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30.04.2017

13:06 Uhr

E-Commerce boomt

Warum der russische Online-Handel der Krise trotzt

VonAndré Ballin

Trotz schwachen Rubels und Wirtschaftskrise kaufen immer mehr Russen online ein: Statt Ebay und Amazon ist in dem Land vor allem Alibaba aus China beliebt. Denn Händler müssen auf dem russischen Markt vieles beachten.

Die meisten Zahlungen im russischen Internethandel werden über Yandex abgewickelt. Reuters

Online-Shopping in Russland

Die meisten Zahlungen im russischen Internethandel werden über Yandex abgewickelt.

MoskauAlibaba erhöht den Druck auf seine Konkurrenz in Russland: Anfang der Woche startete der chinesische Online-Händler den Service „Aliexpress Mall“ für die 20 größten Städte Russlands. Bislang mussten Kunden mitunter einen Monat auf Lieferungen warten, nun sollen sie bereits am nächsten Tag verfügbar sein – wenn auch zunächst für eine begrenzte Anzahl von Waren. Zudem will Alibaba seinen Kunden als erster Anbieter Kredit gewähren.

Ein geschickter Schachzug, denn Russlands Markt für E-Commerce wächst rasant. Elektronische Flug- oder Bahntickets von Elista nach Moskau, Markenklamotten per Mausklick nach Magadan und Inbusschlüssel per Internet in Ischewsk: Was vor einigen Jahren noch wie Zukunftsmusik klang, ist inzwischen auch in Russland gang und gäbe.

Neue Ideen für die Online-Lieferung

Drohnen

Als Amazon-Chef Jeff Bezos Ende 2013 in einem TV-Interview den Prototypen seiner kleinen Fluggeräte zur Warenlieferung vorstellte, hielten das viele zunächst für einen Werbegag. Doch Amazon meint es ernst und hat mit „Prime Air“ sogar schon einen Namen für den Service. Ob und wann Amazon-Bestellungen tatsächlich im Alltag per Drohne geliefert werden könnten, ist offen - der Konzern testet noch. Eine Hürde bleibt auch die rechtliche Grundlage. Dies schreckt Konkurrenten jedoch nicht von eigenen Versuchen ab. So hat die Deutsche Post den automatischen „Paketcopter“, der 2014 testweise die Nordseeinsel Juist unter anderem mit Medikamenten versorgte. Und Google arbeitet bei „Project Wing“ an Mini-Fliegern mit Seilwinde.

Lieferroboter

Die Fahrzeuge, die äußerlich an einen großen Mars-Rover erinnern, sollen neben Fußgängern auf Gehwegen unterwegs sein. Die Firma Starship zum Beispiel, mit der unter anderem der Paketdienst Hermes und der Handelskonzern Metro zusammenarbeiten, will damit Waren mit einem Gewicht von bis zu 15 Kilogramm auf eine Entfernung von fünf Kilometern befördern. Die Vision ist, dass ein Mitarbeiter über das Internet 50 bis 100 automatische Lieferroboter überwacht. Starship peilt Kosten von rund einem Dollar pro Zustellung an. Die Pizza-Kette Domino's testete einen eigenen Lieferroboter in Australien. In Deutschland gibt es das Problem, dass der Betrieb solcher Fahrzeuge im Alltag nicht geregelt ist.

Kofferraum

Warum die Pakete immer nach Hause liefern, wenn der Adressat vielleicht gerade woanders unterwegs ist? Die Idee, die Pakete vom Zusteller einfach im Kofferraum zu platzieren, nimmt dabei konkrete Formen an. Der Zusteller bekommt dafür einen ein Mal gültigen Code, mit dem er die Klappe öffnen kann. Die Position des Fahrzeugs wird per GPS bestimmt. Der Paketdienst DHL testet die Kofferraum-Zustellung in einigen deutschen Städten mit jeweils mehreren hundert Smart-Fahrern. Unter anderem auch Audi, BMW und Volvo arbeiten an einem solchen Verfahren.

Crowdshipping

Warum nicht den Nachbarn zum Paketboten machen? Zahlreiche Start-ups versuchen gerade, daraus eine Geschäftsidee zu machen. Kern ist eine App, die Händler, Lieferanten und Kunden verknüpft. Wer ohnehin unterwegs ist, kann dann Pakete für andere mitnehmen und sich so etwas Geld verdienen. So gut die Idee ist, so schwierig scheint sie umzusetzen zu sein: DHL hat damit schon erfolglos experimentiert, Walmart einen Feldversuch abgebrochen. Auch Amazon testet den Service.

Kühlboxen

Die britische Supermarktkette Waitrose hat als erster mit dieser Idee Furore gemacht: Gekühlte Abholstationen für online bestellte Lebensmittel. Auch die britische Walmart-Tochter Asda experimentiert mit Kühlfächern an Tankstellen. Geöffnet werden sie per QR-Code oder PIN, die Kunde per Mail bekommt. Auch Rewe probiert bereits die Idee aus.

Während der Konsum in den vergangenen drei Jahren aufgrund von Wirtschaftskrise und Rubelschwäche insgesamt drastisch eingebrochen ist, spürt der Internethandel davon wenig. Im Gegenteil: Laut Alexej Fjodorow, dem Präsidenten der russischen Vereinigung für E-Commerce-Unternehmen AKIT, legte der Umsatz 2016 online um 21 Prozent zu.

Mit einem Volumen von rund 15 Milliarden Euro (920 Milliarden Rubel) liegt er zwar noch deutlich unter deutschem oder britischem Niveau. Doch die Russen holen beim Online-Shoppen schnell auf. „2008 hatten wir einen E-Commerce-Anteil von etwa zehn Prozent – in Deutschland war er damals schon wesentlich höher. Heute liegt er bei uns in Russland bei 90 Prozent“, sagt Martin Schierer, CEO der Otto Group in Russland.

Dabei haben die wirtschaftlichen Turbulenzen, in die Russland 2014 geriet, auch Otto getroffen. Zwar blieb der Umsatz – in Rubel gerechnet – nach Beginn der Krise relativ stabil: Die zuvor zweistellige Marge sei aber „runtergekracht ohne Ende“, bekennt Schierer. Otto reagierte mit scharfen Kürzungen auf den Schock, weshalb die Gruppe bereits 2015 wieder schwarze Zahlen schrieb. 2016 ging es dann weiter aufwärts.

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Experten gehen davon aus, dass die Talsohle in Russland jetzt durchschritten ist: Nach Jahren der Rezession soll die Wirtschaft des Landes in diesem Jahr erstmals wieder wachsen – doch die Krise hat das Land geprägt.

Und die Aussichten sind gut. In diesem Jahr prognostiziert die Branche dem Online-Handel erneut ein Wachstum von rund 25 Prozent. Gerade der grenzübergreifende Warenverkehr (Cross Border) boomt. Dabei spielt auch die gerade für Russland erstaunlich liberale Gesetzgebung in dem Bereich eine wichtige Rolle: Warensendungen bis zu einem Wert von 1000 Euro können zollfrei nach Russland eingeführt werden – und selbst teurere Sendungen lassen sich leicht stückeln, um den Zoll zu umgehen.

Der Anteil des Imports hat sich so innerhalb eines Jahres von 29 auf 33 Prozent erhöht und wird weiter wachsen. Vor allem bei Kleidern und Schuhen, Haushaltsgeräten und Elektrotechnik sind ausländische Anbieter bei den Russen gefragt.

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