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18.01.2011

17:29 Uhr

Die Großen dominieren

Konzentration bei Wirtschaftsprüfern nimmt dramatisch zu

ExklusivDie Konzentration der Wirtschaftsprüfer hat in Deutschland dramatische Formen angenommen. Die vier großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften teilen das Geschäfts mit den 160 führenden Aktiengesellschaften fast komplett unter sich auf.

DÜSSELDORF. Die Konzentration der Wirtschaftsprüfer hat in Deutschland dramatische Formen angenommen. Die vier großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften teilen sich 83 Prozent des Geschäfts mit den 160 führenden Aktiengesellschaften. Die zeigt der Handelsblatt-Firmencheck, eine Analyse der Bilanzen der Unternehmen aus den Börsensegmenten Dax, MDax, TechDax und SDax. Noch vor wenigen Jahren lag ihr Anteil bei 67 Prozent. Europaweit kontrollieren die Branchenführer 70 Prozent des Marktes.

Im Top-Segment der Aktiengesellschaften ist die Konzentration in Deutschland sogar noch höher als 83 Prozent. KPMG dominiert seit Jahren den Deutschen Aktienindex Dax - aktuell sind es 18 der 30 zu vergebenden Mandate. Die Mannschaft um Vorstandschef Rolf Nonnenmacher prüft die Bilanzen von Adidas bis ThyssenKrupp. Dax-Finanzkonzerne sind - bis auf die Commerzbank - ausnahmslos Klientel der KPMG.

Deutlich abgeschlagen im Leitindex Dax folgen Pricewaterhouse Coopers (PwC) mit derzeit acht Mandaten und E&Y mit vier. Diese beiden prüfen gemeinsam die Telekom. Deloitte, weltweit der Branchenführer mit 26,6 Milliarden Dollar Umsatz, spielt im Deutschen Aktienindex nur eine untergeordnete Rolle.

Wegen dieser hohen Konzentration bezeichnet EU-Kommissar Michel Barnier die Firmen Deloitte, Ernst & Young, KPMG und PwC als "systemrelevant". "Da brauchen wir keine Deregulierung. Wir brauchen mehr Regeln", folgert der EU-Kommissar. Allein in Deutschland streicht das Quartett 4,4 Milliarden Euro Honorar ein - bei einem relevanten Marktvolumen von 5,9 Milliarden Euro.

Zum Schrecken der Prüferbranche hat Barnier im vergangenen Herbst harte Eingriffe angekündigt: Staatlich festgelegte Honorare, Verteilung der Prüfmandate durch eine Behörde, Trennung von Bilanzprüfung und strategischer Beratung, regelmäßige Prüferwechsel bei den Firmen. Das so genannte Grünbuch Barniers treibt die ohnehin seit der Finanzkrise gescholtenen Wirtschaftsprüfer weiter in die Defensive.

Kommentare (1)

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Stefan L. Eichner

18.01.2011, 19:05 Uhr

barnier hat Recht, alarmiert zu sein. Man denke nur an Skandale wie Enron oder aktuell auch Lehman brothers, bei denen große Wirtschaftsprüfer involviert gewesen sind. Enron bedeutete das Ende für Arthur Andersen – seither gibt es nur noch vier große Global WP-Player. bei Lehman steht Ernst & Young unter beschuss.

Wir haben immer mehr Märkte, die durch eine ähnlich große Dominanz einiger weniger Konzerne gekennzeichnet sind und das wirkt sich mehr und mehr negativ auf für die Stabilität unseres marktwirtschaftlichen Wirtschaftssystems aus. Einmal weil es immer mehr Fälle von „Too big To Fail“ gibt, die im Krisenfall gerettet werden müssen. Zum anderen aber auch, weil solche Marktstrukturen dynamisch innovativen Wettbewerb schlicht unmöglich machen. Die kontrollierende und regulierende Kraft dynamischen Wettbewerbs fällt fort. Das sieht man an der Preisentwicklung, aber auch an den Skandalen sowie daran, dass der gerade auch von den Großen ausgehende Einfluss auf die Politik (Lobbyismus) dazu führt, dass die Rahmenbedingungen zugunsten ebendieser Großen gestaltet werden – zum Nachteil und auf Kosten des Restes der Wirtschaft und vor allen Dingen der bürger/Nachfrager.

bleibt zu hoffen, dass Herr barnier ernst macht. Aber davor wird er noch die Hürde „Ministerrat“ nehmen müssen und es steht zu befürchten, dass sich dort die „Lobbyisten“ der Großen durchsetzen werden. Wie auch immer: Mit strengen Regeln allein wird man den genannten Grundproblemen solcher Marktstrukturen nicht wirksam begegnen können.

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