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13.07.2015

10:34 Uhr

Discounter-Expansion

Wie Aldi die Welt erobert

VonAnnkathrin Frind

Wird die ganze Welt zum Aldi-Land? Die Expansionsstrategen des Discounter-Duos spannen die Filialnetze immer weiter aus. Doch nur eines der beiden Unternehmen ist im Ausland tatsächlich erfolgreich.

Die Welt wird aldisiert. dpa

Aldi-Markt in London

Die Welt wird aldisiert.

DüsseldorfAls Janel das erste Mal im Aldi-Markt an der Grayson Road in Harrisburg/Pennsylvania einkauft, braucht sie eine Gebrauchsanweisung. Eine Viertel-Dollar-Münze soll sie in den kleinen Schlitz des Einkaufswagens schieben, liest sie auf dem Schild am Ladeneingang – und wundert sich.

Als die Amerikanerin den ausgelösten Einkaufswagen durch die geöffnete Schiebetür aus Glas bugsiert, stellt sie verstört fest, dass niemand hinter den Kassen steht, der gekaufte Waren, wie sonst immer, in braune Gratis-Tragetüten stopft. All das ist ihr aus dem Wal-Mart unbekannt, wo sie üblicherweise ihre Einkäufe erledigt. Janel, die sich bei Youtube „The Good Deal Mama“ nennt, war so erstaunt, dass sie über ihren ersten Kontakt mit dem Discounter-Weltreich der Gebrüder Albrecht ein Video drehte und ins Netz stellte. Nun lernt Amerika im Internet, was den Discount-König aus Germany so erfolgreich gemacht hat – und was ihn immer größer werden lässt.

Wie Aldi groß wurde

Die Idee

Wer hatte eigentlich die Idee Aldi so zu gründen, wie wir es heute kennen? Es wird wohl nie endgültig zu klären sein. Aber viele Indizien deuten darauf hin, dass es eher Karl Albrecht war als sein Bruder Theo. Das soll aber nicht schmälern, welch wichtigen Beitrag auch Letzterer beitrug.

Wiege im Hinterstübchen

Der Krieg war aus. 1946 im zerbombten Essen-Schonnebeck begann die Erfolgsgeschichte zwischen Lebensmittelkartons und Krämerware. Das Brüderpaar Karl und Theo Albrecht erkannte die Chance, die die Phase der sozialen Umorientierung bot. Sie bauten den Tante-Emma-Laden der Eltern aus.

Es reicht nicht

Karl und Theo Albrecht erkannten rasch, dass der Laden der Eltern ihnen beiden keine Zukunftsaussicht bot. Sie entdeckten die betriebswirtschaftliche Zauberformel der Zeit „Nachfrage versus Bedarfsdeckung“ für sich und schafften es, sie im Sinne des Kunden zu lösen.

Das geniale Gespann

Karl und Theo Albrecht lebten  die Anforderungen der damaligen Zeit in perfekter Symbiose. Sie hatten weder äußerlich viel gemeinsam noch waren sie ähnlich gepolt. Theo überragte seinen Bruder um Kopfeslänge. Doch der „Kleinere“ war Vordenker und Impulsgeber. Ungeduldig, beredt, rastlos, bisweilen explosiv war Karl. Theo wirkte dagegen eher zurückhaltend, sogar zögerlich abwägend.

Die Aufgabenteilung

Die beiden Brüder waren in ihrer uniformen Arbeitsauffassung füreinander ein Glücksfall. Von vornherein waren die Aufgaben geteilt: Karl versah den Innen-, Theo den Außendienst. Sprich: Karl kümmerte sich um die schwierige Einkaufspolitik. Es war nicht einfach, die richtige Ware preiswert und in ausreichende Menge zu erhalten. Theo betreute die Verkaufsstellen sowie die Verwaltung und Buchhaltung.

Der Aufstieg

1946 begann es mit dem kleinen Laden der Eltern. 1950 nannten die beiden Brüder eine Kette von 13 Läden inklusive Bedienungen ihr Eigen. Nun strukturierten sie ihre Läden nach dem Discountprinzip um. 1961 trennten sie ihre Geschäfte in Aldi Nord und Aldi Süd.

Die Lebensweise der Brüder

Zur moralischen Stabilität ihrer Konzerne trug maßgeblich die persönliche Lebensweise der Brüder bei. Beide waren im Auftreten zurückhaltend und lebten bescheiden. Sie waren nach alter Schule nach den Prinzipien Sparsamkeit und Kargheit erzogen.

Der einzige Luxus

Als einzigen „Luxus“ erlaubten sie sich ein eigenes Auto. Auf sein Golfschloss in Donaueschingen schickte Karl Albrecht seine Führungskräfte zum Entspannen. Die Brüder kannten keine Scheu vor ihrer kleinbürgerlichen Herkunft. Die Adresse Huestraße 89 in Essen-Schonnebeck wollten sie nie abstreifen. Sie waren stets praktizierende Katholiken und wollten in der Öffentlichkeit so wenig wie möglich wahrgenommen werden.

In dubio pro Theo

Theo Albrecht hatte eine Marotte: Er wollte jede Filiale sehen, bevor die zentrale Schreinerei an die Fertigung der Regale und Einrichtungsteile ging. Dabei kümmerte den Hobbyarchitekten die Delegation von Aufgaben zur eigenverantwortlichen Erledigung nur bedingt. Es galt: In dubio pro Theo.

Strategische Grundsatzentscheidung

Es gab durchaus Spannungen zwischen Theo und Karl Albrecht. Besonders deutlich wurde das beim ersten Schritt über die Grenzen Deutschlands. 1971 expandierte Aldi nach Österreich. Karl war es, der die Familie als erster international aufstellte. Heute firmiert Aldi Süd in Österreich übrigens unter dem Namen „Hofer“.

Die Aldi-Burka

Verschwiegenheit war stets Trumpf im Hause Albrecht. Aldi lässt sich partout nicht in die Karten schauen. Die totale Verschleierung aller Kulissen ist institutionalisiert. So wenig undichte Stellen wie möglich, lautet die Devise.

Selbstverordnete Kasteiung

Die Brüder gaben sich Maßregeln, die zu unverrückbaren internen Prinzipien wurden: Keine Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Keine Firmensprecher. Keine Interviews im Radio oder Fernsehen. Keinerlei mondäner Lifestyle. Keine Lobbyarbeit. Keine Firmenjubiläen. Lückenlose Rückgabe von Werbegeschenken.

Zurückhaltung aus gutem Grund

Die Zurückhaltung hatte einen guten Grund: Abgucker und Schmarotzer sollte keine Gelegenheit  zur Einsicht in Interna haben. Die innovative Discount-Struktur war eine zarte Pflanze und schutzbedürftig. Das neue Konzept musste sich in Ruhe verfestigen. Erfahrungen waren Gold wert.

Der Verwaltungsrat

Aldis Verwaltungsrat ist ein frei schwebendes Organ. Gesellschaftsrechtlich ist es nirgendwo in den Statuten eingebunden. Seine Mitglieder haben freiberuflichen Status, sind aber dennoch die „Macher“: Der Verwaltungsrat ist das zentrale Machtorgan des Konzerns. Aldi steht seit jeher zu seinem Führungssystem, dass sich mit dem Wort Durchgriffs-Management am besten umschreiben lässt. Der Verwaltungsrat hat den Alleinführungsanspruch.

Der Mustermitarbeiter

Aldi stellte stets besondere Anforderungen an seine Mitarbeiter und richtet seine Personalsuche darauf ab. Vorstellungsgespräche sind exzessiv angelegt, manchmal über mehrere Sitzungen. Man lotet die charakterlichen und sozialen Hintergründe des Bewerbers genau aus. Personalvermittlungen kommen nicht zum Zug.

 

Das Aldianer Stellenprofil

Natürlich variiert das Anforderungsprofil je nach Stelle, aber es gibt gewisse Grundvorstellungen: Der Bewerber sollte unauffällig und zurückhaltend im Auftreten sein, seine Bekleidung schlich und gediegen, seine Herkunft möglichst bodenständig, die Familienverhältnisse geordnet, Sparsamkeit wird sehr geschätzt wie auch Pflichtbewusstsein und Normalität hinsichtlich des Lebensprinzips.

Hauseigene Führungskräfte

Das Warenumschlagssystem von Aldi mit seinen schematisierten Abläufen erfordert erfahrene Praktiker. Es wird nicht vorrangig Kopfarbeit am Schreibtisch verlangt. Wer richtig aufsteigen wollte, hatte bei den Albrechts eine Ochsentour vor sich. Ein Akademikerstatus ist entbehrlich.

Zeitmanagement und Prämien

Für Aldi liegt das Geheimnis des langfristigen Erfolges im Zeitmanagement der Führungskräfte. Es gibt eine detaillierte Planungsphilosophie und strenge Normen nach dem Motto: Plan dich oder friss dich! Zudem hat Aldi ein umfangreiches Prämiengerüst. Bezirksleiter bekommen solche und vergeben wiederum welche an ihre Filialleiter. Einzig der Geschäftsführer bekommt keine Prämie.

Die Handbücher

Wer den Ansprüchen Aldis gerecht werden will, muss sie beherrschen: die Handbücher. Das gilt aber vor allem für die regionalen Geschäftsführer. Aldi Nord hat im Laufe der Jahre alles, was Firmeninterna angeht, in solchen Handbüchern fortgeschrieben. Da ist einiges Zusammengekommen – viel Lesestoff.

Wenig zu lachen

Aldi-Mitarbeiter lachen wenig. Zu stark lastet der Druck auf allen. Er wird von der Spitze her aufgebaut und durchgereicht. Das einzige, was lacht, ist die Liquidität.

Der Autor

Es ist auch für Journalisten vom Fach sehr schwierig, Details über die beiden Aldi-Konzerne herauszubekommen. Das Unternehmen ist nicht börsennotiert und somit nur zu bestimmten Veröffentlichungen verpflichtet. Umso wertvoller sind glaubwürdige und detaillierte Berichte, wie sie Eberhard Fedtke in seinem Buch geliefert hat. Er war viele Jahre lang Gesellschafter bei dem Konzern.

 

Bibliografie:

Eberhard Fedtke

Aldi Geschichten. Ein Gesellschaftler erinnert sich

NWB Verlag, Herne 2011

296 Seiten

Die einst reichsten Deutschen, die Aldi-Gründer Karl und Theo Albrecht, gelten über ihren Tod hinaus als die größten Pioniere des deutschen Einzelhandels. Sie haben mit ihren beiden Unternehmen Aldi Nord und Aldi Süd das Discount-Prinzip im Lebensmittelhandel zunächst in Deutschland perfektioniert: Übersichtliches Angebot zu Niedrigstpreisen. Eine Sorte Seife, nicht sieben, zwei Sorten Nudeln, nicht neun. Doch mittlerweile lehren sie die ganze Welt das sparsame Einkaufen.

Das Imperium der Brüder umfasst derzeit rund 10.350 Filialen in 17 Ländern, schätzt Denise Klug, Handelsanalystin bei Planet Retail. Und das nicht nur in Europa. Auch in den Vereinigten Staaten können die Kunden schon heute in mehr als 1300 Filialen entlang der Ostküste abgepacktes Gemüse, Müsli und Brot kaufen. Bis 2018 sollen sogar noch 650 Märkte dazukommen. Derzeit beläuft sich der geschätzte Umsatz im US-Geschäft allein auf sechs Milliarden Euro.

Selbst Schnäppchenjäger in Down Under treiben die Billigheimer zunehmend in ihre Läden. 2001 hatte Aldi Süd seine ersten beiden Läden in Sydney eröffnete, derzeit sind es rund 450. Eine Aldi-ähnliche Kette namens Franklins hatte sich dort zuvor nie durchgesetzt. „Der Eintritt von Aldi hat den australischen Lebensmittelmarkt gehörig aufgemischt“, sagt Klug.

Innerhalb von nur drei Jahren hat Aldi den Vorsteuergewinn in Australien auf 174 Millionen Euro mehr als verdoppelt, wie aus einer Mitteilung vom Montag hervorgeht. Der Discounter plant angeblich, dort in Zukunft 500 bis 600 Läden zu betreiben. Down Under will Aldi Süd dafür weitere zwei Milliarden Euro investieren.

Nicht die einzige Großinvestition. Noch in diesem Jahr sollen in Großbritannien weitere 60 Filialen entstehen. 557 gibt es dort bereits – genug, um den einst stolzen Lebensmittelriesen Tesco in die roten Zahlen zu treiben.

Das Aldi-Imperium soll sich Brancheninsidern zufolge demnächst auch auf China ausdehnen. Gleichzeitig wird Italien aldisiert – alles unter der Regie von Aldi Süd.

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