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24.06.2012

10:38 Uhr

Deutsche Reedereien

Seefahrer sehen sich im Abwärtsstrudel

VonSebastian Ertinger

Die Stimmung unter den Reedern ist düster. Wirtschaftskrise, Überkapazitäten und Piraten belasten die Handelsfahrer. In der Branche geht die Furcht um, dass etliche deutsche Reedereien das nächste Jahr nicht überstehen.

Reeder ringen mit der Wirtschaftsflaute und Attacken von Piraten. dpa

Reeder ringen mit der Wirtschaftsflaute und Attacken von Piraten.

Düsseldorf/HamburgDie deutsche Handelsschifffahrt steckt tief in der Krise. Die Hoffnungen auf einen Aufschwung verpuffen. Die Aussichten für das kommende Jahr erschienen ebenfalls düster. Dies geht aus der jährlichen Branchenumfrage der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC hervor.

So bezweifelt derzeit mehr als die Hälfte der 101 befragten Reeder, dass sich die Marktbedingungen in naher Zukunft wieder verbessern. Über 80 Prozent der Befragten sind zudem der Ansicht, dass „etliche deutsche Reedereien das nächste Jahr nicht überstehen“ werden.

Die Handelsschifffahrt weltweit leidet unter einer dramatischen Schwäche. Die Reeder können für den Transport von Containern oder Schüttgut nur geringe Margen durchsetzen und fahren Verluste ein. Der hohe Preis für Schiffssprit belastet die Unternehmen zusätzlich.

Gut ein Drittel der Reedereien sah sich laut der Umfrage dazu gezwungen, einen Teil der Flotte vorübergehend außer Dienst zu stellen. Vor einem Jahr hatten gerade einmal fünf Prozent der Befragten mit der Stilllegung von Schiffen gerechnet.

Grund dafür ist die geringe Auslastung der Schiffe durch die Wirtschaftsflaute in Europa, welche die weltweite Konjunktur belastet. Berichteten vor einem Jahr noch fast 90 Prozent der Reeder über eine Vollbeschäftigung ihrer Schiffe, liegt die Quote derzeit nur noch bei 70 Prozent. Damit ist die Auslastung sogar niedriger als im Jahr 2010 mit 80 Prozent. Bereits in den vergangenen zwölf Monaten musste mehr als jeder zweite Reeder geplante Investitionen verschieben.

Entführte Schiffe

Beluga Nomination

Seeräuber griffen im Januar 2011 die „Beluga Nomination“ an und kaperten den 132 Meter langen Frachter, der unter der Flagge von Antigua und Barbuda fuhr. Das Schiff wurde nach Angaben der deutschen Reederei im Indischen Ozean etwa 800 Seemeilen nördlich der Seychellen angegriffen – fernab der international definierten Hochrisikozone am Horn von Afrika.

Fast drei Monate war die Besatzung der "Beluga Nomination" vor Haradhere an der Ostküste Somalias festgehalten worden. Zuvor schon hatten sich an Bord höchst dramatische Ereignisse abgespielt. Erstmals waren auf einem gekaperten deutschen Schiff Todesopfer zu beklagen.

Nach dem Angriff hatten zwei Kriegsschiffe die Verfolgung aufgenommen und nördlich der Seychellen das Feuer auf die Piraten eröffnet. Dabei wurde der Maschinenraum getroffen und einer der Piraten getötet. Zwei Besatzungsmitglieder nutzten die Situation zur Flucht in einem Rettungsboot. Ein Ingenieur ertrank hingegen, nachdem er von Bord gesprungen war. Zwei Seemänner wurden von den Piraten aus Rache nach dem Angriff erschossen.

Nach drei Monaten wurde die Besatzung schließlich gegen ein Lösegeld wieder freigelassen. Über die Höhe bewahrte die Reederei Stillschweigen.

Ems River

Das von Piraten vor Somalia gekaperte deutsche Frachtschiff „Ems River“ ist nach mehr als zwei Monaten wieder freigekommen. Während sich die Reederei beim Thema Lösegeldzahlung bedeckt hielt, prahlten die Entführer mit einer fetten Beute. „Wir haben die ‚Ems River‘ gerade verlassen nach dem Erhalt von drei Millionen Dollar Lösegeld“, sagte ein Pirat der Nachrichtenagentur Reuters.

Das knapp 100 Meter lange, unter der Flagge von Antigua und Barbuda fahrende Schiff war am 27. Dezember 2011 etwa 175 Seemeilen vor Oman mit acht Besatzungsmitgliedern an Bord entführt und von Seeräubern an die somalische Küste gebracht worden.

Irene SL

Das im Februar 2011 gekaperte Schiff der griechischen Reederei Enesel hatte 266.000 Tonnen Rohöl an Bord. Das entspricht etwa 20 Prozent der täglichen Ölimporte der Vereinigten Staaten, wie die Tankschifffahrts-Vereinigung Intertanko mitteilte. Geschätzter Wert der Ladung des Supertankers: zwischen 150 und 200 Millionen Dollar.

Savina Caylyn

Besorgnis erregend für Experten war, dass das im Frühjahr 2011 gekaperte Schiff, die "Savina Caylyn" mit einer Ladung im Wert von geschätzt 63 Millionen Dollar, vor der indischen Küste angegriffen worden ist - mehr als 800 nautische Meilen (etwa 1480 Kilometer) von der Piratenhochburg Somalia entfernt.

Sirius Star

Für den 2008 gekaperten Tanker "Sirius Star" konnten Piraten drei Millionen Dollar herausschlagen.

Maran Centaurus

Für den griechischen Öltanker "Maran Centaurus" wurden 2007 sieben Millionen Dollar fällig.

Samho Dream

Die Freilassung der 2007 geenterten, südkoreanischen "Samho Dream" kostete die Reederei 9,5 Millionen Dollar, wie das US-Magazin Wired berichtet.

Auf den ersten Blick erscheint die Tatsache kurios, dass trotz der Wirtschaftskrise das weltweite Transportvolumen sogar wächst. "Jedoch ist das Angebot an Schiffsraum durch zahlreiche in den Vorjahren bestellte Schiffe deutlich stärker gewachsen", sagt Claus Brandt, Leiter des Kompetenzzentrums Maritime Wirtschaft bei PwC. Dies führe zu geringen Auslastungen und sinkenden Frachtraten. "Besonders Reeder, die ihre Schiffe an die großen Linienreedereien verchartern, kommen durch den Ratenverfall in wirtschaftliche Schwierigkeiten“, erläutert Brandt.

Die Krise trifft vor allem die kleineren Reedereien. Sie stehen im aktuellen Marktumfeld besonders unter Druck. Von den befragten Unternehmen mit weniger als 100 Millionen Euro Jahresumsatz rechnen nur 48 Prozent mit steigenden Erlösen. Fast 20 Prozent der Kleinreeder fürchten Einbußen. Demgegenüber sehen sich gut zwei von drei der großen Reedereien auf Wachstumskurs.

Ein weiteres Problem belastet die Branche: die Attacken von Piraten. Im vergangenen Jahr sind vor der Küste Somalias 49 Schiffe mit insgesamt 1000 Seeleuten entführt worden. Noch immer sind mehr als 30 Schiffe in der Hand der Seeräuber, die entweder um Lösegeld feilschen oder gekaperte Schiffe als Mutterschiff einsetzen, um auch fernab der Küste ihr Unwesen zu treiben. Deutsche Reeder betreiben die drittgrößte Handelsflotte der Welt nach Japan und Griechenland. Folglich sind deutsche Handelsfahrer besonders von den Angriffen der Piraten betroffen.

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