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21.01.2012

13:48 Uhr

Drogerie-Kette

Was wird aus Schlecker?

Tausende Mitarbeiter bangen um ihren Job, seitdem die Drogeriekette bekanntgegeben hat, dass sie pleite ist. Über die Gründe wird spekuliert. Kunden sind nicht überrascht. Indes zeigt Konkurrent Rossmann wenig Interesse.

Eine von 7.000 Schlecker-Filialen in Deutschland. dpa

Eine von 7.000 Schlecker-Filialen in Deutschland.

Ehingen, BerlinNach der angekündigten Insolvenz von Deutschlands größter Drogeriekette Schlecker gehen die Spekulationen über die Zukunft des Familienunternehmens weiter. Konkurrent Rossmann hat nur an 50 bis 80 Schlecker-Märkten Interesse. Das sagte Unternehmenschef Dirk Roßmann dem Nachrichtenmagazin „Focus“.

„Ich wage die Prophezeiung, dass der Insolvenzverwalter nicht viele Läden weiter betreiben wird können“, sagte Roßmann weiter. Die allermeisten der noch rund 7000 Märkte in Deutschland müssten schließen, weil sie nicht mehr zeitgemäß seien. „Die Wettbewerber Rossmann, dm und Müller sind dieser Kette schon vor Jahren meilenweit enteilt“, so Roßmann.

Das bestätigen auch Umfragen bei Verbrauchern: Demnach ist Schlecker seit Jahren auf dem absteigenden Ast. Aktuell lägen die Imagewerte von Schlecker mit minus 37,8 Punkten „dramatisch unter“ den äußerst beliebten Marken Rossmann (plus 79,4) und dm (88,3), heißt es in einer Markenstudie des Meinungsforschungsinstituts YouGov. „Auch die neue Strategie des Unternehmens hat nicht zu einer Trendwende geführt - die Lage ist aus Markensicht seit längerer Zeit ernst“, bilanziert YouGov.

Insolvenz von Schlecker: Totalschaden statt Turnaround

Insolvenz von Schlecker

Totalschaden statt Turnaround

Nach der Pleite bleiben viele Fragen offen, darunter: Was bedeutet das für Anton Schlecker persönlich?

Das Institut befragt für aktuelle Markenstudien in Deutschland nach eigenen Angaben täglich mehr als 2.000 Personen. Demnach befand sich der Image-Wert von Schlecker Anfang 2008 noch im positiven Bereich. „Seitdem zeigt sich ein schleichender aber weitgehend kontinuierlich Abstieg.“ Auch wirtschaftlich könne Schlecker nicht mit der Konkurrenz mithalten, urteilt Unternehmer Roßmann. Mit einem monatlichen Umsatz von im Schnitt 20.000 Euro wie bei Schlecker könne man auf Dauer kein erfolgreiches Drogeriemarkt-Konzept betreiben. „Rossmann und dm kommen monatlich im Schnitt auf Erlöse von 300.000 Euro.“

Das Familienunternehmen aus Ehingen hatte am Freitag mitgeteilt, dass Deutschlands größte Drogeriekette zahlungsunfähig ist und eine so genannte Planinsolvenz angekündigt. Ein solches Verfahren ist in der Insolvenzordnung ausdrücklich vorgesehen, wenn es darum gehen soll, ein Unternehmen möglichst zu erhalten. Der Insolvenzantrag werde „kurzfristig“ eingereicht. Das könne Montag oder Dienstag sein, sagte ein Unternehmenssprecher am Samstag der Nachrichtenagentur dpa. Schlecker will große Teile des schrumpfenden Filialnetzes erhalten - und damit auch viele der etwa 30.000 Jobs in Deutschland.

Wie es mit Schlecker weitergeht

Schwierige Verhandlungen mit Gläubigern

Erst in den kommenden Wochen und Monaten wird es sich entscheiden, ob der Drogerieriese Schlecker es schafft, eine völlige Pleite und das Aus für die rund 30.000 Mitarbeiter in Deutschland abzuwenden.

Überzeugungsarbeit

Die Spitze von Deutschlands bislang größtem Drogeriekonzern Schlecker muss Überzeugungsarbeit leisten. Gelingt es der Familie und dem Management, die Gläubiger von einem Insolvenzplan zu überzeugen? Wie geht es weiter?

Die Planinsolvenz

Schlecker hat den Antrag auf eine Planinsolvenz beim zuständigen Amtsgericht Ulm eingereicht. Das Verfahren ähnelt dem amerikanischen sogenannten Chapter 11, mit dessen Hilfe sich dortige Unternehmen in weitgehender Eigenregie sanieren, um als Firma erhalten zu bleiben. Noch äußert sich Schlecker nicht dazu, wie ein solcher Plan genau aussehen könnte.

Filialen schließen

Es ist davon auszugehen, dass noch weit mehr Filialen als geplant geschlossen werden. Bislang sollte dieser Prozess Ende des ersten Quartals abgeschlossen sein - mit mehreren hundert weiteren dichtgemachten Läden, weit über 1000 seit Anfang des vergangenen Jahres. Zudem werden die Beschäftigten Federn lassen müssen.

Die dringendsten Probleme

Schlecker selbst hat eine ausgefallene „Zwischenfinanzierung“ als Ursache für die Insolvenz genannt. Nach übereinstimmenden Berichten verschiedener Medien und dpa-Informationen ging es um Zahlungen an den Einkaufsverbund Markant. Dieser und andere Gläubiger müssen also dem Sanierungskonzept Vertrauen schenken, so dass frische Ware in die Läden kommt.

Rolle der Banken

Meike und Lars Schlecker hatten im Dezember erklärt, es habe bereits „die eine oder andere Vereinbarung“ mit Banken gegeben. Um Investoren zu finden, hat die Drogeriekette angeblich den Ex-Edeka-Chef Alfons Frenk engagiert. Schlecker bestätigte Verhandlungen über einen Einstieg von Finanzinvestoren nicht, über die das „Manager Magazin“ berichtet hatte.

Wie sicher sind die Arbeitsplätze?

Bislang hat Schlecker allen Filialschließungen zum Trotz keine betriebsbedingten Kündigungen ausgesprochen. Das Management verlängerte Zeitverträge nicht oder besetzte frei werdende Stellen nicht neu. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi bestätigt das, fordert jetzt aber vollen Einsatz für die allein in Deutschland rund 30.000 Beschäftigten.

Gehälter vorerst sicher

Eigentlich gilt bis Mitte 2012 ein Beschäftigungssicherungsvertrag - Mitarbeiter können nur gegen eine entsprechende Abfindung ausscheiden. Zumindest die Gehälter sind durch das Insolvenzausfallgeld für die ersten drei Monate des Verfahrens gesichert.

Beispiele für gelungene Planinsolvenzen

Zum Beispiel die Modekette Sinn Leffers oder den Fall Karstadt. Bei Sinn Leffers waren allerdings harte Einschnitte nötig: nur 25 von 47 Standorten blieben erhalten, rund 1300 Jobs wurden gestrichen. In Baden-Württemberg hat der Modelleisenbahnhersteller Märklin es geschafft, sich dank eines Plans aus der Insolvenz zu verabschieden. Das war aber auch nur möglich, weil sich die wichtigsten Gläubiger darauf einigten, einen Teil ihrer Forderungen in Millionenhöhe erst später beglichen zu bekommen.

Hat Schlecker eine Chance auf dem Drogeriemarkt?

Nur mit einem radikalen Imagewandel, sagen Branchenexperten. Weg vom Billiganbieter mit Geschäften an jeder Straßenecke, lange Jahre das Erfolgsmodell der Kette. Die größten Konkurrenten DM und Rossmann haben sich seit ihren ebenfalls im Drogerie-Discount-Bereich liegenden Anfängen enorm weiterentwickelt.

Konkurrent DM

Gerade der Karlsruher DM-Konzern hat mit großen, zentral gelegenen Filialen immer mehr Marktanteile hinzugewonnen und ist etwa im Fotobereich sehr beliebt. Zudem hat Schlecker bis heute mit seinem Negativimage zu kämpfen, weil Arbeitnehmerrechte früher wenig galten und sich das Bild in den Köpfen vieler Konsumenten festgesetzt hat.

Wie weit ist die Neuausrichtung?

Die hat Schlecker mit seinem Programm „Fit for Future“ erst sehr spät gestartet. Anfang 2011 wurden die ersten, neu gestalteten Filialen aufgemacht. Sie bieten mehr Bewegungsfreiheit, übersichtliche Regale und ein speziell auf die jeweilige Nachbarschaft abgestimmtes Sortiment.

Neue Läden

Rund 30 Prozent Umsatzzuwachs verzeichneten sie nach Angaben von Meike und Lars Schlecker. Bislang gibt es erst rund 300 der neuen Filialen, 750 bis 1000 sollten es in diesem Jahr werden. Das Gros der über 7000 Läden allein in Deutschland sind weiterhin kleine und enge Geschäfte mit geringen Fixkosten, aber auch wenig Umsatz. Hier wollte Schlecker zuletzt wieder über eine Preisoffensive punkten.

Als Grund für die Schieflage gab das Unternehmen eine geplatzte Zwischenfinanzierung an, ohne ins Detail zu gehen. Ausschlaggebend war nach Informationen der „Südwest Presse“ eine Rückstufung Schleckers: Ein großer deutscher Rückversicherer, über den der Einkaufsverband Markant seine Bestellungen absichert, habe wohl das Schlecker zugestandene Volumen drastisch reduziert. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ berichtete, Schlecker habe am Freitag einen fälligen Betrag zwischen 20 und 30 Millionen Euro nicht mehr bezahlen können. „Weil die wirtschaftlichen Schwierigkeiten in Branchenkreisen bekannt waren, war die Zahlung in bar oder als Bundesbankscheck eingefordert worden.“ Ähnliche Informationen hat auch die dpa.

Laut „FAZ“ soll der nächste Termin für eine ähnliche Zahlung an die Einkaufsgemeinschaft Markant, der auch andere Firmen wie Edeka angehören, dem Vernehmen nach schon in der nächsten Woche anstehen. Der Schlecker-Sprecher wollte die Berichte am Samstag nicht kommentieren. „Wir werden keine Aussagen zu unseren Gläubigern machen.“ Wie viele das sind, ließ er offen.

Marktanteile bei Drogeriewaren (2010)

DM

17,2 %

Aldi

11,8 %

Kaufland

9,6 %

Rossmann

9,3 %

Lidl

7,5 %

Real

6,3 %

Schlecker

5,9 %

Kommentare (15)

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Nebenbei_bemerkt

21.01.2012, 14:42 Uhr

Was ich nicht verstehe, ist Folgendes:
Bedeutet nicht Planinsolvenz, dass das illiquide Unternehmen normal weitergeführt wird und jetzt aber drei Monate lang alle Löhne als Konkursausfallgeld vom Staat bzw. den Beitragszahlern übernommen wird und alle Ansprüche von Lieferanten und Gläubigern neu verhandelt werden?
Was man ja verstehen kann, ist ein großes Unternehmen, wenn auch völlig nutz- und chancenlos, aber sozial ist, was Arbeit schafft, wenn auch schlecht bezahlte Sklavenjobs... nun ja.
Aber nun der Herr Schlecker ist doch persönlich haftender Gesellschafter mit einem Milliarden-Vermögen - ich las, dass die Rechtsform des Schleckerkonzerns immer noch die eines eingetragenen Kaufmanns sei.
Also warum zur Hölle muss die kleine Drogerie- und Boutique-Besitzerin im Pleitefall die Hosen runterlassen und die Schleckers lassen sich ihre Insolvenz vom Beitragszahler versüßen?
Das verstehe ich nicht. Bitte um Erleuchtung!
Warum kann der Anton Schlecker nicht einfach mal eine halbe Milliarde zuschießen, um sein Unternehmen dann neu aufzustellen oder ordentlich abzuwickeln? Sollte ihm doch leicht fallen. Oder gilt hier gar zweierlei Recht? Das würde ja meinen Glauben an die ach so soziale Marktwirtschaft in den Grundfesten erschüttern.

Nochmal

21.01.2012, 14:54 Uhr

Was ich meine ist, eigentlich müsste er doch bei dieser Rechtsform in unbegrenzter Höhe mit seinem Privatvermögen haften?
Genau wie der kleine Selbständige, der persönlich haftender Einzelunternehmer, der ja auch voll ins Risiko gehen muss?
Es ist doch genug Vermögensmasse da?
Warum kann er da eine Planinsolvenz nutzen, um sein Privatvermögen nicht einsetzen zu müssen??

Thinkerbell

21.01.2012, 15:50 Uhr

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