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09.03.2006

07:00 Uhr

Dietrich Hoppenstedt im Interview

„Vorstand der Börse muss standhaft bleiben“

Der Präsident des Sparkassenverbandes DSGV, Dietrich Hoppenstedt, wehrt sich gegen eine Zerschlagung der Deutschen Börse, wie sie sich aus Plänen der EU-Kommission zu einer Reform der europäischen Wertpapierabwicklung ergeben könnte. Im Gespräch mit dem Handelsblatt wandte sich Hoppenstedt gegen „die willkürliche und erhebliche Beeinträchtigung bestehender Marktmodelle auf dem Rücken inländischer Privatanleger“.

Der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, Dietrich Hoppenstedt. Foto: dpa

Der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, Dietrich Hoppenstedt. Foto: dpa

HB: Die Zukunft der Deutschen Börse hängt in der Schwebe. Die Rolle der Hedge Fonds ist unklar, viele Gerüchte über eine Fusion hängen in der Luft. Ist diese Unsicherheit eigentlich eine Belastung für den Finanzplatz?

Hoppenstedt: Die Unsicherheit resultiert ja daraus, dass einige einflussreiche Aktionäre der Deutschen Börse nicht primär an einer sinnvollen strategischen Weiterentwicklung der Börse interessiert sind, sondern an der schnellen Realisierung ihrer Gewinnerwartungen. Wir haben es hier also mit einem Auseinanderdriften von kurzfristigen Aktionärsinteressen einerseits und der langfristigen Interessenlage des Unternehmens sowie seiner Nutzer andererseits zu tun. Im Fall der Börse ist das deshalb so problematisch, weil es sich hier um eine Infrastruktur von fundamentaler volkswirtschaftlicher Bedeutung handelt. Es ist aber weniger die Unsicherheit als solche, die mich beunruhigt, als der Umstand, dass sich unter den Aktionären der Deutsche Börse AG so gut wie keine deutschen Marktteilnehmer mehr befinden. Das heißt: Die deutsche Kreditwirtschaft kann sich zwar viele kluge Gedanken über eine Weiterentwicklung der Börsenlandschaft machen - entscheiden tun darüber andere. Und für die hat das weitere Schicksal des deutschen Finanzplatzes im Zweifel keine Priorität. Wir können also im Moment nur darauf vertrauen, dass der Vorstand der Börse standhaft bleibt und sich für den Finanzplatz schädlichen Fusionsszenarien widersetzt. Nur noch mal: Entschieden wird dies letztlich nicht vom Vorstand, sondern von den Aktionären, faktisch also von den Hedge-Fonds.

HB: Was halten Sie von einer Fusion der Deutschen Börse mit der Euronext? Was wären die Vorteile, was wären die Nachteile für den Finanzplatz?

Hoppenstedt: Man muss sich grundsätzlich die Frage stellen, ob eine Börsenfusion überhaupt notwendig ist. Die Deutsche Börse steht auch auf einer Stand alone-Basis derzeit glänzend da. Sie ist nicht nur außerordentlich profitabel, sondern auch bei Produktqualität und Systementwicklung sowohl im Kassa- als auch im Derivatemarkt in Europa führend. Die inländischen Kunden der Börse, zu denen nicht zuletzt die Sparkassen-Finanzgruppe zählt, können deshalb sicherlich auch ohne eine Börsenfusion gut auskommen.

Allerdings leben wir weder in Deutschland noch in Europa auf einer Insel. Insoweit liegt es auch im Interesse des deutschen Finanzplatzes, eine europäische Börsenkonsolidierung mitzugestalten, bevor uns eine solche Konsolidierung von außerhalb, etwa seitens der New Yorker Börse aufgedrängt wird. Eine länderübergreifende kontinentaleuropäische Börsenfusion hätte insoweit sicherlich einen gewissen Charme. Entscheidend ist jedoch, unter welchen Bedingungen eine solche Fusion stattfindet. Herr Francioni hat in der vorvergangenen Woche mit begrüßenswerter Klarheit dargelegt, dass eine Fusion mit der Euronext an zwei Kernbedingungen geknüpft ist: Sitz der fusionierten Börse muss Frankfurt sein, und das erfolgreiche inländische Geschäftsmodell der Börse muss unverändert fortgeführt werden. Dies bedeutet vor allem, dass die Clearstream Teil der Gruppe Deutsche Börse bleibt. Dasselbe gilt für den von der Eurex so erfolgreich betriebenen Derivatemarkt. Hierin verdient Herr Francioni uneingeschränkte Unterstützung.

HB: Sollte Deutschland auf dem Verbleib des Firmensitzes in Frankfurt drängen? Warum?

Hoppenstedt: Ja, unbedingt. Hier geht es nicht nur um Symbolik. Am Unternehmenssitz hängen viele wichtige praktische Fragen: Wo finden System- und Produktentwicklungen statt? Wo der Dialog zwischen Unternehmensführung und Marktteilnehmern? Auf wessen Bedürfnisse wird bei der Weiterentwicklung von Marktsegmenten und Prozessabläufen Rücksicht genommen. Letztlich: Wo liegt der Kern der Wertschöpfungskette? Ob sich all dies in Frankfurt oder anderswo abspielt, ist ein zentrales Finanzplatzthema. Schließlich ist daran zu erinnern, dass die Deutsche Börse AG als Trägerin der Frankfurter Wertpapierbörse einen öffentlichen Auftrag zu erfüllen hat. Dies lässt sich nicht nachhaltig sicherstellen und beaufsichtigen, wenn eine fusionierte Börse ihren Sitz außerhalb Deutschlands hat.

HB: Auf welche Börsenfunktionen könnte der Finanzplatz am ehesten verzichten?

Hoppenstedt: Auf keine. Die enge Verzahnung von börslichen und nachbörslichen Dienstleistungen sowohl im Kassa- wie im Derivatemarkt lässt ein Herausbrechen einzelner Funktion aus der Prozesskette nicht zu.

HB: Was halten sie von Herrn Kochs Vorschlag, einen harten deutschen Aktionärskern zu bilden? Würden sich die Sparkassen beteiligen?

Hoppenstedt: Im Grundsatz ist dieser Vorschlag vollkommen richtig. Wie gerade die jüngste Vergangenheit gezeigt hat, ist es fatal, wenn die Nutzer einer Börse nicht über eine substantielle Aktionärsstellung verhindern können, dass die Börse zum Spielball primär spekulativ agierender Finanzinvestoren wird. Das Beispiel der Euronext mit der dortigen Bündelung des Bankeneinflusses zeigt, dass man dies in Frankreich verstanden hat. Angesichts des spekulativ überhitzten Börsenkurses der Deutsche Börse AG-Aktie lässt sich der Vorschlag von Ministerpräsident Koch jedoch auf absehbare Zeit nicht realisieren. Die Einstandspreise für ein solches Engagement wären schlichtweg nicht vertretbar. So lange die deutschen Marktteilnehmer keine gesellschaftsrechtliche Kontrolle ausüben können, kommt deshalb der Börsenaufsicht eine um so wichtigere Funktion zu. Insoweit ist die jüngste Initiative des Hessischen Wirtschaftsministeriums für erweiterte Befugnisse der Börsenaufsicht bei der Anteilseignerkontrolle nachdrücklich zu begrüßen. Sie verdeutlicht, dass Unternehmen mit übergeordneten Aufgaben für die Gemeinschaft nicht den kurzfristigen Kapitalmarktinteressen Weniger ausgesetzt werden können. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch, dass wir die inländischen Privatanleger wieder zurück in die Hauptversammlungen bringen, um einem überproportionalen Einfluss einzelner Finanzinvestoren entgegenzuwirken. Wir wollen mit unserer jüngsten Initiative zur Deregulierung des Depotstimmrechts hierzu einen Beitrag leisten, der sich auch positiv auf die Hauptversammlungspräsenz der Deutsche Börse auswirken würde.

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