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22.05.2017

16:59 Uhr

Drogeriemarkt-Pleite

Verfahren gegen Christa Schlecker könnte eingestellt werden

Der Name Schlecker war noch zu Beginn des Jahrzehnts allgegenwärtig in Deutschland. Dann kam der finanzielle Kollaps, der nun vor Gericht beleuchtet wird. Für ein Mitglied der Familie deutet sich etwas Entspannung an.

Der Vorsitzende Richter machte am Montag deutlich, dass der Vorwurf der Beihilfe zum Bankrott gegen die Frau von Anton Schlecker auf Basis der bisherigen Zeugenaussagen nicht zu beweisen sei. dpa

Christa Schlecker

Der Vorsitzende Richter machte am Montag deutlich, dass der Vorwurf der Beihilfe zum Bankrott gegen die Frau von Anton Schlecker auf Basis der bisherigen Zeugenaussagen nicht zu beweisen sei.

StuttgartDie Frau des früheren Drogeriemarkt-Chefs Anton Schlecker kann im Stuttgarter Strafprozess um die Insolvenz des Unternehmens mit einer Einstellung des Verfahrens gegen sie rechnen. Der Vorsitzende Richter am Landgericht machte am Montag deutlich, dass der Vorwurf der Beihilfe zum Bankrott gegen Christa Schlecker auf Basis der bisherigen Zeugenaussagen nicht zu beweisen sei. Er verwies auf das Prinzip, im Zweifel für den Angeklagten zu entscheiden, und nannte ein mögliches Verfahrensende gegen sie als eine Option. Die Staatsanwaltschaft lehnte dies zunächst ab.

Die Drogeriemarkt-Kette war 2012 pleitegegangen, Zehntausende Mitarbeiter verloren ihre Jobs. Die Anklage wirft Anton Schlecker unter anderem vor, vorsätzlich Vermögenswerte von mehr als 25 Millionen Euro an seine Familie verschoben und somit dem Zugriff der Gläubiger entzogen zu haben. Wegen möglicher Beihilfe sitzen auch Schleckers Frau Christa sowie die beiden Kinder Meike und Lars auf der Anklagebank.

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Ein Knackpunkt in dem Verfahren ist die Rolle der Logistikfirma LDG und der Baufirma BDG, die Lars und Meike Schlecker gehörten und Aufgaben im Konzern übernahmen. Nach Darstellung der Staatsanwaltschaft stellte die LDG überhöhte Preise in Rechnung – pro Stunde, die ein LDG-Mitarbeiter für Schlecker tätig war, wurden demnach bis zu 30 Euro fällig. Laut Gerichtsdokumenten wäre nur etwa die Hälfte nötig gewesen, um die Kosten zu decken. Durch diese überhöhten Preise, so die Anklage, soll Vermögen verschoben worden sein. Noch 2011 ließen sich Meike und Lars 7 Millionen Euro an LDG-Gewinn ausschütten.

Wie kamen die sehr hohen Stundensätze zustande? Mit dieser Frage wurde am Montag vor dem Landgericht ein ehemaliger LDG-Geschäftsführer konfrontiert. Nach seiner Kenntnis habe Schlecker selbst entschieden, Stundensätze für die Firma 2011 anzuheben, sagte der Zeuge. Die Frage des Richters, ob er sich gewundert habe über die hohen Stundensätze, verneinte er. Er habe das nicht hinterfragt.

Immer plastischer wird allerdings auch mit dieser Zeugenvernehmung, dass die Lars und Meike Schlecker gehörende Logistik-Tochter LDG keine eigenständige Firma war. „Wenn wir einen Kugelschreiber oder einen Gabelstapler gebraucht haben, dann hat das die Firma Schlecker gekauft“, sagt der an diesem Tag vernommene Geschäftsführer aus. Wie sein bereits vernommener Co-Geschäftsführer gab sich der 51-Jährige extrem ahnungslos. An die Bilanz der LDG, Liquiditätsrisiken und viele Gespräche, die mit Gesprächsprotokoll beim Gericht dokumentiert sind, erinnerte sich der Zeuge nicht. „Schlecker hat die wesentlichen Entscheidungen in der LDG gefällt“, sagte der Zeuge. Ob nur von Anton Schlecker alleine oder auch anderen Personen, konnte der Zeuge nicht sagen.

Die Schlecker-Familie

Anton Schlecker

Der 72-Jährige ist der große Unbekannte. Selbst örtliche Politiker und Wirtschaftsvertreter haben kaum Kontakt zu ihm. Nach der Pleite soll sich Anton Schlecker auch von Vertrauten zurückgezogen haben. Der gelernte Metzgermeister eröffnete 1975 den ersten Schlecker-Markt. Zwei Jahre später betrieb er schon mehr als 100 Filialen. Er baute ein Imperium auf und beschäftigte in Glanzzeiten mehr als 55.000 Menschen. Konkurrent Dirk Roßmann, der Schlecker und dessen Frau seit Jahren kennt, sagte jüngst in einem Beitrag des SWR: „Fleißig waren die beiden, unglaublich.“ Außerdem seien sie hilfsbereit und großzügig gegenüber Freunden. Schlecker selbst sagte vor Gericht, er habe tagtäglich von frühmorgens an für das Unternehmen gearbeitet, auch am Wochenende.

Nicht nur im Geschäft achtete Schlecker auf jeden Cent. Er und seine Frau wurden in den 1990er Jahren zu zehn Monaten Haft auf Bewährung und einer Geldstrafe von einer Million Euro verurteilt, weil sie Hunderte Mitarbeiter jahrelang unter Tarif bezahlt hatten. Über Jahre habe die Familie keinen Urlaub gemacht. „Wir hatten oder haben keine Sammlung von teuren Autos, keine Weingüter, keine Kunst, keine Jachten, keine Hotels.“ Dennoch habe man sich das ein oder andere geleistet.

Christa Schlecker

Über Anton Schleckers Frau ist am wenigsten bekannt. Sie ist in Essen geboren, besuchte die Handelsschule und heiratete 1971 Anton Schlecker. Die 69-Jährige wird als „resolut“ beschrieben. Christa Schlecker galt als enge Vertraute Antons und soll zusammen mit ihm das berüchtigte Kontrollnetz über Mitarbeiter errichtet haben.

Lars Schlecker

Der heute 45-Jährige saß mit in der Geschäftsführung des Schlecker-Imperiums. Er wurde an der European Business School in London ausgebildet und machte im Jahr 2000 an der Steinbeis-Hochschule in Berlin seinen Master of Business Administration. Zu Zeiten des Internet-Hypes sammelte Lars Schlecker unternehmerische Erfahrungen als Gesellschafter des B2B-Portals Surplex.com - zusammen mit dem Sohn des ehemaligen Daimler-Chefs Jürgen Schrempp. Nach der Insolvenz arbeitete er als Agent für Künstler und engagiert sich derzeit beim Münchner Unternehmen float medtec. Er werde zwar immer als Pferdenarr beschrieben, so Lars Schlecker im Prozess. Er habe allerdings lediglich im Alter von 14 Jahren ein Jahr lang Reitstunden genommen.

Mit seiner Schwester verbindet ihn eine schreckliche Erfahrung: An Weihnachten 1987 wurden die Schlecker-Kinder entführt. Vater Anton handelte die Lösegeldforderung der Erpresser von 18 auf 9,6 Millionen Mark herunter. Das Geld wurde gezahlt, die Kinder konnten sich aber selbst befreien. Nach einem Bankraub wurden die Entführer 1998 gefasst. Lars Schlecker ist verheiratet mit einer Architektin, hat zwei Kinder und lebt in Berlin.

Meike Schlecker

Lars' zwei Jahre jüngere Schwester (43) legte eine mustergültige Karriere hin. Sie studierte an der renommierten IESE Business School in Barcelona, ist aber schon etwa seit dem Jahr 2000 im Unternehmen beschäftigt. Meike Schlecker war es, die sich 2012 vor Journalisten stellte, um die Pleite zu verkünden. Es war der erste öffentliche Auftritt der Schlecker-Familie seit dem Prozess gegen die Entführer der Kinder 1999. Meike Schlecker ist geschieden; sie lebt mit ihren beiden Kindern in London. Gedanken über ihre weitere berufliche Zukunft habe sie sich noch nicht gemacht, sagte sie im Prozess.

Christa Schlecker dürfte die Anklagebank, auf der sie hinter ihrem Mann sitzt, bald verlassen. Der Vorwurf der Beihilfe zum Bankrott gegen sie bezog sich auf eine Zahlung von insgesamt 60 000 Euro, die sie am 1. Juni 2012 für eine neue Beratertätigkeit erhielt. Zu diesem Zeitpunkt lief das Insolvenzverfahren beim Schlecker-Konzern bereits seit gut fünf Monaten, und die Perspektiven der LDG waren düster. Am selben Tag beschlossen die Schlecker-Gläubiger zudem, dass der Drogeriemarkt-Konzern seine Geschäfte einstellt. Dadurch verlor die LDG ihren einzigen Kunden. Elf Tage später war die Firma pleite.

Der Vorsitzende Richter räumte zwar ein, dass das Beraterhonorar an Christa Schlecker für eine zweimonatige Tätigkeit sehr hoch gewesen sei. „Man kann sich die Frage stellen: Ist das die Leistung wert?“ Eine Antwort hierauf sei aber „relativ schwierig“. Laut Zeugenaussagen sei es nun mal nicht so gewesen, dass Christa Schlecker gar nichts getan habe für ihr Beraterhonorar. Zudem habe sie im Insolvenzverfahren einen Großteil des Geldes zurückgezahlt.

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