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19.12.2014

18:34 Uhr

Erneut Streiks möglich

Lufthansa lehnt Gesamtschlichtung in Tarifstreit ab

Die Auseinandersetzung läuft und eine Annäherung scheint nicht in Sicht: Die Lufthansa will über die geplante Einführung weiterer Billigflüge nicht mit den Gewerkschaften verhandeln. Die behalten sich neue Streiks vor.

Die Gewerkschaft will nicht zusehen, wie die Lufthansa immer mehr Arbeitskräfte in die Billigairlines überführt. Cockpit droht mit weiteren Streiks. dpa

Die Gewerkschaft will nicht zusehen, wie die Lufthansa immer mehr Arbeitskräfte in die Billigairlines überführt. Cockpit droht mit weiteren Streiks.

FrankfurtIm Tarifkonflikt bei der Lufthansa stehen die Zeichen wieder auf Arbeitskampf. Europas größte Fluggesellschaft lehnt den Vorschlag der Gewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) ab, alle strittigen Themen in einer Gesamtschlichtung zu klären, wie die Lufthansa am Freitag in Frankfurt erklärte.

Die Gewerkschaft reagierte enttäuscht. Ein VC-Sprecher sagte der Deutschen Presse-Agentur: „An den Weihnachtsfeiertagen vom 24. bis 26. Dezember sind Streiks ausgeschlossen. Alles andere lassen wir offen.“ Damit könnten die Piloten noch vor den Feiertagen erneut in den Ausstand treten. Allerdings will die VC laut einem Schreiben an die Mitglieder erst bei einer Klausurtagung Anfang Januar über das weitere Vorgehen beraten.

Die Lufthansa rechnet daher nicht vor Anfang Januar mit einem neuen Ausstand der Piloten. „Es ist sicher nicht schlecht, wenn sich nach anstrengenden Gesprächen die Gemüter erst einmal beruhigen“, sagte ein Verhandlungsvertreter des Konzerns am Freitag in einer Telefonkonferenz.

Knackpunkt des Streits ist das neue Billigkonzept „Wings“, bei dem sich die Lufthansa nicht der Vermittlung eines Schlichters unterwerfen will. Die Lufthansa bietet der VC nun zwei parallele Schlichtungsverfahren an. Darin soll es einerseits um die Alters- und Übergangsversorgung gehen und andererseits um die Vergütung, den Manteltarifvertrag, die Rechte der Personalvertretung sowie die internen Förder- und Wechselbedingungen für die Piloten der Marken Lufthansa, Lufthansa Cargo und Germanwings.

Die längsten Streiks der deutschen Geschichte

Tarifkampf

Im Tarifstreit bei der Bahn hat die Lokführer-Gewerkschaft GDL mehrfach gestreikt. Der längste Ausstand dauerte 109 Stunden im Güterverkehr und 98 Stunden im Personenverkehr, der längste in der Geschichte der Deutschen Bahn. Im Vergleich zu anderen Branchen ist dies noch moderat. Es folgt eine Zusammenstellung besonders langer Streiks in Deutschland.

1956/1957

1956/57 dauerte der Streik in der Metallindustrie in Schleswig-Holstein 16 Wochen. 34.000 Beschäftigte setzten sich für eine höhere Lohnfortzahlung im Krankheitsfall ein. Sie erreichten eine Aufstockung auf 90 Prozent des Nettoeinkommens.

1984

1984 streikten die Beschäftigten der Metallindustrie in Hessen und Baden-Württemberg sieben Wochen lang für die 35-Stunden-Woche. Die Drucker waren bundesweit sogar zwölf Wochen im Ausstand. Die Arbeitgeber reagierten mit massiven Aussperrungen. Am Ende wurde in beiden Branchen die 38,5-Stunden-Woche vereinbart.

1994

1994 legten 100.000 Drucker 17 Wochen lang die Arbeit nieder, um Vorruhestand-Regelungen und einen besseren Gesundheitsschutz sowie eine Gleichstellung von Frauen durchzusetzen. Die Arbeitgeber verpflichteten sich am Ende nur, über diese Themen zu verhandeln.

2004

2004 blieben in Leverkusen die Busse 395 Tage lang in den Depots, weil die Mitarbeiter einer Tochterfirma der Kraftverkehr Wupper-Sieg (KWS) höhere Löhne verlangten.

2012/2013

2012/2013 streikten Beschäftigte des Verpackungsherstellers Neupack in Hamburg acht Monate lang, um einen Tarifvertrag durchzusetzen. Erreicht wurde eine tarifvertragsähnliche Vereinbarung mit dem Betriebsrat.

2013

2013 legten Beschäftigte im Einzelhandel über einen Zeitraum von acht Monaten immer wieder die Arbeit nieder, bis Anfang 2014 die letzten Lohn-Abschlüsse unter Dach und Fach waren. In mehr als 950 Betrieben wurde vorübergehend nicht gearbeitet.

Die Lufthansa sieht in dem geplanten Aufbau des Billigangebots unter der Marke Eurowings eine unternehmerische Entscheidung, die nicht tarifvertraglich geregelt werden könne. „Wir sind bereit, über „Wings“ zu reden“, sagte der Verhandlungsvertreter. Die VC könne dabei auch über die Vergütungsbedingungen verhandeln, zu denen Eurowings-Piloten an deutschen Standorten arbeiten sollten. Künftige Eurowings-Standorte im Ausland fielen jedoch nicht in die Zuständigkeit einer deutschen Gewerkschaft, argumentiert die Lufthansa.

Mit der Tochter Eurowings will Lufthansa-Chef Carsten Spohr Billigfliegern wie Ryanair Paroli bieten und auch auf der Langstrecke Billigflüge anbieten. Die VC lehnt das Konzept ab, weil dort Piloten eingesetzt werden sollen, die außerhalb des Konzerntarifvertrags angestellt sind und deutlich weniger verdienen als die Kollegen in den Kranichfliegern. Die Gewerkschaft will bei der Besetzung der Cockpits und der Bezahlung der Piloten mitreden.

Die VC bezeichnete ihren eigenen Vorschlag am Freitag als Versuch, die Situation insgesamt zu befrieden. „Wir fürchten, ohne Gesamtschlichtung von einem Konflikt in den nächsten zu schlittern.“ VC nehme zur Kenntnis, dass sich die Lufthansa dem verweigere.

Seit April haben die Lufthansa-Piloten in bisher zehn Streikwellen gegen Einschnitte bei der Übergangsversorgung gekämpft. Bisher können sie dank der Regelung ab dem 55. Lebensjahr in Frührente gehen. Indirekt ging es bei dem Arbeitskampf aber immer mehr auch um die Billigpläne. Nach jüngsten Aussagen dürften die Streiks die Lufthansa in diesem Jahr bereits rund 200 Millionen Euro Gewinn gekostet haben.

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