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22.04.2013

19:15 Uhr

Eurotunnel

Liefertermin für Siemens-Züge auf der Kippe

Für die Zugsparte von Siemens bahnt sich die nächste Blamage an: Nachdem bereits die Lieferung von neuen ICEs an die Deutsche Bahn verschoben werden musste, sind dieses Mal die Züge für den Eurotunnel in Verzug.

Ein Bild, zwei Probleme. Sowohl die Züge für den Eurotunnel als auch die neuen ICEs kann Siemens nicht rechtzeitig liefern. dpa

Ein Bild, zwei Probleme. Sowohl die Züge für den Eurotunnel als auch die neuen ICEs kann Siemens nicht rechtzeitig liefern.

FrankfurtDie Zugsparte von Siemens steht vor einer weiteren Blamage. Bei der Lieferung von zehn Hochgeschwindigkeitszügen für den Eurotunnel-Betreiber Eurostar zeichnen sich ernste Probleme ab, wie Siemens-Vorstandsmitglied Roland Busch der „Süddeutschen Zeitung“ (Dienstagsausgabe) sagte. „Ich gebe zu: Wir haben die Komplexität des Auftrags unterschätzt.“ Busch ist in der Führungsspitze des Elektronikkonzerns auch für die Zugsparte zuständig. Die Probleme seien so groß, dass der Konzern für den Eurostar-Auftrag vorsorglich Rückstellungen bilden müsse. Die Münchener hatten bereits die Lieferung von 16 neuen ICE-Zügen für die Deutsche Bahn mehrmals verschieben müssen, auch hier gebe es weiter Probleme.

Siemens sollte laut Vertrag die ersten der zehn Züge für Eurostar, eine Tochter der französischen Staatsbahn SNCF, Ende 2014 ausliefern. „Wir haben keine Planbarkeit wegen des komplexen Zulassungsprozesses, deshalb werde ich keinen genauen Liefertermin für den Eurostar nennen“, räumte Busch ein.

Siemens-Geschäftsfelder und ihre Zukunft

Energietechnik

Der Sektor hat dem Vorstand im vergangenen Jahr wohl den meisten Kummer bereitet. Siemens verpatzte den rechtzeitigen Anschluss von Windparks in der Nordsee und musste eine halbe Milliarde Euro Strafe zahlen. Zudem drückt verstärkt asiatische Konkurrenz auf den Markt für Transformatoren. Siemens reagierte auf den wachsenden Preisdruck mit dem Abbau Tausender Stellen.

Sortieranlagen

Nach Löschers Ansicht wirft das Geschäft mit Sortieranlagen für Postzentren und Flughäfen mit einer Rendite um die fünf Prozent bei Jahresumsätzen von 900 Millionen Euro zu wenig ab. Der Konzern sucht nun nach einem Käufer für das Segment, rund 3600 Mitarbeiter sind betroffen.

Wasseraufbereitung

Ein ähnliches Schicksal wie die Sortieranlagen-Sparte trifft auch die Wasseraufbereitungstechnik. Als Ausrüster von Wasserwerken setzt Siemens zwar rund eine Milliarde Euro um, unter dem Strich bleibt allerdings nur ein einstelliger Millionenbetrag hängen. Die Einheit soll verkauft werden.

Solarenergie-Technik

Der Ausflug in die Solarenergie-Technik erwies sich für die Münchner als teurer Flop. Mit dem Kauf der israelischen Solel für 418 Millionen Dollar und dem Erwerb von Anteilen an der italienischen Archimede wollte Siemens bei der solarthermischen Stromerzeugung mitmischen. Der Markt etablierte sich nie, Solel machte mehr Verlust als Umsatz. Die Anteile an Archimede hat Siemens bereits zurückgegeben, für Solel wurde ein Abnehmer gesucht.

Industriesoftware

Das Geschäft mit Computerprogrammen für die Industrie hat Siemens in den vergangenen Jahren stark ausgebaut. Für die Übernahme der belgischen LMS etwa zahlte der Konzern 680 Millionen Euro. Insgesamt elf solcher Softwareschmieden hat Siemens für zusammen mehr als vier Milliarden Euro gekauft.

Osram

Siemens verschenkt die große Mehrheit seiner Leuchtmittel-Tochter an die eigenen Aktionäre. Gut 80 Prozent sollen die Eigentümer behalten, der Rest bleibt bei der Mutter und deren Pensionsfonds. Siemens will in das Lampengeschäft nicht mehr investieren, Pläne für einen IPO waren gescheitert. Osram steckt selbst in der Sanierung, zunächst soll es keine Dividende geben. Zwischen 7300 und 8000 Stellen sollen weltweit abgebaut werden, einige Standorte geschlossen werden. Die Börsennotierung erfolgte Anfang Juli. Osram macht einen Jahresumsatz von gut fünf Milliarden Euro und erwartet für das laufende Geschäftsjahr wegen der Sanierungskosten Verlust.

Nokia Siemens Networks

Problem gelöst: Seinen Anteil an Nokia Siemens Networks hat der Münchner Konzern im Juli 2013 komplett an den finnischen Partner abgegeben.

Da der Zug durch vier Länder sowie den Eurotunnel fahre, müsse er mit verschiedenen Zugsicherungstechniken zurechtkommen und von mehreren Behörden zugelassen werden. „Wie lange das dauert, liegt nicht allein in unserer Hand“, sagte der Manager. Siemens hatte den 700 Millionen Euro großen Auftrag vor drei Jahren gegen den Widerstand des französischen Zugherstellers Alstom ergattert. Bis dahin war Alstom der Hoflieferant des Tunnelbetreibers Eurostar.

Auch bei den ICE-Zügen in Deutschland zeichnet sich laut „SZ“ eine weitere Verzögerung ab. Erst im November hatte der Konzern einräumen müssen, dass es ihm nicht gelingen wird, rechtzeitig zum Fahrplanwechsel im Dezember 16 neue ICE-Züge zu liefern. Grund waren Software-Probleme, die zu minimalen Verzögerungen beim planmäßigen Abbremsen führten. Ende Januar war die Abstimmung mit dem Eisenbahn-Bundesamt so weit erfolgt, dass Siemens beginnen konnte, die Züge umzurüsten. Ende Juli könnte dann der Zulassungsprozess erneut beginnen. „Das kann erfahrungsgemäß zwischen vier und 18 Monaten dauern“, erklärte Busch. Damit wird die Bahn wohl auch im nächsten Winter auf die Züge verzichten müssen. Für das Verkehrsunternehmen wäre das äußerst ärgerlich, da es die neuen ICEs dringend als Reserve benötigt. Eigentlich hätten sie seit Dezember 2011 im Einsatz sein sollen.

Die Probleme beim Eurostar und beim neuen ICE werden die Zahlen von Siemens erneut massiv beeinträchtigen. "Wir werden durch die Bahn-Projekte im abgelaufenen Quartal 2013 erneut eine Sonderbelastung haben", sagte Busch. Diese werde noch höher ausfallen als im Quartal zuvor, damals waren es 116 Millionen Euro gewesen. Eines stellte er jedoch klar: „Aus heutiger Sicht werden das die letzten Belastungen aus den beiden Zugprojekten sein.“

Von

rtr

Kommentare (2)

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ALFRED

22.04.2013, 20:55 Uhr

Es ist mittlerweile blamabel, wie sich einer unserer wichtigsten Technik-Konzerne fast im Monatsrhytmus als un-
fähig erweist, Aufträge korrekt und pünktlich zu erfüllen!
Oder sollte nach Jahren der Cromme- und der Löscher-Herr-
schaft Technik und Applikationen keine Rolle mehr spielen?

Bei Herrn Cromme war Compliance und die Frauenquote wich-
tiger als das operative Geschäft. Bei Herrn Löscher hatte
man von Anfang an das Gefühl, daß hier weder die Fach-
kenntnisse noch die "Macherfähigkeiten" für diesen wich-
tigen aber schwierigen Konzern vorlagen.

Ich habe selber erfahren, wie ein berater-verbildetes und von Wissen und Erfahrung freies Management relativ
schnell ein aktives und leistungsfähiges Unternehmen
bremsen und frustrieren kann.
Man kann nur hoffen, daß der neue Aufsichtsrat und das obere Management die kreativen Kräfte (meist gibt es nicht viele) wieder aktiviert und Freiräume läßt.
Es müssen wieder technikbegeisterte Führungskräfte bis in die Vorstansebene gelangen.

Account gelöscht!

22.04.2013, 22:51 Uhr

@ ALFRED

Deutschland schafft sich ab.

Das ist wahrscheinlich tatsächlich so gewollt und da gibt es noch etliche in diesem Land, die dazu noch Beifall klatschen.

Das verstehe, wer will. Ich jedenfalls nicht.

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