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22.06.2014

17:12 Uhr

Deutsche Destillen

Die Suche nach dem Gin des Lebens

VonLukas Bay

Die Deutschen trinken wieder Gin. Fast wöchentlich bringen kleine Destillen neue Sorten auf den Markt – und auch im Ausland wächst die Nachfrage nach deutschem Gin. Doch nicht alle freuen sich über den Boom.

Niemand trinkt mehr einfach nur Gin Tonic. Die Auswahl ist schier unbegrenzt.

Niemand trinkt mehr einfach nur Gin Tonic. Die Auswahl ist schier unbegrenzt.

DüsseldorfEin Blick auf die Barregale im „Pepe“ verunsichert. „Am liebsten hätte ich ja einen Doppel-Wacho“, scherzt ein Gast. Doch tatsächlich ist niemand hier, um einen Doppel-Wacholderschnaps zu trinken, wie er noch in den Dorfkneipen der Republik ausgeschenkt wird. Im „Pepe“, einer Bar im Belgischen Viertel von Köln, haben die Gäste die Wahl zwischen 496 verschiedenen Gins – von klassischem London Dry Gin über würzigen Safran-Gin aus Frankreich bis zum hochprozentigen US-Gin. „Die größte Gin-Auswahl der Welt“, wirbt Inhaber Tarkan Basken.

Seit zehn Jahren hat er sich auf den Wacholderschnaps spezialisiert. Wer den klassischen Mix aus Gin und Tonic Water trinkt, kann aus 36 verschiedenen Tonic-Sorten wählen. Um alle möglichen 17.856 Kombinationen zu probieren, bräuchte man theoretisch 50 Jahre – wenn man jeden Tag einen neuen Gin Tonic testen würde.

An einigen Wochenenden ist es schwer, im Pepe noch einen Platz zu ergattern. Gin, die einstige Liebling-Spirituose von Queen Mom, hatte jahrzehntelang mit ihrem angestaubten Image zu kämpfen, doch erlebt derzeit einen Boom. Die Nachfrage nach ausgefallenen Sorten steigt.

„Wir haben es seit zwei Jahren nicht mehr erlebt, dass jemand sagt: Ich will einen Gin Tonic, mach mir irgendeinen“, sagt „Pepe“-Inhaber Basken. An einem gewöhnlichen Samstagabend gehen in seiner Bar zwischen 80 und 150 Gin Tonic über die Theke. Die Kunden würden gezielt ihren Favoriten bestellen oder sich bei den Geschmacksrichtungen beraten lassen „Deutsche sind sehr experimentierfreudig“, sagt Basken.

Wohin der deutsche Gin exportiert wird

Platz 10

Russland - 127.496 Liter* im Jahr 2013

Die Russen mögen nur Wodka? Von wegen. Die deutschen Gin-Exporte nach Russland legen um satte 24 Prozent zu.

*Zur besseren Vergleichbarkeit weist das Statistische Bundesamt in der Außenhandelsstatistik für Spirituosen nur den Anteil reinen Alkohols aus. Die angegebene Literangabe ist also nur der reine Alkohol, der im Gin enthalten ist, nicht tatsächliche Literangabe aller Gin-Exporte. Die Angaben beziehen sich auf alle Importe in Behältnissen bis zu zwei Liter.

Platz 9

Polen - 167.353 Liter* im Jahr 2013

Auch im Nachbarland wird der deutsche Gin beliebter. Der Export ist in einem Jahr um 25,5 Prozent gestiegen.

Platz 8

Frankreich - 213.019 Liter* im Jahr 2013

Im Land des Weins schrumpft die Nachfrage nach deutschem Gin. Der Export zu den Franzosen sinkt um rund 10 Prozent.

Platz 7

Schweiz - 238.866 Liter* im Jahr 2013

Die Eidgenossen haben zwar deutlich weniger Einwohner als Frankreich, aber die Gin-Importe aus Deutschland legen um 2,8 Prozent zu.

Platz 6

Niederlande - 251.582 Liter* im Jahr 2013

Mit dem Genever stammt einer der Vorläufer des heutigen Gins aus den Niederlanden. Die deutsche Exporte ins Nachbarland schrumpfen um 6,2 Prozent.

Platz 5

Tschechien - 253.756 Liter* im Jahr 2013

Die Gin-Exporte in die Tschechische Republik sind im Vergleich zum Vorjahr geradezu explodiert und legen um satte 205 Prozent zu.

Platz 4

Spanien - 261.080 Liter* im Jahr 2013

Die Spanier blicken auf eine große Gin-Tradition zurück - und auch die deutschen Import-Gins werden immer beliebter. Der Import nimmt um 22,3 Prozent zu.

Platz 3

Dänemark - 309.701 Liter* im Jahr 2013

Auch die nördlichen Nachbarn gehören zu den größten Nachfragern für deutschen Gin. Die Importe nehmen um 13,1 Prozent zu.

Platz 2

Belgien - 476.499 Liter* im Jahr 2013

In kaum einem Land ist der deutsche Gin beliebter als in Belgien. Die deutschen Exporte nach ins Nachbarland nehmen um 11,7 Prozent zu.

Platz 1

Großbritannien - 541.850 Liter* im Jahr 2013

Das Mutterland des Gins ist auch der größte Nachfrager für deutsche Gin-Exporte. Auch wenn die Menge des exportierten Gins zu den Briten dieses Jahr nur leicht um 1,1 Prozent zulegt.

Und was besonders bemerkenswert ist: Gin aus Deutschland ist wieder gefragt. Die Branche wächst seit etwa vier Jahren mit zweistelligen Wachstumsraten. Die Produktion von Gin und Genever in den 18.729 Destillen des Landes hat allein im Jahr 2012/2013 nach Informationen des Bundesverbandes der Deutschen Spirituosen-Industrie um 12,5 Prozent auf 6,3 Millionen Liter zugelegt. Damit liegt der Gin noch weit hinter dem Wodka, der mit 63,7 Millionen Litern immer noch der beliebteste Schnaps der Deutschen ist.

In der jüngsten Exportstatistik des Statistischen Bundesamtes steht ein Plus von 8,2 Prozent - in Ländern wie Tschechien, Polen und Belgien wächst die Nachfrage zweistellig. Im ersten Quartal des neuen Jahres setzt sich der Trend fort. Auch wenn England als Mutterland des Gins immer noch den Ton angibt - international können einige Gin aus Deutschland wieder mithalten.

Alexander Stein ist ein wenig Mitschuld an diesem Hype. Im beschaulichen Städtchen  Loßburg-Betzweiler im Schwarzwald – einem Ort mit gerade einmal 8300 Einwohnern – hat er eine der besten deutschen Gin-Destillen gegründet. 2008 verließ er seinen damaligen Arbeitgeber Nokia, um den ersten Gin aus dem Schwarzwald zu entwickeln. Zwei Jahre feilten er und der erfahrene Destillateur Christoph Keller am Rezept für den „Monkey 47“. Ein Gin, der nach der hauseigenen Unternehmenslegende auf die Rezeptur eines britischen Soldaten zurückgeht, der im Schwarzwald eigenen Gin aus regionalen Zutaten destillierte.

Kommentare (2)

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Account gelöscht!

23.06.2014, 10:58 Uhr

Zu Ihrer Schlagzeile fällt mir ein Gespräch mit meiner Schwester wieder ein (gefühlte 30 Jahre her):

Ich: "Was ist eigentlich der Sinn des Lebens?"
Sie (diese kauend):
"Schokolade essen."

Nun ja. Jeder wie er will und kann.

Account gelöscht!

23.06.2014, 12:01 Uhr

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