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30.05.2017

10:00 Uhr

Eisenbahnverkehr

Bahnchef Lutz will volle Züge

VonDieter Fockenbrock

Der neue Bahnchef fährt mit Rückenwind: Umsatz, Gewinn und Fahrgastzahlen steigen in den ersten Monaten des Jahres. Um mehr Kunden in die Züge zu locken, ruft Richard Lutz das Ende der permanenten Preiserhöhungen aus.

„Wir sind deutlich besser als erwartet über alle Geschäftsfelder.“ Reuters

Bahnchef Richard Lutz

„Wir sind deutlich besser als erwartet über alle Geschäftsfelder.“

BerlinDie Deutsche Bahn hat ihre Strategie, steigende Kosten durch permanente Preiserhöhungen aufzufangen, wohl endgültig aufgegeben. Der seit zwei Monaten amtierende Konzernchef Richard Lutz setzt auf höhere Auslastung der Züge etwa durch Sparpreise. Wichtig ist Lutz in diesem Zusammenhang auch die Betriebsaufnahme der neuen Schnellfahrstrecke Berlin-München ab Jahresende. Damit werde die Fahrzeit von sechs auf unter vier Stunden im ICE-Sprinter verkürzt, sagte Lutz am Montagabend in Berlin.

Es sei die „größte Angebotserweiterung seit 20 Jahren“. Entlang dieser Linie profitierten 17 Millionen Bundesbürger von der neuen Verbindung. Die Bahn hofft darauf, sowohl Pkw-Nutzer wie auch Kunden der Fluggesellschaften auf dieser Strecke gewinnen zu können.

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Nach Angaben von Lutz fährt die Bahn zurzeit „mit Rückenwind“. Schon 2016 hatten sich Fahrgastzahlen, Umsatz und Ergebnis verbessert. Und auch in diesem Jahr zeichnen sich weitere Steigerungen ab. Der Umsatz soll von 40,6 Milliarden auf mindestens 41,5 Milliarden Euro steigen, der Gewinn von 1,95 Milliarden auf 2,1 Milliarden Euro. In den ersten vier Monaten des Jahres sei die Zahl der Fahrgäste im Fernverkehr um drei Prozent gestiegen, berichtete Lutz. Wir sind „deutlich besser als erwartet über alle Geschäftsfelder“, sagte er.

Das gilt bislang auch für die Pünktlichkeit der Züge. Die liegt laut Bahn per 28. Mai bei 82 Prozent und damit drei Prozentpunkte besser als 2016. Lutz wies aber darauf hin, dass im Laufe des Jahres noch einige Großbaustellen den Wert nach unten drücken könnten. Die Bahn zählt Fernzüge als pünktlich, wenn sie weniger als sechs Minuten Verspätung haben.

Die Baustellen der Bahn

Fernverkehr

Im Herbst hat die Bahn den neuen ICE 4 vorgestellt – und sich im Fernverkehr Einiges vorgenommen. Um 25 Prozent soll das Angebot bis 2030 ausgebaut, fünfzig Millionen neue Fahrgäste gewonnen werden. Tatsächlich schafft es die Bahn mit ihrer Preisoffensive, etwa mit den 19-Euro-Tickets, mehr Fahrgäste in die Züge zu locken. Aber die Rendite leidet.

Güterverkehr

Der Güterverkehr der Bahn ist ein Sanierungsfall. Zwar verbesserte sich das Ergebnis von DB Cargo im ersten Halbjahr 2016, aber die Sparte ist defizitär – und das schon seit Jahren. Zwischen 2007 und 2015 stagnierte die Verkehrsleistung, und das in einer boomenden Wirtschaft. Private Anbieter, auch auf der Straße, machen der Bahn zunehmend Konkurrenz.

Pünktlichkeit

174,63 Millionen Minuten haben die Personen- und Güterzüge der Bahn 2015 an Verspätungen eingefahren. Hauptursache ist die wachsende Zahl von Baustellen. Zwar schneidet die Bahn im ersten Halbjahr 2016 besser ab. Aber: Das Bemühen um pünktliche Züge ist laut Bahnchef Grube „mit großen Kraftanstrengungen verbunden“.

Infrastruktur

Die Bahn investiert viel Geld in die Infrastruktur: Gut 5,2 Milliarden Euro flossen 2015 etwa in die Instandhaltung von Schienenwegen und Brücken. Doch es hapert bei der Koordinierung der vielen Baustellen. Und so verursacht die von Konzernchef Grube gefeierte „größte Modernisierungsoffensive in der Bahn-Geschichte“ vor allem eines: Verspätungen.

Privatisierung

Die Bahn braucht Geld, um den Schuldenanstieg zu bremsen. Geplant war deshalb ein Verkauf von maximal 40 Prozent der britischen Tochter Arriva und des Transport- und Logistikkonzerns DB Schenker. Arriva sollte im zweiten Quartal 2017 an der Londoner Börse starten, Schenker danach in Frankfurt. Doch die Pläne sind jetzt vom Tisch.

Stuttgart 21

Bahnchef Grube feierte kürzlich die Grundsteinlegung für den Stuttgarter Tiefbahnhof, aber das Großprojekt bleibt umstritten. Beim Volksentscheid 2011 war noch von 4,5 Milliarden Euro Kosten die Rede. Der Bundesrechnungshof hält nun offenbar zehn Milliarden Euro für möglich, Grube selbst spricht von 6,5 Milliarden Euro.

Richard Lutz war Ende März zum Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bahn befördert worden. Sein Vorgänger Rüdiger Grube hatte Ende Januar im Streit mit dem Aufsichtsrat auf eine Vertragsverlängerung verzichtet und seinen Job kurzfristig aufgegeben hatte. Lutz ist ein langjähriger Wegbegleiter Grubes und hält auch an dem Sanierungsplan „Zukunft Bahn“ fest. Die Bahn will damit gegen sinkende Fahrgastzahlen, hohe Verspätungen und Qualitätsmängel vorgehen. Der Plan läuft bis 2021.

Lutz ist der erste Bahnchef, der in Doppelfunktion zugleich auch das Finanzressort führt. Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) hatte die Wahl mit Kontinuität begründet. Der 52jährige Manager ist seit 23 Jahren im Unternehmen, seit 2009 als Finanzvorstand. „Ich werde keine Revolution in Sachen Strategie anzetteln“, versicherte Lutz denn auch am Montag erneut.

Kommentare (4)

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Herr Holger Narrog

30.05.2017, 10:53 Uhr

Was spräche denn dagegen die Züge pünktlich fahren zu lassen. Man bekäme dann die vorgesehenen Anschlusszüge, könnte Termine planen. Andererseits ginge das Abenteuer Bahn verloren. Ich vermute das ist ein No - Go für die Bahn.

Herr Fernando Fernandez

30.05.2017, 11:14 Uhr

Berlin München unter vier Stunden, das hört sich gut an. Was ist mit ebenso wichtigen Strecken, die vollkommen irrational stiefkindlich behandelt werden. Warum muss ein ICE von Düsseldorf nach Berlin in Düsseldorf Hbf, Düsseldorf Flughafen, Duisburg, Essen, Bochum, Dortmund, Hamm, Bielefeld, Hannover usw. halten. Auf der Strecke von Düsseldorf bis Hannover ist ein IC und sogar ein RE nicht wesentlich langsamer, max. 10 min. Die Anbindung der Ruhrgebietes ist gut genug. Eine Reisezeitverkürzung auf deutlich unter 2 Stunden bis Hannover wäre wünschenswert, um das echte Pendeln zu erleichtern. Wenn man auf die hälfte der Stationen verzichten würde. Düsseldorf Hbf, oder Düsseldorf Flughafen, das wäre noch egal und dann max ein Stopp im Ruhrgebiet z.B. Essen, der Stopp in Hamm ist verständlich, da hier zwei Züge gekoppelt werden und der Stopp in Bielefeld ist auch verständlich...wie kann es sein, dass man mit dem Auto auf einer solchen Strecke nicht langsamer als ein ICE ist. Bitte korrigieren und zwar umgehend

Anno Nymicus

30.05.2017, 11:34 Uhr

Noch voller?

Bei meinem letzten Versuch mal mit der Bahn zu fahren musste ich 20 min. warten. Als der Zug dann ankam, war auch klar warum: total überfüllt.
Natürlich: es war ein Volksfest, zu welchem die Menschen dann eben gerne auch mal mit dem Zug fahren. Auf sowas kann sich die Bahn natürlich nicht einstellen - woher soll die Bahn denn sowas auch wissen ...

... mangels Platz sind wir dann -wie etwa die Hälfte der Wartenden- trotz bereits gelöstem Ticket dann doch mit dem Auto gefahren ...

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