Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

26.11.2016

15:13 Uhr

eCommerce

Wie Online-Handel nicht mehr nerven soll

VonChristoph Kapalschinski

Staus, Lärm, Abgase: In der Vorweihnachtszeit verstopfen besonders viele Paketzusteller die Innenstädte. Hamburg erklärt sich jetzt zur Modellregion für Alternativen. Einen Standort für Amazon gibt es trotzdem nicht.

Die Otto-Tochter Hermes testet derzeit in zwei Hamburger Stadtteilen Zustell-Roboter. dpa

Pilotprojekt oder Werbe-Gag?

Die Otto-Tochter Hermes testet derzeit in zwei Hamburger Stadtteilen Zustell-Roboter.

HamburgEinkaufen im Internet könnte gerade in der Adventzeit so praktisch sein: Ein paar Clicks – und das Paket kommt zu Hause an. Käme bloß der Bote nicht immer gerade dann, wenn niemand da ist. Zu diesem Bequemlichkeitsproblem kommen ganz handfeste Nachteile für die großen deutschen Städte: Die eh schon verstopften Straßen werden noch stauanfälliger, Anwohner müssen mit Lärm und Abgas von immer mehr Zustellfahrzeugen leben.

Da hört sich ein jetzt vorgestellter Plan Hamburgs großartig an: Die Stadt solle eine „Modellregion“ für die Zustellung von Paketen auf der sogenannten letzten Meile – also vom Zustelllager zum Endkunden – werden, verkündete Wirtschaftssenator Frank Horch (parteilos). „Saubere Luft und Mobilität zusammenzubringen gelingt nur über Innovationen“, sagte der frühere Manager in den schmucklosen Räumen der Wirtschaftsbehörde. Als größter Logistikstandort Deutschlands müsse sich die Hafenstadt insbesondere bemühen, den Luftreinhalteplan einzuhalten.

Noch allerdings klingen die Worte größer als die Inhalte. Über die bestehende regionale „Initiative Logistik“ sollen sich Unternehmen, Behörden und Wissenschaftler vernetzen. „Es geht um die Kombination erfolgreicher Großer mit Start-ups“, sagte Ex-Otto-Vorstand Peer Witten als Vertreter der Initiative. Die Otto-Tochter Hermes spielt denn auch eine größere Rolle: Sie testet derzeit in zwei Hamburger Stadtteilen Zustell-Roboter. Die Prototypen rollen allerdings bislang nur von einem Mitarbeiter begleitet über die Bürgersteige. Immerhin: Das bislang bis Jahresende vorgesehene Projekt soll nun noch um einige Wochen verlängert werden. Die Reaktion der Anwohner sei positiv, berichtete ein Hermes-Manager, technisch gebe es aber noch Probleme – etwa bei der mobilen Datenverbindung. Ansonsten testet Hermes in Hamburg kleinere Paket-Depots, von denen aus per Elektro-Rad geliefert wird. Als Teil des Projekts sei es außerdem gelungen, DPD davon zu überzeugen, eines seiner Elektro-Lieferfahrzeuge auch in Hamburg einzusetzen – statt nur in zwei bayerischen Städten.

Neue Ideen für die Online-Lieferung

Drohnen

Als Amazon-Chef Jeff Bezos Ende 2013 in einem TV-Interview den Prototypen seiner kleinen Fluggeräte zur Warenlieferung vorstellte, hielten das viele zunächst für einen Werbegag. Doch Amazon meint es ernst und hat mit „Prime Air“ sogar schon einen Namen für den Service. Ob und wann Amazon-Bestellungen tatsächlich im Alltag per Drohne geliefert werden könnten, ist offen - der Konzern testet noch. Eine Hürde bleibt auch die rechtliche Grundlage. Dies schreckt Konkurrenten jedoch nicht von eigenen Versuchen ab. So hat die Deutsche Post den automatischen „Paketcopter“, der 2014 testweise die Nordseeinsel Juist unter anderem mit Medikamenten versorgte. Und Google arbeitet bei „Project Wing“ an Mini-Fliegern mit Seilwinde.

Lieferroboter

Die Fahrzeuge, die äußerlich an einen großen Mars-Rover erinnern, sollen neben Fußgängern auf Gehwegen unterwegs sein. Die Firma Starship zum Beispiel, mit der unter anderem der Paketdienst Hermes und der Handelskonzern Metro zusammenarbeiten, will damit Waren mit einem Gewicht von bis zu 15 Kilogramm auf eine Entfernung von fünf Kilometern befördern. Die Vision ist, dass ein Mitarbeiter über das Internet 50 bis 100 automatische Lieferroboter überwacht. Starship peilt Kosten von rund einem Dollar pro Zustellung an. Die Pizza-Kette Domino's testete einen eigenen Lieferroboter in Australien. In Deutschland gibt es das Problem, dass der Betrieb solcher Fahrzeuge im Alltag nicht geregelt ist.

Kofferraum

Warum die Pakete immer nach Hause liefern, wenn der Adressat vielleicht gerade woanders unterwegs ist? Die Idee, die Pakete vom Zusteller einfach im Kofferraum zu platzieren, nimmt dabei konkrete Formen an. Der Zusteller bekommt dafür einen ein Mal gültigen Code, mit dem er die Klappe öffnen kann. Die Position des Fahrzeugs wird per GPS bestimmt. Der Paketdienst DHL testet die Kofferraum-Zustellung in einigen deutschen Städten mit jeweils mehreren hundert Smart-Fahrern. Unter anderem auch Audi, BMW und Volvo arbeiten an einem solchen Verfahren.

Crowdshipping

Warum nicht den Nachbarn zum Paketboten machen? Zahlreiche Start-ups versuchen gerade, daraus eine Geschäftsidee zu machen. Kern ist eine App, die Händler, Lieferanten und Kunden verknüpft. Wer ohnehin unterwegs ist, kann dann Pakete für andere mitnehmen und sich so etwas Geld verdienen. So gut die Idee ist, so schwierig scheint sie umzusetzen zu sein: DHL hat damit schon erfolglos experimentiert, Walmart einen Feldversuch abgebrochen. Auch Amazon testet den Service.

Kühlboxen

Die britische Supermarktkette Waitrose hat als erster mit dieser Idee Furore gemacht: Gekühlte Abholstationen für online bestellte Lebensmittel. Auch die britische Walmart-Tochter Asda experimentiert mit Kühlfächern an Tankstellen. Geöffnet werden sie per QR-Code oder PIN, die Kunde per Mail bekommt. Auch Rewe probiert bereits die Idee aus.

Das Projekt „Modellregion“ schrumpft so zusammen auf ein Nebeneinander von kleineren Pilotprojekten. Die Initiative soll sie verknüpfen und will in einiger Zeit eine wissenschaftliche Untersuchung vorlegen, was funktioniert und was nicht. Offene Arbeitsgruppen besprechen dabei Ziele wie emissionsarme Fahrzeuge, alternative Zustellpunkte und innovative Zustellarten. Auch Themen wie Drohnen oder gar die Zustellung über Hamburgs innerstädtische Kanäle, die Fleete, könnten Themen sein.

Konkretere Ziele sind jedoch bislang nicht geplant. Ein Verbot etwa von Zustellfahrzeugen mit Verbrennungsmotor in der Innenstadt sei mit dem betont wirtschaftsfreundlichen Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) „undenkbar“, hieß es aus dem Umfeld der Initiative. Der Politiker hatte sich wiederholt gegen größere Verkehrseinschränkungen ausgesprochen und will stattdessen auf Anreize für mehr Elektro- und Fahrradmobilität setzen. Die Rolle der Behörden sei es, Genehmigungen schneller zu erteilen, sagte Senator Horch. Die Genehmigung der Zustellroboter habe etwa nur drei Monate in Anspruch genommen, lobten die Beteiligten.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×