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16.05.2012

19:47 Uhr

Deutsche Börse

Optimismus trotz Nyse-Fusionsflop

Die gescheiterte Fusion der Deutschen Börse mit der New Yorker Nyse Euronext hat die Frankfurter 100 Millionen Euro gekostet. Die Führung des Marktbetreibers weist alle Verantwortung von sich und guckt lieber nach vorne.

Reto Francioni, Vorstandsvorsitzender der Deutsche Börse AG, bei der Hauptversammlung des Unternehmens. dpa

Reto Francioni, Vorstandsvorsitzender der Deutsche Börse AG, bei der Hauptversammlung des Unternehmens.

FrankfurtDie Deutsche Börse steht trotz mauer Geschäfte zum Jahresanfang zu ihrer Prognose für 2012. "Das laufende Jahr hat aufgrund des anhaltenden Vertrauensdefizits der Marktteilnehmer verhalten begonnen", sagte Vorstandschef Reto Francioni am Mittwoch auf der Hauptversammlung des Unternehmens in Frankfurt. "Dies führt aber nicht dazu, dass wir unsere Wachstumsziele aus den Augen verlieren. Sie gelten unverändert." Die Aktionäre lobten Francioni für die Ergebnisse des Konzerns. Kritik gab es dagegen wegen der geplatzten Fusion mit der New Yorker Nyse und der Wahl von Ex-Siemens -Finanzchef Heinz-Joachim Neubürger in den Aufsichtsrat.

Andreas Lang von der Aktionärsvereinigung DSW erinnerte daran, dass in den Jahren zuvor auch geplante Zusammenschlüsse der Deutschen Börse mit der Londoner LSE und der europäischen Mehrländerbörse Euronext gescheitert waren. "Mir stellt sich die Frage, ob es nicht auch an unserem Management lag, dass keine dieser Fusionen funktioniert hat", sagte Lang. Aktionär Karl-Walter Freitag kritisierte, dass die Börse die hessischen Aufsichtsbehörden nicht vorab über das Fusionsvorhaben informiert habe. "Das ist der Gipfel von Dilettantismus. Das Scheitern war vorprogrammiert." Er verstehe nicht, warum der Aufsichtsrat nach der geplatzten Fusion noch an Vorstandschef Francioni festhalte.

Die Stärken und Schwächen der Deutschen Börse

Stärke: Striktes Kostenmanagement

Die Deutsche Börse zählt zu den äußerst sparsamen Dax-Konzernen. Dafür gab es in den vergangenen Jahren zwar nicht nur Lob, sondern vor allem Kritik. Etwa als sich das Management entschloss, den Firmensitz von Frankfurt in das benachbarte Eschborn zu verlegen, allein um Steuern zu sparen.

Stärke: Überdurchschnittlich effizient

Unterm Strich bleibt, dass die Deutsche Börse ihre Kosten deutlich besser im Griff hat als viele ihrer Konkurrentinnen. Allein im Zeitraum 2010 bis 2012 hat der Dax-Konzern rund 150 Millionen Euro eingespart. Durch die verschiedensten Sparmaßnahmen sind die Kosten der Deutschen Börse seit 2007 um insgesamt rund 13 Prozent gesunken.

Stärke: Kosten werden weiter gesenkt

Finanzchef Gregor Pottmeyer hat jüngst angekündigt, die Kosten noch weiter zu senken: "Im Rahmen von Einzelmaßnahmen, nicht unbedingt in Form eines spektakulären Programms", sagte er bei der Vorstellung des Jahresberichts. Die Zahl der Mitarbeiter soll nicht verringert werden.

Stärke: Großes Angebot

Die Deutsche Börse ist anders als viele Konkurrenten ein integrierter Handelsbetreiber. Das heißt, sie bietet sämtliche Dienstleistungen rund um den Börsenhandel an, also auch die Abwicklung, das sogenannte Clearing, sowie die Verwahrung der Wertpapiere.

Stärke: Rechtzeitig der Zukunft angepasst

Ihr kommt zugute, dass sie sich frühzeitig als Dienstleister positioniert hat, während viele andere, die Handelsplätze in New York und London beispielsweise, sich zu lange über den althergebrachten Aktienhandel definiert haben, der längst nicht mehr so lukrativ ist wie noch vor einem Jahrzehnt.

Stärke: Breites und solides Fundament

Die Deutsche Börse dagegen verfügt dank ihrer vier Geschäftsbereiche - dem Aktienhandel Xetra, ihrer Derivatebörse Eurex, der Abwicklungstochter Clearstream sowie dem Bereich Marktdaten und Analyse - über ein breites und deshalb solides Fundament. Der Plan von Konzernchef Reto Francioni sieht zudem vor, sich künftig noch stärker als IT-Spezialist zu positionieren und vor allem das externe IT-Geschäft auszubauen.

Schwäche: Fordernde Politiker

Es gibt Themen, die hören die Vorstände der Deutschen Börse gar nicht gerne: Die von vielen Politikern geforderte Finanztransaktionssteuer ist so eines - oder das generelle Verbot des Hochfrequenzhandels. Beides würde den Dax-Konzern schwer treffen.

Schwäche: Beste Kunden in Gefahr

Beim Hochfrequenzhandel versuchen die Beteiligten, in Bruchteilen von Sekunden selbst kleinste Kursunterschiede rund um den Globus zu nutzen. Diese Händler zählen zu den besten Kunden des Dax-Konzerns. In den vergangenen fünf Jahren ist ihr Anteil am Aktienhandel bei der Deutschen Börse Schätzungen zufolge von vier auf rund 40 Prozent gestiegen.

Schwäche: Hochfrequenzhandel zu wichtig

Der Dax-Konzern braucht seine Hochgeschwindigkeitskundschaft. Erst kürzlich ist eine Studie von der Universität Frankfurt erschienen, die zu dem Schluss kommt, dass der Hochfrequenzhandel nicht schädlich sei für die Märkte. Gesponsert wurde die Studie allerdings von der Deutschen Börse.

Schwäche: Hartnäckige Angreifer

Die neuen Angreifer, sogenannte Multilateral Trading Facilities (MTFs), machen der Deutschen Börse im Aktienhandel schwer zu schaffen. Nach der Liberalisierung des Wertpapierhandels in der EU nehmen diese alternativen Handelsplattformen den etablierten Börsen zunehmend Geschäft ab.

Schwäche: Anteile schrumpfen

Betrug der Anteil der Deutschen Börse am europäischen Aktienhandel 2008 noch mehr als 17 Prozent, ist er jetzt auf zwölf Prozent geschrumpft. Wo die Umsätze geblieben sind, zeigt ein Blick auf die Statistik der Angreifer Bats Europe und Chi-X, die mittlerweile zu einem Unternehmen zusammengewachsen sind. Ihr Anteil am europäischen Aktienhandel stieg in den vergangenen Jahren von etwa fünf Prozent auf gut 20 Prozent. Ein Trost für die Deutschen: Noch härter trifft der Aufschwung der Alternativplattformen die Konkurrentin in Großbritannien, die London Stock Exchange (LSE).

Die EU hatte die Fusion im Februar wegen der Marktmacht beider Konzerne im Derivategeschäft an europäischen Börsen untersagt. Die EU betrachtete bei ihrer Prüfung nur den europäischen Derivatemarkt und ließ den außerbörslichen Handel (OTC) außen vor, der rund vier Fünftel des Marktes ausmacht. Die Deutsche Börse hat aus diesem Grund Klage gegen das Veto beim Europäischen Gerichtshof eingereicht, damit sie Klarheit für künftige Übernahmen hat. Die Kosten für die Klage in erster Instanz bezifferte Francioni auf 1,5 bis zwei Millionen Euro.

Die Führung der Deutschen Börse weist jede Verantwortung für das Scheitern der Fusion mit der New Yorker NYSE Euronext von sich. Der Zusammenschluss sei von Brüssel „aufgrund einer fehlerhaften Einschätzung der wettbewerbsrechtlichen Situation“ verhindert worden, bekräftigte der scheidende Aufsichtsratschef des Dax-Konzerns, Manfred Gentz, am Mittwoch bei der Hauptversammlung in Frankfurt. „Niemandem im Unternehmen ist daraus ein Vorwurf zu machen.“

Gentz (70), der das Kontrollgremium seit Anfang Dezember 2008 führt, tritt aus Altersgründen mit Ablauf des Aktionärstreffens ab. Nachfolger soll nach dem Willen des Aufsichtsrates Ex-Allianz- Vorstand Joachim Faber (62) werden. Turnusgemäß werden in diesem Jahr alle 18 Aufsichtsratsmitglieder der Deutschen Börse AG neu gewählt, 12 davon im Rahmen der Hauptversammlung.

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Auch Börsenchef Francioni wies die Kritik zurück und verteidigte die Kosten für Fusionsvorbereitung von rund 100 Millionen Euro. "Hätten wir die Chance nicht zu nutzen versucht, hätten wir eine großartige Gelegenheit zur Fortentwicklung unserer Unternehmens verstreichen lassen", sagte Francioni. Das Veto der EU-Wettbewerbshüter sei nicht vorherzusehen gewesen und beruhe auf einer fehlerhaften Marktdefinition der EU-Kommission.

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