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13.03.2012

09:33 Uhr

Drogeriekette Schlecker

Insolvenzverwalter dringt auf KfW-Hilfen

Trotz des Absage des Bundes dringt Insolvenzverwalter Geiwitz weiter auf Kredite der KfW. Auch Baden-Württemberg hält das Nein nicht für das letzte Wort. Die 12.000 Mitarbeiterinnen zittern weiter.

Mitarbeiter schockiert

Kahlschlag bei Schlecker

Mitarbeiter schockiert: Kahlschlag bei Schlecker

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StuttgartSchlecker-Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz dringt auf rasche staatliche Hilfe durch einen Kredit der Förderbank KfW. „Das muss diese Woche entschieden werden“, sagte er der „Financial Times Deutschland“. „Ich brauche noch keine Auszahlung, aber eine belastbare Zusage.“

Auch ein Lohnverzicht der verbleibenden Beschäftigten der insolventen Drogeriekette müsse kurzfristig beschlossen werden. Dazu müsse es bis nächste Woche eine Entscheidung geben. Ohne diese beiden Bedingungen würde die Investorensuche gefährdet, mahnte Geiwitz dem Blatt zufolge.

Es liefen bereits Vorgespräche mit ernstzunehmenden Interessenten, sagte er laut „Süddeutscher Zeitung“. Schlecker benötige etwa 75 Millionen Euro für eine Transfergesellschaft nicht als Zuschuss, sondern als Überbrückung, bis das Kerngeschäft in einigen Monaten wieder laufe. „Das wäre kein unzumutbares Risiko für den Steuerzahler“, sagte Geiwitz.

Bei Schlecker steht bundesweit ein Abbau von 12.000 der 33.000 Stellen bevor. Um die vom Arbeitsplatzverlust bedrohten Mitarbeiter in einer Auffanggesellschaft unterzubringen, will Geiwitz bei der KfW einen Überbrückungskredit einholen.

Das Land Baden-Württemberg hält das Nein des Bundes zu den Hilfen nicht für das letzte Wort. „Wir nehmen das Nein nicht einfach so hin. Der Bund macht es sich zu einfach, wenn er ein KfW-Darlehen aus rein formalen Gründen ablehnt“, sagte Finanz- und Wirtschaftsminister Nils Schmid (SPD) am Montag in Stuttgart. Nach der Absage von Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) sei nun Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) gefragt. Sie müsse zeigen, ob es ihr mit der Hilfe für die betroffenen Beschäftigten ernst ist. „Die Bundesregierung muss mit einer Stimme sprechen und klarstellen, ob sie helfen will oder nicht“, forderte Schmid.

Das Bundeswirtschaftsministerium hatte am Wochenende den Ball an das Land zurückgespielt und erklärt, der Konzern aus Ehingen erfülle die Kriterien nicht. Die Kredite der KfW seien auf kleine und mittelständische Firmen ausgerichtet. Baden-Württemberg müsse nun mit den anderen Bundesländern über mögliche Finanzhilfen verhandeln.

Der Insolvenzverwalter will für die 12.000 Mitarbeiter der Kette, die Ende März ihre Jobs verlieren sollen, eine Transfergesellschaft aufbauen, um ihnen den Übergang in andere Beschäftigungsverhältnisse zu erleichtern. Laut Unternehmen wäre dafür eine Summe von 70 Millionen Euro erforderlich. Bundesweit sollen etwa 2400 der derzeit noch rund 5400 Schlecker-Filialen dicht gemacht werden.

Schleckers Aufstieg und Fall

Drogerieriese und Familiengeschichte

Deutschlands gemessen an der Zahl der Filialen größte Drogeriekette ist untrennbar mit der Familie Schlecker verbunden. In rund 36 Jahren wuchs aus den Anfängen in Baden-Württemberg ein europaweit agierender Handelsriese.Wichtige Stationen in Familie und Firma Schlecker:

1944

Anton Schlecker wird am 28. Oktober in Ulm geboren

1965

Schlecker beginnt seine Berufslaufbahn im Unternehmen seines Vaters, einer Fleischwarenfabrik samt 17 Metzgereien. Erste Selbstbedienungswarenhäuser entstehen in mehreren Orten im Südwesten.

1974

Die Preisbindung für Drogerieartikel fällt weg. Zur gleichen Zeit startete auch dm-Gründer Götz Werner seine ersten Gehversuche als Drogerist. Vorher hatte es nur kleine Drogeriefachgeschäfte gegeben.

1975

Schlecker eröffnet in Kirchheim/Teck (Kreis Esslingen) seine erste Drogerie. Zwei Jahre später sind es 100 Filialen.

1977

Der 100. Discounter mit dem Namen Schlecker eröffnet.

1984

Im Jahr 1984 öffnet Filiale Nummer 1000 die Türen.

1987

Als ersten Auslandsmarkt erschließt Schlecker Österreich; später folgen Spanien, die Niederlande, 1991 - durch die Übernahme von „Superdrug“ - Frankreich

Dezember 1987

Am 22. Dezember überfallen drei Maskierte die Familie Schlecker, als Anton und Christa mit den beiden Kindern Meike und Lars nach Hause kommen; die beiden Kinder werden entführt, ihr Vater handelt das Lösegeld von 18 auf 9,6 Millionen Mark herunter. Nach der Übergabe können sich die 14 und 16 Jahre alten Geschwister am 23.12. selbst befreien. Die Polizei wird erst später informiert. Die Familie zieht sich noch stärker als bisher aus der Öffentlichkeit zurück

1990er

Nach dem Fall der Mauer expandiert Schlecker auch relativ schnell in die neuen Bundesländer.

1994

Schlecker betreibt nach eigenen Angaben rund 5000 Läden; zugleich werfen Gewerkschafter dem Konzern vor, Mitarbeiter systematisch zu schikanieren und zu schlecht zu bezahlen - solche Kritik prägt in den kommenden Jahren immer wieder die Schlagzeilen über den „Drogeriekönig“. Schlecker weist Vorwürfe stets zurück und spricht von Einzelfällen.

2007

Schlecker übernimmt zum Ende des Jahres die ehemals insolvente Osnabrücker Kette "Ihr Platz"

1998

Das Amtsgericht Stuttgart erlässt gegen Christa und Anton Schlecker Strafbefehle von jeweils zehn Monaten auf Bewährung wegen vielfachen Betrugs - weil sie Mitarbeitern eine tarifliche Bezahlung bloß vorgetäuscht hätten.

2008

Der Drogerieriese macht nach Gewerkschaftsangaben 52 Millionen Euro Verlust bei 7,42 Milliarden Euro Umsatz

2010

Im Januar erneute Kritik über Arbeitsbedingungen bei Schlecker, wo bestehende Arbeitsplätze mit Leiharbeitsverträgen ersetzt werden sollten; die Bundesregierung will mit einer „Lex Schlecker“ gegensteuern. Zugleich muss der Drogerieriese einen Umsatzrückgang von rund 650 Millionen Euro auf noch etwa 6,55 Milliarden, davon 4,51 Milliarden Euro im Inland, hinnehmen und schreibt weiter rote Zahlen.

November 2010

Patriarch Anton Schlecker holt im November seine Kinder Meike und Lars in die Führungsspitze und gibt einen Teil seiner Verantwortung ab; der Familienrat bleibt aber wichtigstes Entscheidungsgremium

2011

Schlecker beginnt einen radikalen Umbau seines Filialnetzes; aus den überall verfügbaren Billigläden sollen hochwertige Drogerien in der Nachbarschaft werden - samt Slogan „For You. Vor Ort.“; Neue Führungsgrundsätze sollen schlechte Mitarbeiterführung ein für alle Mal verhindern; das Magazin „Forbes“ führt Anton Schlecker auf seiner Reichen-Liste noch mit 3,1 Milliarden Dollar Vermögen (rund 2,4 Milliarden Euro)

2012

Nach Wochen voller Gerüchte um finanzielle Engpässe gibt Schlecker am 20. Januar bekannt, in die Planinsolvenz gehen zu wollen.

Schmid sagte: „Die Zeit für die Gründung der Transfergesellschaft drängt: Die KfW-Zwischenfinanzierung wäre die Lösung, um zu verhindern, dass die Mitarbeiterinnen direkt in die Arbeitslosigkeit fallen.“ Auch die Gewerkschaft Verdi hat die Hoffnung nicht aufgegeben. „Ich setze darauf, dass hier geholfen wird im Sinne einer Transfergesellschaft, einer Bürgschaft, eines Kredits seitens der KfW“, sagte Gewerkschaftschef Frank Bsirske im ARD-„Morgenmagazin“. Die Bundesregierung habe dazu die Möglichkeit mit einer Ausnahmegenehmigung, einer Anweisung an die KfW. „Das hat es in früheren Fällen - Stichwort EADS - auch schon gegeben.“ Die Verdi-Bezirksleiterin im Südwesten, Leni Breymaier, zeigte sich empört über die Absage des Bundes. „Was wir bei dieser einmaligen Insolvenz erleben müssen, ist der Unterschied zwischen Marktwirtschaft und sozialer Marktwirtschaft.“ Sie kündigte ein Gespräch mit Vertretern der grün-roten Landesregierung an diesem Dienstag (13.3.) an.

Insolvente Drogeriekette: Schlecker verhandelt über Sozialplan

Insolvente Drogeriekette

Schlecker verhandelt über Sozialplan

Mit einem Sozialplan will Verdi den Jobabbau bei Schlecker eindämmen.

Verdi ist an den Gesprächen über den Sozialplan für die 12.000 Beschäftigten von Schlecker beteiligt, die bis Ende März ihre Jobs verlieren sollen. Breymaier hält die Erklärung der KfW, Schlecker erfülle als großes Unternehmen die Kriterien nicht, für vorgeschoben. „Der Konzern Schlecker wurde geführt wie ein Kleinunternehmen.“ Das deutsche Wirtschaftsrecht habe dies zugelassen, zulasten von 30.000 Beschäftigten. Und jetzt verweigere der Bund jegliche Unterstützung ausgerechnet mit dem Hinweis, nur für kleine und mittlere Unternehmen zuständig zu sein.

Von

dpa

Kommentare (9)

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Account gelöscht!

12.03.2012, 19:45 Uhr

Was soll das?

Die Arbeitslosigkeit in Deutschland ist auf Rekordtief, es sollte doch wohl ein Leichtes sein, einen neuen Arbeitsplatz zu finden.

nous

13.03.2012, 06:27 Uhr

Die Schleckergruppe wird de facto bereits seit Jahren über die Bezuschussung der Niedriglohnpolitik des Hauses via Steuergelder alimentiert.

Für die AN sollte ein anderes Modell gefunden werden, als weitere Steuergelder in der Konzerngruppe zu versenken.

Account gelöscht!

13.03.2012, 08:51 Uhr

Sobald eine Firma groß genug ist, dass sich Politiker mit der Rettung öffentlich profilieren können bricht der offene Kommunismus aus!!
Vorgher läuft´s, wie *nous* schon schrieb, für die breite Öffentlichkeit eher im Verborgenen...

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