Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

30.05.2015

14:58 Uhr

Deutsche Bahn

Wenn der Streik den Gewinn frisst

Weitere Streiks der Lokführergesellschaft GDL sind derzeit nicht in Sicht, doch der Arbeitskampf hinterlässt schon jetzt seine Spuren: Die Deutsche Bahn fürchtet rote Zahlen für das Gesamtjahr.

Die jüngste Einigung mit der Bahn-Gewerkschaft EVG sowie ein möglicher Abschluss mit der GDL trieben die Kosten weiter nach oben, so Lutz. dpa

Deutsche Bahn

Die jüngste Einigung mit der Bahn-Gewerkschaft EVG sowie ein möglicher Abschluss mit der GDL trieben die Kosten weiter nach oben, so Lutz.

BerlinDie Rekordserie von Lokführerstreiks kommt die Deutsche Bahn nach eigener Einschätzung teuer zu stehen. Finanzvorstand Richard Lutz befürchtet, dass die insgesamt neun Ausstände seit dem vergangenen Herbst den bundeseigenen Konzern finanziell massiv belasten. „Die Streiks der Lokführergewerkschaft GDL haben uns schon bisher weit mehr als 300 Millionen Euro gekostet“, sagte der Manager der „Welt“ (Samstag). „Was den Gewinn angeht, wird dieses Jahr eine echte Herausforderung für uns.“

Der Bahn drohe ein Abrutschen in die roten Zahlen. Nach dem Abzug von Zins-, Steuer- und Dividendenzahlungen sowie weiteren Posten blieben Lutz zufolge im vorigen Geschäftsjahr 288 Millionen Euro als Ergebnis übrig - die in diesem Jahr allein durch die Mehrkosten der GDL-Streiks bereits mehr als aufgezehrt würden. Geplante Investitionen könnten auch deshalb womöglich nur über die Aufnahme neuer Schulden finanziert werden.

Nach Lutz' Darstellung dürfte es für das Unternehmen zudem schwierig werden, auch nach einer erfolgreichen Schlichtung mit der GDL viele abgesprungene Kunden rasch wieder vom Verkehrsmitteln Bahn zu überzeugen: „Nach einer solchen Reihe von Streiks steigen die Leute nicht einfach wieder wie vorher in die Züge. (...) Das ziehen wir wie eine Schleppe hinter uns her.“

Worüber Lokführer und Bahn streiten

Worin besteht der Kern des Tarifkonfliktes?

Wie immer geht es zwischen Arbeitgeber und den Gewerkschaften um Einkommen, Arbeitszeit und Arbeitsbedingungen. Das Besondere an diesem Tarifkonflikt ist jedoch, dass zusätzlich die GDL (34.000 Mitglieder) mit der viel größeren Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (210.000 Mitglieder) um die Vertretungsmacht bei einem Teil der Belegschaft konkurriert. Die Deutsche Bahn wiederum will Tarifkonkurrenz vermeiden. Für eine Berufsgruppe soll ihrer Meinung nach nur ein Tarifvertrag gelten.

Wie viel Geld wollen die Lokführer?

Derzeit verdient ein Lokführer bei der Bahn je nach Qualifikation und Erfahrung rund 36.000 bis 46.000 Euro im Jahr – einschließlich aller Zulagen für Arbeit an Wochenenden, Feiertagen und in der Nacht. Die GDL fordert nun fünf Prozent mehr Lohn. Ein Lokführer in der Stufe 1 würde das Gehalt von 2488 auf 2612 Euro brutto steigern. Wer nach 25 Berufsjahren Stufe 6 erreicht hat, bekäme statt 3010 künftig 3161 Euro. In einer neu geforderten Stufe 8 wären es dann 3287 Euro als Endstufe nach 35 Berufsjahren.

Wen will die GDL vertreten?

Die GDL will nicht nur die Lokführer vertreten, sondern fordert auch die Verhandlungsmacht für rund 8800 Zubegleiter, 2500 Gastronomen in den Speisewagen, 3100 Lokrangierführer sowie 2700 Instruktoren, Trainer und Zugdisponenten. Das macht zusammen 17.100 Mitarbeiter.

Welche Gewerkschaft verhandelt für wen?

Das ist der heikle Punkt, weil die Gewerkschaften aus dem Organisationsgrad ihr Verhandlungsmandat für die jeweiligen Berufsgruppen ableiten. Wer stärker ist, soll in Tarifverhandlungen das Sagen haben. Die Frage ist jedoch, welche Organisationseinheit man dabei betrachtet: einen Betrieb, ein Unternehmen im Konzern, eine Berufsgruppe? Je nach dem kann die Mehrheit mal bei der einen, mal bei der anderen Gewerkschaft liegen.

Wie stark sind EVG und GDL?

Bei den Lokführern ist die Sache klar: 20.000 sind bei der Bahn angestellt. Die GDL reklamiert 78 Prozent von ihnen als ihre Mitglieder, das wären etwa 15.500. Die EVG gibt ihre Mitgliederzahl unter den Lokführern mit 5000 an. Das geht nicht ganz auf, selbst wenn alle Lokführer gewerkschaftlich organisiert wären. Aber: Das Kräfteverhältnis ist eindeutig, drei zu eins für die GDL.

Schwieriger und umstritten es bei den übrigen rund 17.000 Mitarbeitern, die nach GDL-Definition zum Zugpersonal zählen. Die EVG sagt, 65 Prozent der Zugbegleiter und 75 Prozent der Lokrangierführer seien bei ihr organisiert. Das wären zusammen allein bei diesen beiden Berufsgruppen 9860 Beschäftigte.

Die GDL macht eine andere Rechnung auf: 37.000 Beschäftigte (inklusive Lokführer) gehören zum Zugpersonal, rund 10.000 von ihnen sind bei keiner Gewerkschaft – bleiben 27.000. Zieht man davon die 15.500 GDL-Lokführer ab, kommt man auf 11.500. Davon beansprucht die GDL 30 Prozent für sich, also 3450 Eisenbahner. So kommt sie zusammen auf 19.000 GDL-Mitglieder beim Zugpersonal, das wäre eine Mehrheit von 51 Prozent.

Welche Rolle spielt die Diskussion um Tarifeinheit?

Die Bundesregierung beabsichtigt, ein Gesetz zur Tarifeinheit auf den Weg zu bringen. Für die GDL ist das sehr bedeutsam: Ein solches Gesetz könnte ihre Handlungsmöglichkeit einschränken. Möglicherweise verlöre sie in bestimmten Ausgangslagen das Streikrecht. Damit wäre die GDL wie andere Berufsgewerkschaften (Cockpit, Marburger Bund) in ihrer Existenz bedroht. Die GDL hat bereits angekündigt, dass sie ein solches Gesetz vom Bundesverfassungsgericht überprüfen lassen würde.

Warum will die Koalition das Gesetz?

Streiks in rascher Folge, Lähmung des öffentlichen Lebens und der Wirtschaft sollen erschwert werden. Die Diskussion hatte durch ein Urteil des Bundesarbeitsgerichtes schon vor vier Jahren an Fahrt gewonnen. Die Richter stärkten die Tarifvertragsvielfalt und die Konkurrenz unter großen und kleinen Gewerkschaften. Der Grundsatz „Ein Betrieb – ein Tarifvertrag“ wurde damals hinfällig.

Am Mittwoch hatte die Bahn nach fast einem Jahr Tarifverhandlungen einen Abschluss mit der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) erzielt. Er bringt den Beschäftigten unter anderem eine Einkommenserhöhung in zwei Stufen um 5,1 Prozent. Drohende Warnstreiks der EVG wurden damit angewendet. „Wir sind an die Grenze dessen gegangen, was unsere Geschäfte hergeben“, sagte Bahn-Personalvorstand Ulrich Weber zu dem Tarifergebnis.

Mit der kleineren GDL, die mit zwei Warn- und sieben regulären Streiks Millionen Pendler und Zugreisende ausgebremst hatte, wurde nach langem Ringen ebenfalls am Mittwoch ein Schlichtungsverfahren vereinbart. Es wird von Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) sowie dem früheren brandenburgischen Regierungschef Matthias Platzeck (SPD) geleitet und soll zunächst bis zum 17. Juni laufen. Über den Inhalt der Gespräche drang bisher nichts nach außen.

Um Verluste zu verhindern, muss die Bahn dem Bericht zufolge die Kosten senken, ihre Einnahmen steigern und effizienter arbeiten. „Nach einer solchen Reihe von Streiks steigen die Leute nicht einfach wieder wie vorher in die Züge. Die Menschen organisieren sich anders, fahren wieder Auto oder Rad, bilden Fahrgemeinschaften“, zitierte die Zeitung einen Bahn-Manager.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×