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12.07.2016

14:25 Uhr

Dyson-Chef zum Brexit

„Man darf nicht nur auf Europa schauen“

VonCarsten Herz, Kerstin Leitel

Der Deutsche Max Conze leitet den britischen Staubsauger-Giganten Dyson. Nach dem Brexit-Votum fürchtet er keine negativen Folgen für sein Unternehmen – und denkt sogar über einen Laden in Deutschland nach.

Der Dyson-Chef fürchtet den Brexit nicht. Dyson

Max Conze

Der Dyson-Chef fürchtet den Brexit nicht.

Das Wort von Max Conze hat Gewicht in Großbritannien. Seit 2011 leitet der Deutsche das größte britische Familienunternehmen, den Staubsauger-Giganten Dyson. Dessen Gründer James Dyson ist einer der wichtigsten Befürworter für einen EU-Austritt gewesen. Der 46-Jährige nahm sich für das Handelsblatt nun Zeit, um im neuen Londoner Flagshipstore der Firma über seine Sicht auf die historische Entscheidung zu sprechen.

Herr Conze, hat Sie der Ausgang des EU-Referendums überrascht?
Nein, das hat es mich nicht. Die britische Bevölkerung hat in dieser Frage monatelang intensiv diskutiert und ist letztlich zu einem knappen, aber klaren Ergebnis gekommen. Nun heißt es, nicht nur für die Politik, sondern für die Wirtschaft, mit diesem Votum umzugehen.

Was der Brexit für die britische Wirtschaft bedeutet

Hintergrund

Die britische Wirtschaft muss sich nach dem Brexit-Votum auf schlechtere Geschäfte einstellen. Im schlimmsten Fall würde durch den EU-Abschied der Freihandel gestoppt, Regeln für den Binnenmarkt wegfallen und Zollschranken errichtet. Die folgenden Konsequenzen erwarten Experten für die britische Wirtschaft.

Wachstum

Finanzminister George Osbourne befürchtet eine „hausgemachte Rezession“: Binnen zweier Jahre könnte die Wirtschaftsleistung um bis zu sechs Prozent niedriger ausfallen als bei einem Verbleib in der EU. Bis 2020 summieren sich die Wachstumsverluste demnach auf bis zu 9,5 Prozent. Die Bank of England befürchtet einen „merklichen Abschwung“ bis hin zu einer Rezession. Auch internationale Organisationen wie die OECD und der IWF rechnen mit spürbaren Einbußen im Vergleich zu einem EU-Verbleib.

Jobs

Die Arbeitslosenquote liegt derzeit auf dem Zehn-Jahres-Tief von 5,0 Prozent. Die meisten Experten rechnen damit, dass sie nach dem EU-Abschied steigen dürfte. Anhänger des Brexit-Lagers argumentieren hingegen, dass durch den Wegfall von EU-Vorschriften neue Jobs entstehen könnten.

Löhne

Sie dürften bis 2030 real zwischen 2,2 und 7,0 Prozent niedriger ausfallen als bei einem EU-Verbleib, schätzen Experten des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der britischen Denkfabrik National Institute of Economic and Social Research.

Handel

Großbritannien riskiert nach den Worten des französischen Präsidenten Francois Hollande bei einem Brexit seinen Zugang zum EU-Binnenmarkt. US-Präsident Barack Obama betonte, dass sich Großbritannien nach einem Brexit in der Warteschlange für ein bilaterales Handelsabkommen mit den Vereinigten Staaten „hinten anstellen“ muss. Darunter könnten die britischen Exporteure leiden.

Leistungsbilanz

Großbritannien konsumiert mehr als es produziert. Mit 5,2 Prozent der Wirtschaftsleistung erreichte das Defizit in der Leistungsbilanz schon im vergangenen Jahr einen Rekordwert. Um diese Lücke zu schließen, ist das Land auf ausländisches Geld angewiesen. Ob dieses nach dem Brexit noch so zahlreich auf die Insel fließt, halten viele Experten für fraglich. Notenbankchef Mark Carney sagte, ein Brexit könnte „die Freundlichkeit von Fremden“ testen, die das Defizit bislang ausgleichen.

Währung

Das britische Pfund verzeichnete nach dem Referendum den heftigsten Kursverlust zum Dollar seit mindestens 40 Jahren. Der Kurs liegt derzeit bei etwa 1,38 Dollar, doch könnte er nach Prognose von Experten wie Starinvestor George Soros bis auf 1,15 Dollar fallen. Ein billiges Pfund macht britische Produkte anderswo billiger, verteuert aber Importe und kann so zu höherer Inflation und sinkender Kaufkraft führen.

Geldpolitik

Die britische Notenbank rechnet mit einer Zeit der Unsicherheit. Sie steht deshalb zum Eingreifen bereit. Zur Geldversorgung der Finanzwirtschaft könnten zusätzliche 250 Milliarden Pfund abgerufen werden. Wenn notwendig, will die Bank of England auch erhebliche Liquidität in Fremdwährungen bereitstellen. Experten rechnen auch mit Zinssenkungen.

Kreditwürdigkeit

Der Abschied Großbritanniens aus der EU kann der Ratingagentur Moody's zufolge die Kreditwürdigkeit drücken. „Das Ergebnis bedeutet eine längere Zeit der politischen Unsicherheit, die auf der wirtschaftlichen und finanziellen Leistungsfähigkeit des Vereinigten Königreichs lasten wird“, erklärte Moody's. Das wiederum sei negativ für die Bonität. Moodys's bewertet die Kreditwürdigkeit Großbritanniens derzeit eine Note unter der Bestnote AAA. Wird das Rating herabgestuft, kann das höhere Kosten bei der Schuldenaufnahme zur Folge haben.

Rechnen Sie mit einer Periode der Unsicherheit?
Dyson ist eine ingenieursgetriebene Firma. Wir gehen deshalb solche Fragen nicht an, in dem wir nun nervös werden, sondern wir suchen nach Lösungen. Und ich bin mir sicher, dass wir weiter Erfolg haben werden.

Wie wird der Brexit Dyson treffen?
Gar nicht. Wir exportieren in 72 Länder auf der Welt und wir sind sehr aktiv und erfolgreich in Europa. Wir haben große europäische Teams in unserer Firma und wir lieben Europa, schließlich komme ich selbst aus Deutschland. So haben wir tiefe Verbindungen in jedes der europäischen Länder und wir sind zuversichtlich über die Aussichten von Dyson auf dem europäischen Kontinent – auch nach dem Referendum.

Also keine Kurskorrektur im Schatten des Referendums?
Nein, wir werden weiter investieren und weiter Ingenieure aus aller Welt einstellen. Wir fürchten nicht, dass wir keine fähigen Ingenieure mehr finden. Wer bei Dyson arbeiten will, wird weiter kommen – und ist herzlich willkommen. Wir schauen global auf die Welt. Europa ist ein wichtiger Markt für uns, aber nur ein Teil der Welt. Man darf den Blick nicht allein auf Europa verengen.

Firmengründer James Dyson hatte sich so klar wie kaum ein anderer Unternehmer für einen Brexit ausgesprochen. Haben Sie in der Zentrale nach dem 23. Juni gefeiert?
Nein, das haben wir nicht. Das hätten wir auch nicht angemessen gefunden. Es ging um eine wichtige politische Frage. Das sollte man mit dem nötigen Respekt behandeln.

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Sie haben im letzten Jahr Miele überholt und sind nun Marktführer in Deutschland nach Umsatz. Fürchten Sie diesen Rang nach dem Brexit-Votum zu verlieren, weil einige Käufer vielleicht auch emotional reagieren?
Nein, davon gehe ich nicht aus. Es wäre auch nicht richtig, unsere Produkte mit einer politischen Entscheidung in Verbindung zu bringen.

Sie haben diese Woche ihren ersten Flagshipstore in London eröffnet. Planen Sie solches auch für Deutschland?
Ja, wir denken über weitere Läden nach. Auch Deutschland ist dabei ein Thema. Wo und wann kann ich aber Ihnen nicht sagen.

Ihr letztes Produkt war ein Föhn, aber Dyson wurde auch schon mit einem autonomen Auto in Verbindung gebracht. Wie viel Wahrheit steckt dahinter?
Wir denken in unseren Laboren immer über die unterschiedlichsten Dinge nach – und haben dabei auch einen langen Zeithorizont. Wir kommentieren jedoch grundsätzlich nie Spekulationen, an welchen Produkten wir genau arbeiten. Unser Saugroboter ist allerdings technologisch nicht unendlich weit von der Technologie entfernt, die man für das autonome Fahren benötigt.

Herr Conze, vielen Dank für das Interview.

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