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15.04.2014

23:16 Uhr

Die EU und „Made in Germany“

Geprüft und für deutsch befunden

VonMartin Dowideit

„Made in Germany“ gilt als Garant für Qualität. Doch bislang gab es keine klaren Regeln für das Siegel. Die Europäische Union hat nun Vorgaben durch die Hintertür eingeführt. Was Deutsche fürchten, freut Italiener.

„Made in Germany“ – die EU könnte Regeln für das Siegel festzurren. dpa

„Made in Germany“ – die EU könnte Regeln für das Siegel festzurren.

DüsseldorfDie Schweiz nimmt es genau: Eine Schweizer Uhr darf sich nur dann „Swiss made“ nennen, wenn das Uhrwerk zu mindestens 50 Prozent aus Schweizer Teilen besteht, dort „eingeschalt“ wird und die Endkontrolle in der Schweiz stattfindet.

Jenseits der Landesgrenze sieht das anders aus. Wenn „Made in Germany“ auf Produkte gedruckt werden soll, gibt es keine eindeutige Vorgabe. Auch wenn eine Maschine oder ein Kleidungsstück zu mehr als 90 Prozent im Ausland gefertigt wurden, kann es die wertvolle Herkunftsbezeichnung „Made in Germany“ tragen – solange die wenigen letzten Prozent der Fertigung in Deutschland erledigt wurden. Lediglich in Einzelfällen haben Gerichte eine zu großzügige Interpretation abgestraft.

Die wichtigsten Fakten zum deutschen Gütesiegel

Ursprung in Großbritannien

Die Bezeichnung „Made in Germany“ - in Deutschland hergestellt - war ursprünglich als Schutzmaßnahme für die britische Wirtschaft gedacht. Nach dem 1887 erlassenen britischen Handelsmarkengesetz mussten alle nach Großbritannien eingeführten Waren als ausländische Erzeugnisse gekennzeichnet sein.

Schutz vor den Deutschen

Das Gesetz zielte hauptsächlich gegen die aufstrebende deutsche Industrie, die britische Industriemarken kopierte. Dem britischen Käufer sollte so vermeintlich „schlechte und billige“ Massenware angezeigt werden, damit er sie schnell von einheimischer Ware unterscheiden konnte.

Symbol der Zuverlässigkeit

Schon bald wurde die Bezeichnung allerdings zu einem Symbol für Zuverlässigkeit und Qualität, gegen das auch das Motto „Buy British“ nicht ankam. Die deutsche Wirtschaft entschloss sich, das Qualitätssiegel „Made in Germany“ auch beim Export in Länder zu nutzen, die eine solche Ursprungsbezeichnung nicht forderten.

Die Zeit der Teilung

Die Teilung Deutschlands führte zu Problemen: Die Bezeichnung „Made in Germany“ wurde auch für DDR-Unternehmen zugelassen. Die West-Firmen wollten keine Verwechslung aufkommen lassen und änderten die Bezeichnung nach einem entsprechenden Urteil des Bundesgerichtshofs von 1974 in „Made in West Germany“. Einige Jahre nach der deutschen Einheit war der West-Hinweis wieder verschwunden.

Intervention aus Brüssel

Die Europäische Kommission stellte im Jahr 2004 nationale Herkunftsbezeichnungen wie „Made in Germany“ infrage. Doch Bundesregierung, Opposition und Wirtschaft sprachen sich einhellig für die Erhaltung des Gütesiegels „Made in Germany“ aus.

Während in der Schweiz der dort vorgeschriebene Anteil von 50 Prozent heimischer Produktion der Uhrenwerke immer wieder einmal als zu lasch kritisiert wird, wehrt sich die deutsche Industrie gegen eine ähnliche Regelung auf EU-Ebene für deutsche Produkte. Das Europäische Parlament hat am Dienstag die Initialzündung dafür gelegt. Deutsche Wirtschaftsverbände hielten das für einen Kollateralschaden einer eigentlich auf besseren Verbraucherschutz zielenden Verordnung.

Die Parlamentarier haben einen Vorschlag der Kommission angenommen, einheitliche Standards für „Made in ...“-Auszeichnungen festzulegen. Der Vorschlag wurde mit 485 Stimmen Ja-Stimmen. 130 waren dagegen und 27 Enthaltungen. Mit dem Regelpaket sollten eigentlich Probleme bei der Bestimmung des Ursprungslands fehlerhafter oder gefährlicher Produkte vorgebeugt werden. Doch die Verordnung bezieht sich bei der Definition des Ursprungsland eines Produkts auf die Zollregeln der Europäischen Union.

Danach stammen Waren aus dem Land, „in dem sie der letzten wesentlichen, wirtschaftlich gerechtfertigten Be- oder Verarbeitung unterzogen wurden“. Fertigung in Osteuropa, Verpackung und Produktkontrolle in Deutschland? Aus „Made in Germany“ müsste „Made in Czech Republic“ oder „Made in the EU“ werden.

Kommentare (4)

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15.04.2014, 16:27 Uhr

Verstehe die Aufregung der Verbände gar nicht. Wenn die Schweizer Variante käme, wäre doch klar mind. 50% Deutsch und in Deutschland entproduziert. Die ganze Aufregung lässt den Eindruck entstehen, es wird billigst produziert und Made in Germany drauf geschrieben damit man teurer verkaufen kann. Wäre doch gut, wenn das zukünftig nicht mehr ginge.

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15.04.2014, 16:51 Uhr

"Made in Germany" muss nicht unbedingt sein. Gestern fuhr ich auf der Autobahn hinter einem LKW, auf dessen Hecktür geschrieben stand "Kitchen .... german made" (also: in D hergestellte Küchen). So geht es doch, oder?

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15.04.2014, 17:04 Uhr

Ich wundere mich schon lange, wo so überall Made in Germany draufsteht, obwohl in Deutschland immer weniger produziert wird. Offenbar wird dieses Siegel vermehrt zu Täuschungszwecken eingesetzt.

Insofern ist der Widerstand der Verbände gut zu verstehen, die Täuschung erfolgt ja nicht zufällig sondern hat ein System.

Strenge Gesetze, am besten noch enger definiert als in der Schweiz, wären genau das Richtige, es diesen Betrügern schwerer zu machen die Verbraucher zu belügen.

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