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12.12.2012

14:52 Uhr

Einzelhandel

Kunden stehen auf gefälschte Artikel

Falsche Louis-Vuitton-Taschen, nachgemachte Fußball-Trikots oder Fake-Rolex-Uhren: Zwei Drittel aller Verbraucher haben schon einmal zugeschlagen. Allein der deutschen Industrie fügt das einen Milliardenschaden zu.

Gefälschte Handtasche in einem Geschäft in Peking. AFP

Gefälschte Handtasche in einem Geschäft in Peking.

DüsseldorfProduktfälschungen gelten unter deutschen Verbrauchern eher als Kavaliersdelikt und werden von ihnen teilweise bewusst gekauft. 65 Prozent erwarben bereits Plagiate, 30 Prozent griffen bewusst zu gefälschten Produkten, wie eine Befragung von 3.100 Verbrauchern durch die Stuttgarter Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young ergab. Laut der am Mittwoch in Düsseldorf vorgestellten Studie haben besonders junge Verbraucher wenig Bedenken, Fälschungen zu kaufen. Von den 18- bis 25-Jährigen griffen 43 Prozent bewusst zu einem Plagiat.

Für die Unternehmen handelt es sich bei Produktpiraterie keineswegs um ein Kavaliersdelikt. Nach Schätzungen von Ernst & Young entsteht der Industrie in Deutschland durch Plagiate ein Schaden in Höhe von 50 Milliarden Euro pro Jahr. Die Wirtschaftsprüfer führten parallel Interviews mit 24 Managern von ausgewählten Unternehmen. 79 Prozent von ihnen sind mehrmals im Jahr von Produktpiraterie betroffen. 42 Prozent rechnen mit einer Zunahme der Fälschungen innerhalb der nächsten drei Jahre.

Unternehmensbefragung: Woher Produktfälschungen stammen

China

83 Prozent

(Mehrfachnennungen möglich)

Südostasien

33 Prozent

(Mehrfachnennungen möglich)

Türkei

33 Prozent

(Mehrfachnennungen möglich)

Osteuropa

25 Prozent

(Mehrfachnennungen möglich)

Naher und Mittlerer Osten

17 Prozent

(Mehrfachnennungen möglich)

Südamerika

8 Prozent

(Mehrfachnennungen möglich)

Sonstige

17 Prozent

(Mehrfachnennungen möglich)

Quelle

Ernst & Young-Umfrage unter 24 ausgewählten Unternehmen, darunter mehrere Dax-Konzerne.

Beim Zoll wird nur ein Bruchteil der Plagiate entdeckt. "Die schiere Masse der gefälschten Waren erlaubt den Zollbehörden im Normalfall nur Stichproben", sagte Stefan Heißner, Experte zu dem Thema bei Ernst & Young. "Wir müssen deshalb davon ausgehen, dass die allermeisten Fälschungen ihren Zielmarkt erreichen."

Weil die Angebotsseite also kaum beeinflusst werden kann, setzt Rüdiger Stihl auf die Aufklärung der Verbraucher. Stihl ist Mitglied des Holding-Beirats bei dem Motorsägenhersteller Stihl in Waiblingen und Vorsitzender des Aktionskreises gegen Produkt- und Markenpiraterie, der die Studie gemeinsam mit Ernst & Young vorstellte. "Ich habe durchaus Verständnis dafür, dass viele Kunden sehr preisbewusst einkaufen", sagte er der Nachrichtenagentur dapd. "Nur: Sie wissen dann nicht, dass hinter diesen Produkten große Gefahren lauern", fügte er hinzu.

Verbraucherumfrage: Weshalb schrecken Sie vor dem bewussten Kauf von Fälschungen zurück?

36 Prozent

Geringe Qualität

26 Prozent

Gesundheitsrisiken

24 Prozent

Kinderarbeit

22 Prozent

Unterstützung Krimineller

17 Prozent

Gefährdung deutscher Arbeitsplätze

Quelle 2

Repräsentative Verbraucherumfrage im Auftrag von Ernst & Young. Stand: Dezember 2012.

Die Befragung führte Ernst & Young unter Verbrauchern durch, die zuvor eine Wanderausstellung des Aktionskreises zum Thema besucht hatten. 78 Prozent von ihnen gaben anschließend an, sie würden in Zukunft sicher vom Kauf gefälschter Produkte absehen. "Das zeigt uns deutlich, dass wir die Verbraucher als unsere Verbündeten mit ins Boot holen müssen", sagte Stihl. So will der Aktionskreis mit einer Broschüre künftig stärker in die Öffentlichkeit gehen.

86 Prozent der befragten Unternehmer sehen auch die Politik in der Pflicht. "Ein erster Schritt wären verbesserte EU-weite gesetzliche Schutzbestimmungen und eine gezielte Aufklärungsarbeit in der Öffentlichkeit", sagte Stihl. Insbesondere das Verbraucherschutzministerium könne dazu mit einer Kampagne beitragen.

Von

dapd

Kommentare (8)

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muunoy

12.12.2012, 15:44 Uhr

Zitat: "Nach Schätzungen von Ernst & Young entsteht der Industrie in Deutschland durch Plagiate ein Schaden in Höhe von 50 Milliarden Euro pro Jahr. "
So ein Blödsinn. Da wird unterstellt, dass jemand, der sich im Urlaub eine Rolex als Plagiat für 10 oder 20 EUR kauft, eine echte kaufen würde, wenn es das Plagiat nicht gäbe. Selten so einen Stuss gelesen.

easyway

12.12.2012, 15:47 Uhr

Der Artikel stellt einiges auf die Probe. Vor allem die Intelligenz.
Wer sich für den Fake entscheidet, entscheidet sich auch für Billig. So ein Mensch würde mit Gewißheit keine 20.000 Euro für eine Rolex locker machen. Außerdem sind Import-Export und 1-Euro-Läden mit dem berüchtigten Slogan "und mehr ..." weder Louis Viton Vertragshändler noch die von Rolex oder Stihl. Und mit weiterer Gewißheit liegen solche Läden nicht in den Luxux-Einkaufsmeilen.

Der Industrie geht kein Cent verloren.



flyingfridge

12.12.2012, 15:54 Uhr

Hab mir vor kurzem einen Designer-Sessel gekauft. Preis beim Original-Hersteller 3500 EUR, die chinesische Kopie kostet 600 EUR. Das Design ist von 1966. Jetzt würde ich also mal anders herum argumentieren: Nur dadurch, dass Geschmacksmusterschutz eine so lange Laufzeit haben kann, entseht beim Verbrauch ein immenser wirtschaftlicher Schaden. Der Verbraucher ist also geradezu verpflichtet, die Kopie zu kaufen um die Absurdität dieses sogenannten "geistigen Eigentums" herauszustreichen.

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