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03.04.2017

08:44 Uhr

Edeka-Projekt in Stuttgart

Abholbox im Bahnhof – Trend oder PR-Gag?

Im Stuttgarter Hauptbahnhof steht die erste Supermarkt-Abholbox Deutschlands. Mit dem Automaten will Edeka ein Zeichen für den Online-Einkauf von Lebensmitteln setzen. Experten sehen die Idee aber skeptisch.

Ein Start-up aus Südbayern hat die Supermarkt-Abholstation für Edeka gebaut. Branchenexperten freuen sich über solche Erprobungen zum Online-Einkauf von Lebensmitteln. Jetzt komme es auf den Verbraucher an, ob dieser die Stationen auch annehme. dpa

Lebensmittel-Abholbox in Stuttgart

Ein Start-up aus Südbayern hat die Supermarkt-Abholstation für Edeka gebaut. Branchenexperten freuen sich über solche Erprobungen zum Online-Einkauf von Lebensmitteln. Jetzt komme es auf den Verbraucher an, ob dieser die Stationen auch annehme.

StuttgartDie erste Bestellung ist eine Überraschung. Gerade noch hatte ein Bahn-Manager einen Werbeclip in der Halle des Stuttgarter Hauptbahnhofs abspielen lassen, in dem ein imaginärer Kunde Zutaten für Käsespätzle bestellt. Gewissermaßen als Fortsetzung der Werbung im wahren Leben schreitet der Manager dann zur Tat: Er hält einen Handy-Code vor einen Scanner und ein Fach der neuen Lebensmittel-Abholstation „Bahnbox“ öffnet sich. Drin jedoch liegen nicht Spätzle, Käse, Sahne und Zwiebeln, sondern Lasagne und Nudeln. Der Manager guckt verwirrt. Später klärt sich auf: In einem anderen, weiter rechts gelegenen Fach sind die Käsespätzle-Zutaten.

Die Werbeveranstaltung im Stuttgarter Hauptbahnhof ist ein weiterer kleiner Schritt im digitalen Wandel des Handels. Die Lebensmittelbranche ist noch wenig betroffen von den neuen Konsumentengewohnheiten: Während die Online-Konkurrenz stationären Buchläden oder Klamottengeschäften zusetzt, liegt der Versandhandel mit Nahrung nur bei etwa einem Prozent am Lebensmittel-Gesamtumsatz. Die Tendenz ist zwar steigend, aber eben auf sehr niedrigem Niveau.

Neue Ideen für die Online-Lieferung

Drohnen

Als Amazon-Chef Jeff Bezos Ende 2013 in einem TV-Interview den Prototypen seiner kleinen Fluggeräte zur Warenlieferung vorstellte, hielten das viele zunächst für einen Werbegag. Doch Amazon meint es ernst und hat mit „Prime Air“ sogar schon einen Namen für den Service. Ob und wann Amazon-Bestellungen tatsächlich im Alltag per Drohne geliefert werden könnten, ist offen - der Konzern testet noch. Eine Hürde bleibt auch die rechtliche Grundlage. Dies schreckt Konkurrenten jedoch nicht von eigenen Versuchen ab. So hat die Deutsche Post den automatischen „Paketcopter“, der 2014 testweise die Nordseeinsel Juist unter anderem mit Medikamenten versorgte. Und Google arbeitet bei „Project Wing“ an Mini-Fliegern mit Seilwinde.

Lieferroboter

Die Fahrzeuge, die äußerlich an einen großen Mars-Rover erinnern, sollen neben Fußgängern auf Gehwegen unterwegs sein. Die Firma Starship zum Beispiel, mit der unter anderem der Paketdienst Hermes und der Handelskonzern Metro zusammenarbeiten, will damit Waren mit einem Gewicht von bis zu 15 Kilogramm auf eine Entfernung von fünf Kilometern befördern. Die Vision ist, dass ein Mitarbeiter über das Internet 50 bis 100 automatische Lieferroboter überwacht. Starship peilt Kosten von rund einem Dollar pro Zustellung an. Die Pizza-Kette Domino's testete einen eigenen Lieferroboter in Australien. In Deutschland gibt es das Problem, dass der Betrieb solcher Fahrzeuge im Alltag nicht geregelt ist.

Kofferraum

Warum die Pakete immer nach Hause liefern, wenn der Adressat vielleicht gerade woanders unterwegs ist? Die Idee, die Pakete vom Zusteller einfach im Kofferraum zu platzieren, nimmt dabei konkrete Formen an. Der Zusteller bekommt dafür einen ein Mal gültigen Code, mit dem er die Klappe öffnen kann. Die Position des Fahrzeugs wird per GPS bestimmt. Der Paketdienst DHL testet die Kofferraum-Zustellung in einigen deutschen Städten mit jeweils mehreren hundert Smart-Fahrern. Unter anderem auch Audi, BMW und Volvo arbeiten an einem solchen Verfahren.

Crowdshipping

Warum nicht den Nachbarn zum Paketboten machen? Zahlreiche Start-ups versuchen gerade, daraus eine Geschäftsidee zu machen. Kern ist eine App, die Händler, Lieferanten und Kunden verknüpft. Wer ohnehin unterwegs ist, kann dann Pakete für andere mitnehmen und sich so etwas Geld verdienen. So gut die Idee ist, so schwierig scheint sie umzusetzen zu sein: DHL hat damit schon erfolglos experimentiert, Walmart einen Feldversuch abgebrochen. Auch Amazon testet den Service.

Kühlboxen

Die britische Supermarktkette Waitrose hat als erster mit dieser Idee Furore gemacht: Gekühlte Abholstationen für online bestellte Lebensmittel. Auch die britische Walmart-Tochter Asda experimentiert mit Kühlfächern an Tankstellen. Geöffnet werden sie per QR-Code oder PIN, die Kunde per Mail bekommt. Auch Rewe probiert bereits die Idee aus.

Mit der Stuttgarter Bahnhofsbox will nun Edeka Südwest ein digitales Ausrufezeichen setzen. In der Stadt bringt nun ein Edeka-Markt die im Internet bestellten Waren zu der acht Meter breiten und zweieinhalb Meter hohen Aufbewahrungswand mit 52 Fächern. 7000 Produkte können bestellt werden – ob Fleisch, Milch, Salat oder Eis. Bestellt ein Kunde bis sechs Uhr morgens, so kann er die Ware zwischen 10 und 14 Uhr abholen. Zudem gibt es ein Zeitfenster zwischen 15 und 22 Uhr. Der Service sei praktisch und zeitsparend, wirbt die Bahn.

Es ist die erste Supermarkt-Abholbox an einem Bahnhof in Deutschland, im Mai soll eine ähnliche Station am Berliner Ostbahnhof aufgestellt werden. Die Preise für die Produkte sind ähnlich wie im Supermarkt, pro Bestellung ist aber eine Service-Pauschale von 2,95 Euro fällig.

Branchenexperten äußern sich zurückhaltend zu den Erfolgsaussichten des Pilotvorhabens. „Das ist eine interessante Idee“, sagt der Handelsexperte Sascha Berens vom Kölner Handelsinstitut EHI. Es sei gut, dass der Handel solche Erprobungen macht. „Aber ob die Verbraucher dies annehmen, muss die Zeit zeigen.“

Die Abholmentalität in Deutschland sei schwach. „In Frankreich haben wir sehr große, teils weit entfernte Supermärkte, in die Verbraucher oft nur einmal pro Woche zum Großeinkauf fahren – da bestellen viele lieber im Internet und holen sich das bereitliegende Warenpaket später an Abholstationen ab“, sagt Berens. Hierzulande gebe es mehr Supermärkte, die deutlich kleiner seien. Daher müssten Konsumenten nicht fürchten, in riesigen Märkten ewig suchen zu müssen.

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