodurch eine Fahrkartenkontrolle überflüssig wird („Self Check In“). Zugbegleiter sollen so mehr Zeit für Serviceaufgaben haben.

Komfortablere Bahnhöfe

Die Zuverlässigkeit von Aufzügen und Rolltreppen an den Bahnhöfen in Ballungszentren will die Bahn „signifikant“ auf weit über 90 Prozent steigern. Dazu sollen etwa Entstörbereitschaften auf Zweischichtdienste umstellen und an Wochenenden arbeiten. 31 S-Bahn-Stationen in Metropolen werden renoviert, zudem sollen bundesweit 21 Umsteigebahnhöfe „offener und einladender“ umgestaltet werden. Mit der sogenannten Stationsoffensive richtet der Konzern 350 neue Haltepunkte in ländlichen Gebieten ein.

Mehr Unterhaltung

Das in ICE-Zügen verfügbare kostenlose sogenannte Infotainment-Portal, das etwa Echtzeit-Reiseinformationen und bestimmte Nachrichtenangebote bietet, soll künftig auch in weiteren Zügen und an Bahnhöfen verfügbar sein. Ab Ende 2016 sollen Bahnkunden umsonst „umfangreiche Film- und Musikangebote“ abrufen können. Zusätzlich richtet das Unternehmen eine Datenbank mit „aktuellen Blockbustern“ ein, die Reisende im „Pay per View“-Verfahren gegen Bezahlung ansehen können.

Bei der Hannover Messe reisen viele ausländische Besucher und Aussteller über das Luftverkehrs-Drehkreuz Frankfurt am Main und nehmen dort den Zug. Es sind auch mehrere Demonstrationen mit bis zu 30 000 Teilnehmern angemeldet. Die Händel-Festspiele in Göttingen (5.-13. Mai) fürchten, zahlreiche Gäste zu verlieren.

Nach Bahn-Angaben war das Ausmaß der Schotter-Probleme Anfang Februar noch nicht bekannt, als der Konzern das Bauprogramm für dieses Jahr vorstellte. Die Auswirkungen für die Kunden sollten so gering wie möglich gehalten werden, betonte die Bahn.

Von

dpa

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