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11.01.2005

07:43 Uhr

Einige Zulieferer steigen aus Pilotprojekt mit RFID-Chips aus – Investitionen der Lieferanten oft zu gering

Wal-Mart kämpft mit Funketiketten

VonTobias Mörschen (Handelsblatt)

In Texas und in Neuss hat die Zukunft des Handels schon begonnen: In drei Logistikzentren im Süden der USA erprobt der amerikanische Handelskonzern Wal-Mart derzeit eine neue Technik, RFID (Radio Frequency Identification) genannt. Und in einem so genannten Innovation Center im niederrheinischen Neuss testet der deutsche Handelsriese Metro die RFID-Technik.

NEW YORK. Seit dem ersten Januar müssen die hundert größten Lieferanten Wal- Marts elektronische RFID-Etikette auf Paletten und Kisten kleben, die sie an drei texanische Lager schicken. Allerdings melden Konzerne wie der Nahrungsmittelriese Kraft Foods Probleme mit der neuen Technik, die irgendwann einmal die schwarzen Balken der Barcodes ablösen soll.

Nach Angaben der Unternehmensberatung AMR Research investieren die meisten Wal-Mart-Lieferanten nur widerwillig in die neue Technik. „Viele sind mehr denn je überzeugt, dass sie keinen Ertrag auf ihre Investitionen erzielen, und schlimmer noch: sie betrachten ihre bisherigen Technologieausgaben als herausgeworfenes Geld“, sagt Kara Romanow, Leiterin der Analyseabteilung von AMR Research.

Dagegen sehen Wal-Mart-Chef Lee Scott und Metro-Vorstand Hans-Joachim Körber Sparpotenzial in Milliardenhöhe in den fingernagelgroßen „intelligenten Etiketten“. Denn im Gegensatz zum bisher üblichen schwarzen Balkencode speichert ein RFID-Chip mehr Informationen, und seine Miniantenne, sendet die Produktdaten per Radiowelle aus.

Der Sender ermöglicht die Erfassung etwa von Produktpreis und Verfallsdatum, ohne jede Ware einzeln mit einem Scanner abzutasten. So lässt sich – theoretisch – der Weg von der Fabrik ins Großlager, von dort ins Supermarktregal, weiter in den Einkaufskorb und an die Kasse verfolgen. Das kann helfen, die Regale stets gefüllt zu halten, die Lagerhaltung zu verschlanken und Diebstahl und Schmuggel zu bekämpfen.

Damit die Hersteller von der RFID-Technik profitieren, müssten sie allerdings möglichst viele Produkte mit den Chips ausstatten und die gewonnenen Daten speichern und auswerten. Das würde jeden Wal-Mart-Lieferanten nach Einschätzung von AMR Research im Schnitt 13 bis 23 Mill. Dollar kosten.

Die Unternehmen, darunter große Konsumgüterhersteller wie Kimberly-Clark, Kraft und Gilette, investierten jedoch laut der AMR-Studie im Schnitt nur ein bis drei Mill. Dollar. Damit erfüllten sie nur Wal-Marts Mindestanforderungen, ohne selbst zu profitieren. Zwei der hundert ausgewählten Pioniere sind nach Informationen der Zeitung „New York Times“ sogar völlig aus dem Pilotprojekt ausgestiegen. Allerdings beteiligen sich laut Wal-Mart 37 weitere Lieferanten freiwillig an dem Test, der derzeit Wal-Mart- Standorte in den Bundesstaaten Texas und Oklahoma erfasst und bald ausweitet werden soll.

Das größte Problem der RFID-Chips ist ihr hoher Preis von 20 und 80 Cent pro Stück, je nach Leistungsmerkmalen. Das macht die intelligenten Etikette zu teuer, um sie auf geringwertige Waren zu kleben. Allerdings könnten einheitliche Standards die Kosten bald um bis zu 80 Prozent senken, schätzt Analystin Christine Overby von Forrester Research. Am 16. Dezember verabschiedete der Branchenorganisation EPC Global einheitliche Richtlinien für die zweite Generation von RFID- Chips. Auf dieser Basis wollen Technologiefirmen wie Philips und Texas Instruments nun in die Massenproduktion einsteigen.

Ein zweites Problem der RFID- Technik besteht in der bislang hohen Fehlerrate der Lesegeräte. So erfasst Wal-Mart nach eigenen Angaben nur 60 Prozent aller RFID-Daten korrekt. Aluminium-Folie blockiert zum Beispiel die Radiowellen. Außerdem versagen die Chips auf Behältern für flüssige Waren und bei weichen Produkten wie Taschentüchern.

Datenschützer protestieren, dass die Technologie eine totale Durchleuchtung von Verbrauchern erlaubt. Auf einer US-Webseite wird Wal-Mart bereits mit dem „großen Bruder“ aus dem George-Orwell-Roman „1984“ verglichen, der alle Bürger rund um die Uhr überwacht. Wal-Mart und Metro halten dagegen, dass sie nicht kunden-, sondern warenbezogene Daten erfassen.

Ähnliche Probleme und Sorgen plagten bereits in den 70er Jahren die Vorläufer des Barcodes. Die damals neue Technologie hat sich am Ende trotzdem durchgesetzt. Branchenexperten glauben daher, dass auch RFID in einigen Jahren zum Standard wird.

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