Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

21.08.2015

16:32 Uhr

Ermittlungen dauern an

Der Hühner-Baron und die Salmonellen

VonChristoph Kapalschinski

Die juristischen Vorwürfe gegen Bayern-Ei-Chef Stefan Pohlmann wiegen schwer. Der Unternehmer muss wohl noch länger in Untersuchungshaft bleiben. Die Ermittlungen könnten sich bis 2016 ziehen, so die Staatsanwaltschaft.

Fall Pohlmann: Die Staatsanwaltschaft will durchgreifen. dpa

Bayern-Ei

Fall Pohlmann: Die Staatsanwaltschaft will durchgreifen.

HamburgEs ist ein Signal: Die Staatsanwaltschaft will im Skandal um salmonellenbelastete Eier durchgreifen. Seit dieser Woche sitzt der Chef des Unternehmens Bayern-Ei, Stefan Pohlmann, in Untersuchungshaft. 78 Menschen waren im vergangenen Jahr in Österreich erkrankt, ein 94-jähriger Senior sogar gestorben.

Die Staatsanwaltschaft erhebt schwere Vorwürfe gegen den 44-Jährigen Pohlmann: „Dabei soll der Beschuldigte die zum Teil schweren Gesundheitsschäden der Verbraucher billigend in Kauf genommen und die Todesfolge fahrlässig verursacht haben. Zudem ist er dringend verdächtig seine gewerblichen Großabnehmer bei 256 Verkäufen über die Mangelfreiheit der von ihm gelieferten Eier getäuscht und dadurch einen Schaden von über drei Millionen Euro verursacht zu haben.“ Der juristische Vorwurf lautet: vorsätzliches Inverkehrbringen von gesundheitsschädlichen Lebensmitteln in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung und mit Körperverletzung mit Todesfolge sowie gewerbsmäßiger Betrug.

Die Ermittlungen würden sich voraussichtlich bis ins kommende Jahr hinziehen, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft dem Handelsblatt am Freitag. Solange könnte Pohlmann in Untersuchungshaft bleiben.

Wie viel Tier verträgt der Planet?

Wie viel Fleisch isst die Menschheit?

Immer mehr. 2012 waren es rund 300 Millionen Tonnen, bis 2050 kommen etwa 50 Prozent hinzu, schätzt die Welternährungsorganisation, die bei ihrer Prognose allerdings davon ausgeht, dass der aktuelle Trend anhält. In den Industrieländern wächst der Verzehr nicht mehr, dafür greifen die Menschen in Schwellenländern immer häufiger zum Fleisch. Steigende Einkommen und Verstädterung tragen dort dazu bei. Ein Deutscher isst durchschnittlich 60 Kilogramm Fleisch im Jahr - in den 1980er Jahren waren es laut Bauernverband noch 67 Kilogramm.

Welche Folgen hat der wachsende Hunger?

Die Folgen sind vielfältig. Nur zwei Beispiele: In Ländern wie China wächst die industrialisierte Produktion - mit großen Ställen und Schlachthöfen, wie der „Fleischatlas“ beschreibt. Kleinproduzenten und die als Fotomotiv beliebten Händler auf Fahrrädern seien dagegen auf dem Rückzug, heißt es in der Zahlensammlung von Umweltschützern.

In Südamerika wachsen die Anbauflächen für energiereiche Sojabohnen, die als Tierfutter in alle Welt verschifft werden. Das gehe auf Kosten des Regenwalds und entziehe ansässigen Kleinbauern die Lebensgrundlage, heißt es im „Kritischen Agrarbericht“, der auf der Agrar- und Ernährungsmesse Grüne Woche vorgestellt werden soll.

Futtertrog versus Teller

Aus der Diskussion „Tank versus Teller“ wird der Streit „Trog versus Teller“: Auf 70 Prozent der weltweiten Anbaufläche wachse inzwischen Tierfutter, kritisiert die Agrarexpertin der Umweltschutzorganisation BUND, Reinhild Benning. Sie gesteht aber zu, dass sich nicht jede Weide zu Ackerland umbrechen lässt - etwa in der Steppe. Dennoch: Auch Mais und Weizen würden immer häufiger zu Tierfutter, moniert der „Fleischatlas“: „Sie wären effizienter direkt als Nahrung für die Menschen zu verwenden.“

Was hat das alles mit Deutschland zu tun?

Weil der heimische Markt gesättigt ist, setzt die deutsche Ernährungsindustrie auf die steigende Nachfrage im Ausland. Jährlich freuen sich Bauern und Weiterverarbeiter über wachsende Exporte. Dafür haben sie in den vergangenen Jahren Millionen neuer Mastplätze gebaut - vor allem für Schweine, Hähnchen und Puten.

Das sichert Arbeitsplätze, aber gegen die „Tierfabriken“ gibt es auch Widerstand. Mehrere hundert Bürgerinitiativen wenden sich bundesweit gegen Güllegestank und den Verkehr, der von den Ställen ausgeht. Sie kritisieren auch die Haltungsbedingungen der Tiere. Niedriglöhne in Schlachthöfen beschäftigen inzwischen auch die Bundesregierung.

Exportland von Billigfleisch

Deutschland habe sich zum „Exportland von Billigfleisch“ entwickelt, kritisiert der Eberswalder Agrarökonom Bernhard Hörning im Januar 2014. „Billigfleisch aus Deutschland ist ein Mythos“, hält Bauernverbands-Generalsekretär Bernhard Krüsken dagegen. Die Preise lägen über dem EU-Durchschnitt. Zudem gingen drei Viertel der Exporte in EU-Länder.

Sollten wir weniger Fleisch essen?

Unter Medizinern gilt das als Gemeingut. Fleisch enthält zwar wertvolle Nährstoffe, wie es in den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung heißt. 300 bis 600 Gramm pro Woche sollten es demnach aber nicht werden - was bedeuten würde, dass die Deutschen ihren Verbrauch mindestens halbieren müssten. Barbara Unmüßig, als Vorsitzende der Böll-Stiftung Mitinitiatorin des „Fleischatlas“, hält den Fleischkonsum einmal pro Woche für ausreichend und rät: „Zurück zum Sonntagsbraten.“ Die Ernährungsindustrie hält indes nichts von Vorgaben für die Verbraucher: „Sie entscheiden selbstbestimmt an den Kassen der Supermärkte, was sie essen möchten“, heißt es beim Branchenverband BVE.

Denn die Strafverfolger gehen von Fluchtgefahr aus. Er könne sich leicht ins Ausland absetzen. Dafür spricht: Pohlmanns Vater Anton hat eine Flucht bereits hinter sich. Zwischen den 1970er und 1990er-Jahren machte er Schlagzeilen als „Hühnerbaron“.

Die FAZ nennt ihn den „übelsten Hühnerhalter aller Zeiten“: Er soll verbotenes Gift, Nikotinsulfat, zur Stallreinigung eingesetzt haben. Das brachte beiden, Vater und Sohn, bereits in den 1990er-jahren einen Prozess ein, weil ein Mitarbeiter schwer erkrankte.

Der Senior entlastete damals seinen Sohn. 1997 erhielt der Senior ein gerichtliches Berufsverbot, eine Geld- und Bewährungsstrafe. Auch in den USA hatte er Ärger mit den Behörden.

Heute soll er, so mutmaßen bayerische Medien, möglicherweise noch von seinem unbekannten Aufenthaltsort aus die Fäden in der Hand halten.

Salmonellenskandal: Geschäftsführer von Bayern-Ei in U-Haft

Salmonellenskandal

Geschäftsführer von Bayern-Ei in U-Haft

Gefährliche Körperverletzung und Körperverletzung mit Todesfolge – so lauten die Vorwürfe gegen den Geschäftsführer von Bayern-Ei. Der 44-Jährige soll um die Salmonellenverseuchung der verkauften Eier gewusst haben.

Anders als bei den Dioxin-Eiern, die 2012 Schlagzeilen machten, soll Bayern-Ei im aktuellen Fall ungenießbare Eier wissentlich in den Verkehr gebracht haben. Daher reagiert die Staatsanwaltschaft Regensburg so drastisch. Zudem gelten schlimme hygienische Zustände in den Hühner-Ställen als Ursache für die Salmonellen-Fälle. Und: Laut Medienberichten darf Bayern-Ei noch immer die umstrittenen engen Legebatterien einsetzen, trotz EU-Verbots gibt es einen Bestandsschutz.

Bei den Dioxin-Eiern hingegen stammte die Belastung teils aus dem Bodenbelag, teils aus einer Styroporplatte im Stall. Entsprechend waren Freiland- und Biohöfe betroffen. Eine unmittelbare Gesundheitsgefahr bestand – anders als bei den Salmonellen – nicht.

Die Eier, die aktuell in den Ställen von Bayern-Ei gelegt werden, werden inzwischen in versiegelten Gebinden und verplombten Lastwagen in die Niederlande gebracht. Weil sie offiziell nicht zum Verzehr zugelassen sind, werden sie laut unterschiedlichen Angaben in dem Land zu Kosmetika oder Tierfutter verarbeitet.

In der bayerischen Landespolitik findet der Skandal Widerhall. Die Opposition wittert eine Chance. Der verbraucherpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion Florian von Brunn stellte eine Anfrage, ob Mitglieder der Staatsregierung in den vergangenen Jahren das Unternehmen besucht, sich mit der Geschäftsführung getroffen oder persönlich kommuniziert haben. Er äußerte die Vermutung, die Fälle könnten schon Jahre zurückreichen.

Klar ist wohl nur eins: Es wird nicht der letzte Lebensmittelskandal sein – trotz der großen Aufmerksamkeit von Justiz und Politik. Immerhin führt diese dazu, dass das Thema Lebensmittelsicherheit inzwischen in der Branche hohe Priorität genießt – wenngleich offensichtlich nicht überall.

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Gerd St

21.08.2015, 16:49 Uhr

Was soll denn das Geschrei ?
Allein die Tatsache, dass man Stefan Pohlmann eine Gewerbeerlaubnis erteilt hat, ist schon merkwürdig.
Bekannt durch seine vorherige Tätigkeit mit seinem Vater zusammen, die über einen langen Zeitraum zweifelhafte Berühmtheit durch Presse, Funk und Fernsehen erlangten, wussten die einschlägigen Stellen, was möglich sein könnte.
Hier ist ein eindeutiges Versagen der Behörden, die eine engmaschige Kontrolle der Pohlmann Aktiviäten hätten vornehmen können und dies unterlassen haben.
Muß natürlich auch hinterfragt werden, wie gut eine Vernetzung ist. Siehe der Fall seines Vaters Anton Pohlmann in Engter.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×