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23.12.2016

12:18 Uhr

Einzelhandel

Terror überschattet Endspurt im Weihnachtsgeschäft

Licht und Schatten: Der Einzelhandel erwartet in diesem Jahr zwar ein Rekordgeschäft zum Fest. Doch der Terroranschlag in Berlin dürfte dafür sorgen, dass viele Menschen die Einkaufszonen der Innenstädte meiden.

Während das Geschäft mit Uhren, Schmuck, Haushaltswaren und hochwertigen Lebensmitteln floriert, stagnieren die Umsätze im Textilhandel. dpa

Weihnachtsgeschäft

Während das Geschäft mit Uhren, Schmuck, Haushaltswaren und hochwertigen Lebensmitteln floriert, stagnieren die Umsätze im Textilhandel.

DüsseldorfDer deutsche Einzelhandel hatte in diesem Jahr eigentlich mit einem „Rekord-Weihnachtsgeschäft“ gerechnet. Doch dürfte der Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt in Berlin den Händlern das Erreichen dieses Ziels nicht einfacher machen. Für den Handelsexperten Achim Berg von der Unternehmensberatung McKinsey steht fest: „So ein Anschlag vor Weihnachten hat natürlich Auswirkungen. Die Zahl der Besucher in den Einkaufsstraßen dürfte dadurch in diesen Tagen spürbar zurückgehen.“ Wer nicht noch dringend ein Geschenk besorgen müsse, werde sich den Besuch in der Innenstadt oder im Einkaufszentrum überlegen. Dies zeigten die Erfahrungen nach den letztjährigen Anschlägen in Paris, betont der Branchenkenner.

Eine Trendumfrage bei rund 400 Unternehmen in dieser Woche habe aber ergeben, dass die Umsätze über dem Niveau der Vorwoche lagen, sagte Kai Falk vom Handelsverband Deutschland am Freitag der Deutschen Presse-Agentur. Es lasse sich aber kaum beurteilen, wie sich die Verbraucher ohne den Anschlag verhalten hätten. Insgesamt sei das Weihnachtsgeschäft „robust“ gewesen. Besonders gut seien die Geschäfte in Randlagen gelaufen, etwa in Möbelhäusern, Fachmärkten, aber auch in Stadtteilzentren. Von den Geschenkekäufern in den Tagen vor dem Weihnachtsfest hätten eher die großen Unternehmen als die kleinen Läden profitiert, sagte Falk. Die Umsätze in den Monaten November und Dezember sind seit 2009 stetig gestiegen, auf zuletzt 87,2 Milliarden Euro im vergangenen Jahr.

Er rechnet aber zumindest in der Bundeshauptstadt mit Auswirkungen auf den Handel: „Wir gehen davon aus, dass es am Dienstag und Mittwoch in Berlin sicher eine Delle bei den Umsätzen gegeben hat. Die Menschen halten erst mal inne, bevor das normale Leben weitergeht.“

Dabei setzten gerade die stationären Händler große Hoffnungen auf diese Woche. Nach Angaben des Hauptgeschäftsführers des Handelsverbandes Deutschland (HDE), Stefan Genth, rechneten die Händler mit einem „großen Ansturm“ in den Innenstädten. Denn in den vergangenen Jahren habe sich gezeigt, „dass immer mehr Kunden auf den letzten Drücker ihre Weihnachtseinkäufe in Angriff nehmen“.

Und ein solcher Ansturm wäre für viele Händler wohl auch ein Segen. Denn in den Wochen vor dem vierten Advent lief das Weihnachtsgeschäft durchwachsen. Zufrieden zeigten sich vor allem größere Händler. Spürbar schlechter lief es in vielen kleineren Geschäften. Der Online-Handel brummt zwar, so dass der Paketzusteller Hermes in diesen Tagen über „das stärkste Weihnachtsgeschäft seiner Unternehmensgeschichte“ jubeln kann. Viele Ladeninhaber in den Innenstädten klagen dagegen über gesunkene Besucherzahlen in den Fußgängerzonen.

Während das Geschäft mit Uhren, Schmuck, Haushaltswaren und hochwertigen Lebensmitteln laut HDE floriert, stagnieren die Umsätze im Textilhandel. Weihnachten spiele eigentlich für den Modehandel kaum noch eine Rolle, viel wichtiger sei das Wetter, meint Axel Augustin vom Bundesverband des Deutschen Textilhandels (BTE). Es gibt also viel Licht und Schatten in diesem Weihnachtsgeschäft.

Neue Ideen für die Online-Lieferung

Drohnen

Als Amazon-Chef Jeff Bezos Ende 2013 in einem TV-Interview den Prototypen seiner kleinen Fluggeräte zur Warenlieferung vorstellte, hielten das viele zunächst für einen Werbegag. Doch Amazon meint es ernst und hat mit „Prime Air“ sogar schon einen Namen für den Service. Ob und wann Amazon-Bestellungen tatsächlich im Alltag per Drohne geliefert werden könnten, ist offen - der Konzern testet noch. Eine Hürde bleibt auch die rechtliche Grundlage. Dies schreckt Konkurrenten jedoch nicht von eigenen Versuchen ab. So hat die Deutsche Post den automatischen „Paketcopter“, der 2014 testweise die Nordseeinsel Juist unter anderem mit Medikamenten versorgte. Und Google arbeitet bei „Project Wing“ an Mini-Fliegern mit Seilwinde.

Lieferroboter

Die Fahrzeuge, die äußerlich an einen großen Mars-Rover erinnern, sollen neben Fußgängern auf Gehwegen unterwegs sein. Die Firma Starship zum Beispiel, mit der unter anderem der Paketdienst Hermes und der Handelskonzern Metro zusammenarbeiten, will damit Waren mit einem Gewicht von bis zu 15 Kilogramm auf eine Entfernung von fünf Kilometern befördern. Die Vision ist, dass ein Mitarbeiter über das Internet 50 bis 100 automatische Lieferroboter überwacht. Starship peilt Kosten von rund einem Dollar pro Zustellung an. Die Pizza-Kette Domino's testete einen eigenen Lieferroboter in Australien. In Deutschland gibt es das Problem, dass der Betrieb solcher Fahrzeuge im Alltag nicht geregelt ist.

Kofferraum

Warum die Pakete immer nach Hause liefern, wenn der Adressat vielleicht gerade woanders unterwegs ist? Die Idee, die Pakete vom Zusteller einfach im Kofferraum zu platzieren, nimmt dabei konkrete Formen an. Der Zusteller bekommt dafür einen ein Mal gültigen Code, mit dem er die Klappe öffnen kann. Die Position des Fahrzeugs wird per GPS bestimmt. Der Paketdienst DHL testet die Kofferraum-Zustellung in einigen deutschen Städten mit jeweils mehreren hundert Smart-Fahrern. Unter anderem auch Audi, BMW und Volvo arbeiten an einem solchen Verfahren.

Crowdshipping

Warum nicht den Nachbarn zum Paketboten machen? Zahlreiche Start-ups versuchen gerade, daraus eine Geschäftsidee zu machen. Kern ist eine App, die Händler, Lieferanten und Kunden verknüpft. Wer ohnehin unterwegs ist, kann dann Pakete für andere mitnehmen und sich so etwas Geld verdienen. So gut die Idee ist, so schwierig scheint sie umzusetzen zu sein: DHL hat damit schon erfolglos experimentiert, Walmart einen Feldversuch abgebrochen. Auch Amazon testet den Service.

Kühlboxen

Die britische Supermarktkette Waitrose hat als erster mit dieser Idee Furore gemacht: Gekühlte Abholstationen für online bestellte Lebensmittel. Auch die britische Walmart-Tochter Asda experimentiert mit Kühlfächern an Tankstellen. Geöffnet werden sie per QR-Code oder PIN, die Kunde per Mail bekommt. Auch Rewe probiert bereits die Idee aus.

Umso mehr hofft der Einzelhandel, dass sich der Berlin-Effekt in Grenzen hält. Und einiges spricht tatsächlich dafür. Unter anderem, dass es wenige Tage vor dem Fest in den meisten Fällen „für ein Ausweichen auf den Online-Handel zu spät ist“, wie der BTE-Sprecher betont. Außerdem kann der Handel darauf hoffen, dass aufgeschobene Einkäufe nach dem Fest nachgeholt werden. Denn: „Das Nach-Weihnachtsgeschäft ist in den vergangenen Jahren immer wichtiger geworden“, wie HDE-Sprecher Kai Falk betont.

„Wenn sich die Sicherheitslage nicht verschlechtert, wird der Effekt nicht lange anhalten“, ist schließlich auch McKinsey-Berater Berg überzeugt. Das heißt in seinen Augen allerdings nicht, dass der Einzelhandel einfach weitermachen kann, als wäre nichts geschehen. „Die Menschen sind sensibler geworden, was große Menschenansammlungen angeht“, betont er. „Die Händler in den großen Einkaufsstraßen und den Malls müssten sich deshalb überlegen, wie sie das subjektive Sicherheitsgefühl ihrer Kunden verbessern.“

Von

dpa

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