Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

24.04.2014

10:15 Uhr

Ein Jahr nach Bangladesch

Viel versprochen, wenig gehalten

VonPetra Blum

Auch ein Jahr nach dem verheerenden Fabrikbrand in Bangladesch ist bei deutschen Textilfirmen nicht viel passiert in Sachen Arbeitsschutz. Und für viele Verbraucher ist „Geiz ist geil“ immer noch eine passende Parole.

Blutige Billig-Klamotten

Wut und Trauer ein Jahr nach dem Fabrikeinsturz

Blutige Billig-Klamotten: Wut und Trauer ein Jahr nach dem Fabrikeinsturz

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

KölnDas Tackern der Nähmaschinen, das Summen der Ventilatoren, das Gewirr der Stimmen -  ob sie eine Textilfabrik in Bangladesch betritt oder etwa eine in China, hört Maren Barthel allein an dem Lärm, der aus den Hallen strömt. Als Sozialprüferin hat sie bereits unzählige Textilfabriken besucht, für den Hamburger Handelsriesen Otto bereist sie regelmäßig die verschiedenen Herstellerländer in Asien und kontrolliert die Sicherheits- und Sozialstandards der Lieferanten.

Otto geht mit der Entsendung eigener Prüfer für Sozialstandards weit über das hinaus, was die meisten deutschen oder europäischen Modeunternehmen in Kontrollen in Billiglohnländern wie Bangladesch investieren. Auch nach dem Einsturz des Fabrikgebäudes Rana Plaza in Dhaka am 24. April 2013 mit mehr als 1100 Toten stützen sich die meisten deutschen Textilhändler vor allem auf die BSCI-Initiative, die inzwischen mehr als 1000 Mitglieder hat– darunter auch große deutsche Discountketten wie Aldi oder Lidl. Erklärtes Ziel von BSCI ist die Verbesserung der Sozialstandards bei den Lieferanten. Kritiker zweifeln jedoch an der Wirksamkeit dieser Standards.

 „Diese Kontrollen sind besonders preisgünstig für die westlichen Textilunternehmen – für die Arbeiter vor Ort verbessert sich dadurch überhaupt nichts“, sagt Maik Pflaum von der christlichen Initiative Romero, die sich für Arbeits- und Menschenrechte einsetzt. Vor allem die Audits, die BSCI durchführt, werden von Nichtregierungsorganisationen als leicht zu unterlaufen kritisiert.

Das Ringen um faire Bedingungen

Unter Beobachtung

Die Fabrikbesitzer in Bangladesh stehen unter besonderer Beobachtung, seit zwei Katastrophen 2013 sowohl Auftraggeber als auch Konsumenten auf der ganzen Welt aufschreckten: Erst ging die Tazreen-Fabrik in Flammen auf und riss Dutzende Menschen in den Tod, dann fiel das Industriehochhaus Rana Plaza in sich zusammen und wurde für mehr als 1100 Menschen zum Grab.

Stabile Nachfrage

Die Nachfrage nach Textilien aus Bangladesh ist nach den Unglücken keineswegs eingebrochen, sie steigt sogar weiter an. Hauptgrund sind die günstigen Löhne. In China etwa sind die Arbeitskosten inzwischen viermal so hoch, zudem verlangen die Wanderarbeiter dort kostenlose Unterkunft und Verpflegung. Allerdings fehlt Bangladesch die Wertschöpfungstiefe, es gibt keinen Baumwollanbau. Das verursacht höhere Materialkosten. Zudem ist die Qualität der Produkte oft noch schlechter als etwa aus den fortschrittlichen Fabriken in China und Vietnam. Dazu kommen große Probleme bei der Logistik: Politische Streiks blockieren oft die Straßen, der Hafen des Landes ist überlastet. Das führt dazu, dass die Marken in Bangladesch vor allem Basisprodukte wie T-Shirts fertigen lassen. Hochwertigere und modischere Ware kommt dagegen  aus Ländern, die für höhere Liefersicherheit bekannt sind. Das limitiert das Wachstum des Textilsektors in Bangladesch, das zuletzt bei zehn Prozent lag.

Preisvorteil schrumpft

Der Preisvorteil der bengalischen Fabriken wird geringer, seit die Politik auf internationalen Druck und zahlreiche Arbeiterproteste reagierte und den Mindestlohn anhob. Seit Dezember erhalten Arbeiter monatlich mindestens 5300 Taka (49 Euro) statt wie bisher 3000 Taka. Allerdings dürfte der Aufpreis pro Kleidungsstück nur ein paar Cent betragen. Dazu kommt: Als eines der ärmsten Länder der Welt schlägt die EU auf Exporte aus Bangladesh keinen Zoll auf – das macht die Ware aus dem Land noch konkurrenzfähiger.

Lasche Prüfungen des BSCI

Seit 2003 existiert die Industrie-Initiative BSCI, die soziale Kriterien nach einheitlichen Maßstäben prüft. Inspektoren haken einen Kriterienplan ab, Fabriken bekommen Maßnahmen-Empfehlungen. Dazu nutzen sie eine Selbsteinschätzung der Fabrikmanager, einen Kontrollgang und Befragungen von Mitarbeitern. Allerdings wird nur alle drei Jahre neu kontrolliert, teilnehmende Marken dürfen ein Drittel ihres Volumens bei unauditierten Fabriken kaufen. Immerhin: Das Bewusstsein für solche Kriterien ist gestiegen, Kinderarbeit inzwischen höchst selten. Auch Rana Plaza hatte ein BSCI-Siegel – geprüft vom Tüv Rheinland, der damals nur mit einem Sozial-Prüfer in dem Land arbeitete. Heute sind es drei.

Händlerverbund Accord

Im Accord haben sich viele europäische Marken und Händler zusammengeschlossen, die in Bangladesch einkaufen. Sie verpflichten sich rechtlich bindend, nur bei von der Organisation geprüften Fabriken zu kaufen. Einbezogen sind auch Regierung und Arbeiter-Organisationen. Derzeit untersuchen westliche Bauingenieure die Fabriken, die für die Teilnehmer produzieren. Einige wenige werden ausgeschlossen, die meisten bekommen Auflagen für den Umbau, die sie innerhalb einiger Monate erfüllen müssen. Die Marken wollen teilweise Sicherheitsumbauten kofinanzieren. Die ersten Berichte stehen bereits im Netz. Das US-Pendant zum Accord heißt Alliance.

Vielfalt an Siegeln

Es gibt für Mode kein einheitliches Siegel, das sowohl Umwelt- als auch Arbeitsstandards zusammenfasst. Ein grünes Label mit weißem Hemd steht für „Global Organic Textile Standard“ (GOTS) – zu den Kriterien gehören das Verbot von Zwangs- und Kinderarbeit sowie die Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz. Ein rot-weißes Label mit dem Aufdruck „IVN zertifiziert NATURTEXTIL“ findet sich auf Kleidung aus Naturfasern wie Baumwolle, Leinen und Seide. Es steht auch für die Einhaltung von Sozialstandards am Arbeitsplatz und die Einhaltung geregelter Arbeitszeiten. Auch das Öko-Zeichen „Textiles Vertrauen nach Oeko-Tex Standard 100plus“ steht mit für die Einhaltung von Sozialkriterien.

Das erkenne man auch an dem von BSCI in Auftrag gegebenen Auditing des Rana Plaza Gebäudes nur Monate vor dem Einsturz: „Hier wurde zum Beispiel nicht nach Gebäudesicherheit gefragt“, sagt Frauke Banse von der Kampagne für saubere Kleidung. Zwar war das auch nicht die Aufgabe der Sozialprüfer – doch so verwirkten Audits ihren Zweck, so Banse.

Selbst die Verbände räumen die begrenzten Kapazitäten für Kontrollen ein. „Welche Aspekte geprüft werden, also ob etwa Gebäudesicherheit oder ökologische Standards dazugehören, ist auch eine Frage von Kapazitäten. Man wollte erst einmal Fortschritte im Bereich der Sozialstandards erzielen. Kapazitäten für weitere Kontrollen darüber hinaus waren nicht vorgesehen“, sagt Stefan Wengler, Geschäftsführer der Außenhandelsvereinigung des Deutschen Einzelhandels (AVE), in der auch die Textilunternehmen vertreten sind. Das sei allerdings auch von Stakeholdern nie beanstandet worden. Inzwischen sind die BSCI-Audits verschärft worden – sie sollen öfter unangemeldet stattfinden und die Prüfkriterien sind ausgeweitet worden. Kritikern geht das noch nicht weit genug.

Kommentare (3)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

24.04.2014, 10:38 Uhr

Schuld sind die Deutschen? Nein Schuld sind nur die Politiker und Unternehmer in Bangladesh. Sie sind dafür haftbar zu machen. Warum werden die Bauten nicht überprüft? Wieso geht dort alles nur mit Schmiergelder? Warum sind die Politiekr dort noch nicht im Gafängnis und bezahlen den Schaden? Nur weil Fr. Merkel alles in der Welt bezahlen will damit es Deutschland noch schlechter geht? Wo bleibt da ihr Amtseid???

Account gelöscht!

24.04.2014, 11:40 Uhr

Es ist nicht "DEUTSCHLAND" dem es schlecht ergeht,sondern die Mittel-und Unterschicht der Bundesrepublik,die seit Jahren zum Nutzen der Banken,Versicherungen und Konzerne abgehängt wird.
Es hilft also nicht ins nationalistische Horn zu blasen,sondern gegen Lobbyismus muss konsequent vorgegangen werden.Ich verweise in dem Zusammenhang auf eine Studie der ETH Zürich,mit dem Titel "The network of global corporate control",zu deutsch:Das Netzwerk der globalen Kontrolle durch Firmen.
Auf Seite 33 dieser Studie findet sich eine Rangliste der für die weltweite Kontrollausübung entscheidenden Firmen.
Hier liegt der Hund begraben!

Account gelöscht!

24.04.2014, 12:08 Uhr

Hier noch der Link zu der besagten Studie:http://arxiv.org/PS_cache/arxiv/pdf/1107/1107.5728v2.pdf

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×