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02.10.2012

18:16 Uhr

Entscheidung erst 2013

Nürburgring will Schadenersatz von Ex-Chef Kafitz

Auf Ex-Nürburgring-Chef Kafitz könnten Schadenersatzzahlungen in Millionenhöhe zukommen. Das Gericht will sich bis zum Frühjahr Zeit lassen mit seiner Entscheidung. Die Sachverhalte seien noch nicht entscheidungsreif.

Der ehemalige Nürburgring-Hauptgeschäftsführer Walter Kafitz. dpa

Der ehemalige Nürburgring-Hauptgeschäftsführer Walter Kafitz.

KoblenzDer Nürburgring steht einmal mehr im Fokus: Die größtenteils landeseigene Nürburgring GmbH fordert rund 8,3 Millionen Euro Schadenersatz von ihrem früheren Hauptgeschäftsführer Walter Kafitz. Mit einer Entscheidung in dem Zivilverfahren, das am Dienstag vor dem Landgericht Koblenz begann, wird aber erst im Frühjahr 2013 gerechnet. Die hochkomplexen und schwierigen Sachverhalte seien noch nicht entscheidungsreif, sagte der Vorsitzende Richter Edgar Becht zur Erklärung.

Kafitz war als Hauptgeschäftsführer der Nürburgring GmbH maßgeblich an der Investorensuche für den mehrere hundert Millionen Euro teuren Freizeitparks am Ring beteiligt. Weil die Privatfinanzierung 2009 scheiterte und das Land einspringen musste, verlangt die Nürburgring GmbH nun Schadenersatz von ihm.

Der Freizeitpark sollte das Areal an der traditionsreichen Rennstrecke neu beleben und Touristen in die strukturschwache Eifel locken. Weil die erhofften Besucherscharen aber ausblieben, wurde inzwischen Insolvenz angemeldet.

In dem Zivilverfahren geht es unter anderem um Zahlungen der Gesellschaft an die Finanzberatungsfirma Pinebeck im Zusammenhang mit dem umstrittenen Schweizer Geschäftsmann Urs Barandun. Ferner werden Zahlungen an Mieter von Geschäften im Ring-Boulevard, um Darlehen sowie eine Zahlung für eine Beteiligung an einem Offroad-Projekt behandelt.

Das Nürburgring-Desaster

Formel 1-Verluste

Die legendäre Rennstrecke in der Eifel ist für ihre Eigentümer seit Jahren ein Millionengrab. Die Nürburgring GmbH – sie gehört zu 90 Prozent das Land Rheinland-Pfalz und zu zehn Prozent der Landkreis Ahrweiler – ist seit 2006 bilanziell überschuldet und kann sich nur dank immer neuer Landes-Millionen über Wasser halten. Haupt-Verlustbringer ist die Formel 1, die von 2003 bis 2009 ein Loch von 55 Millionen Euro in die Kasse riss. Für das Rennen 2011 kalkuliert das Land mit einem Minus weiteren 13,5 Millionen Euro. Der Landesrechnungshof geht von höheren Kosten aus.

Nürburgring 2009

Um aus den Miesen zu kommen, wollten der damalige Nürburgring-Geschäftsführer Walter Kafitz (SPD) und die damalige SPD-Alleinregierung von Kurt Beck mit dem riesigen Erlebnispark „Nürburgring 2009“ zusätzliche Besucher anlocken. Die Einnahmen sollten die Verluste aus der Formel 1 decken. Der Park besteht aus zwei Bauabschnitten: Die Nürburgring GmbH baute ein Erlebniszentrum mit Rennsportmuseum (Ringwerk), eine Achterbahn, eine überdachte Shoppingmeile (Boulevard) sowie zwei Veranstaltungshallen. Der zweite Abschnitt, entwickelt von Kai Richters Firma Mediinvest, umfasst zwei Hotels mit Personalwohnhaus, einen Ferienpark und das Eifeldorf „Grüne Hölle“, in dem sich eine Disco und diverse Restaurants befinden.

Finanzdesaster

Die Baukosten stiegen von ursprünglich geplanten 215 auf 330 Millionen Euro. Der erste Bauabschnitt sollte zur Hälfte, der zweite komplett privat finanziert werden. Bei der Suche nach Investoren für den ersten Bauabschnitt fielen Land und Nürburgring GmbH auf dubiose Finanzvermittler herein. Die für den zweiten Bauabschnitt zuständige Firma Mediinvest von Kai Richter erhielt 85,5 Millionen Euro von der Rheinland-Pfälzische Gesellschaft für Immobilien und Projektmanagement mbH (RIM). Die ist eine hundertprozentige Tochter der Investitions- und Strukturbank Rheinland-Pfalz (ISB), welche wiederum zu hundert Prozent dem Land gehört. Die MSR wurde später mitsamt der Gebäude von Landesgesellschaften übernommen.

Privatisierungsdebakel

Ab Mai 2010 vergab die Nürburgring GmbH den Betrieb des kompletten Parks inklusive der Rennstrecken an die private Nürburgring Automotive GmbH (NAG), die je zur Hälfte Kai Richters Mediinvest und der Düsseldorfer Lindner-Hotelgruppe gehört. Im Februar 2012 kündigte das Land den Betreibern wegen ausstehender Pachtzahlungen. Die NAG geht juristisch gegen die Kündigung vor. Nach ihrer Sicht der Dinge schuldet das Land den Betreibern noch Geld, diese Forderungen habe man mit der Pacht verrechnet. Streit gibt es um die von den Betreibern angekündigte Entlassung von einem Viertel der Belegschaft. Die EU-Kommission prüft nach mehreren Beschwerden von Konkurrenten, ob das Land bei der Verpachtung an die NAG gegen Vergaberecht verstoßen hat.

Investitionsruine

Die erhofften Besuchermassen bleiben aus. Die als schnellste der Welt geplante Achterbahn funktioniert bis heute nicht. In der „Grünen Hölle“ ist von Oktober bis März nur ein einziges Restaurant durchgängig geöffnet, der Rest ist die meiste Zeit dicht. Das Land wirft den Betreibern zudem vor, die Gebäude vernachlässigt zu haben. In mehreren Restaurants ist Schimmel aufgetreten. Der Landesrechnungshof schätzt den zusätzlichen Investitionsbedarf des Landes in den nächsten 20 Jahren auf bis zu 420 Millionen Euro.

Aufarbeitung

Wegen ihrer Rolle bei der gescheiterten Privatfinanzierung hat die Staatsanwaltschaft Koblenz im Februar 2012 Anklage wegen Untreue gegen den ehemaligen rheinland-pfälzischen Finanzminister Ingolf Deubel (SPD) erhoben. Auch der frühere Nürburgring-Hauptgeschäftsführer Walter Kafitz und zwei weitere ehemalige Manager der Nürburgring GmbH wurden wegen Untreue angeklagt. Der frühere ISB-Chef und ein RIM-Manager wurden wegen Beihilfe zur Untreue angeklagt. Die Ermittlungen wegen des Verdachts der Untreue gegen Kai Richter dauern an.

 

Beide Seiten einigten sich am Dienstag darauf, das Verfahren nun schriftlich fortzuführen. Bis zum 4. Dezember können die Parteien zu den jüngsten Erörterungen Stellung nehmen, bis Mitte Januar dann jeweils erwidern. Danach wird dann voraussichtlich ein Verkündungstermin bekanntgegeben.

Vom 16. Oktober an sitzt Kafitz zudem unter anderem gemeinsam mit dem ehemaligen rheinland-pfälzischen Finanzminister Ingolf Deubel (SPD) in einem Untreueprozess im Zusammenhang mit dem Nürburgring vor dem Koblenzer Landgericht auf der Anklagebank.

Von

dpa

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