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05.12.2011

12:18 Uhr

Ex-Geschäftsführer berichtet

Wie Aldi-Gründer Theo sein Imperium regierte

VonKirsten Ludowig

Gnadenlos sparsam und ein Kontrollwahn, der an die Inquisition erinnert. Ein ehemaliger Geschäftsführer von Aldi Nord erinnert an Theo Albrecht und bringt bislang Unbekanntes über den legendären Discounter ans Licht.

Einkaufswagen vor einem Lebensmittelmarkt der Handelskette Aldi Nord. dapd

Einkaufswagen vor einem Lebensmittelmarkt der Handelskette Aldi Nord.

DüsseldorfAlle sechs Wochen trafen sich die „zwölf Apostel“ - die Geschäftsführer von Aldi Nord, der Verwaltungsrat und der Chef des zentralen Einkaufs. Das Programm: pflichtschuldig konzentriertes Zuhören und Abnicken vorgefasster Beschlüsse. Beim letzten Abendessen trällerten sich dann alle den Frust der 72-Stunden-Tortur aus den Rippen, bevorzugt „Prost, Prost, meine Herren“. Alle - außer Theo Albrecht. Der, wenn er nicht schon zur Ruhe gegangen war, nur ein bisschen summte.

Das ist nur eine von mehr als 40 „Aldi-Geschichten“, die Eberhard Fedtke, 75, in seiner Zeit bei Aldi erlebt hat. Sein gerade erschienenes Buch ist ein an Nähe nie da gewesenes Porträt von Deutschlands legendärem Discounter und seinen verschwiegenen Gründern Karl und Theo Albrecht. Reich an bislang unbekannten Interna, informativ, mit Dokumenten belegt - humorvoll eingebettet. Fedtke - zwischen 1967 und 1977 erst anwaltlicher Mitarbeiter der Aldi-Brüder, dann bei Aldi Nord Geschäftsführer der Regionalniederlassung Essen mit rund 40 Filialen und einem jährlichen Umsatz von damals gut 320 Millionen Mark - schildert die „kaufmännische Meisterleistung“, aber auch die systemimmanente „Total-Kontrolle“. Zutage kommen Szenen des Aldi-Alltags in den 60/70ern - einzigartig, aber nicht frei von Kritik.

Warum Aldi billig ist

Es ging ums Sattwerden

Es ist eine Gretchenfrage: Wie viele Artikel biete ich meinen Kunden an? 1946 ging es um nichts mehr als ums Sattwerden. Die Aldi-Brüder schauten auf ihren Tages- und Wocheneinkauf. Erst im Laufe der Jahre kamen Non-Food-Artikel hinzu – anfangs waren sie verpönt.

Zahl der Artikel

Mit der Zeit pendelte man sich bei 400 Artikeln ein. Inzwischen – in Zeiten der feiner werdenden Nuancen – ist die Zahl auf 900 Artikel gewachsen. Der Stellplatz in den Filialen hat natürliche Grenzen. Zudem ist Produktpflege ein aufwändiges Geschäft.

Das oberste Gebot

Von Beginn an galt bei den Albrechts das Gebot der Warengleichheit: In allen Filialen sollten die Kunden dieselben Produkte finden. Schnell ging es soweit, dass sie es sogar an derselben Stelle fanden.

Die Revolution

Eine echte Revolution war die Einführung von Kühlware in den 70er-Jahren. Sowohl bei Aldi Nord als auch bei Aldi Süd gingen Grundsatz-Diskussionen voraus. Entgegen der Behauptungen gab es darüber aber keinen brüderlichen Zwist. Allerdings musste der vorpreschende Karl Überzeugungsarbeit leisten beim abwägenden Theo. Doch die Kühltruhe kam, erst im Kleinformat, dann immer mehr.

Markenartikel? Nein, Danke!

Seit Jahren macht andere Discounter wie Netto (vorher Plus) gute Geschäfte mit Markenartikeln. Aldi hat stets eine Aversion gegen sie gehabt. Auf der anderen Seite taten sich die Hersteller von Markenartikeln anfangs auch sehr schwer, bei einer Billigkette zu listen, als die Aldi galt.

Aldis Problem

Vereinfacht gesagt besteht Aldis größtes Problem darin, die erforderlichen Liefermengen von mehreren Anbietern zu beziehen. Bei vergleichenden Qualitätsstandards heißt es immer wieder: Bedarfsdeckung versus Preis. Gerade zu Ostern und Weihnachten ist es eine Sisyphusarbeit in Planung und Organisation, für ausreichend Waren zu sorgen und sie auf die Filialen zu verteilen.

Harte Gespräche mit Lieferanten

Die Preisfindung in diesem „Wettkampf“ ist das eigentliche Erfolgsrezept Aldis. Als Marktführer, ausgestattet mit dem Hebel der Mengemacht, hat man hier natürlich Vorteile. Dabei bündeln Aldi Nord und Aldi Süd ihre Einkaufsstrategie in vielen Sortimenten. Auf der anderen Seite hat Aldi auch kein Interesse, die Lieferanten so sehr zu schröpfen, dass sie in den Ruin gehen. 

Die große Verlockung

Lieferanten unterliegen leicht der großen Verlockung, mit Aldi so zu verhandeln, dass die eigentlichen Kapazitätsgrenzen überschritten werden. Zwar kann man mit Aldi vermögend werden, aber das Risiko, sich zu sehr abhängig zu machen, ist groß. Denn Aldi streicht durchaus schnell einen Lieferanten. Fachleute raten dazu, maximal 50 Prozent seiner Produkte an Aldi zu verkaufen.

Das Preisdiktat

Die Wettbewerber sind dem Preisdiktat ausgesetzt. In den vergangenen Jahres war gut zu beobachten, was passiert, wenn Aldi die Preise für Alltagsprodukte wie Milch senkte: Die Konkurrenz zog innerhalb weniger Stunden nach. Preisvergleich und Preispolitik sind Tagesaufgaben.

Wie preissensibel ist der Kunde

Doch warum agieren die Discounter eigentlich so nah am „gerechten Preis“? Die Frage ist durchaus berechtigt, denn die Durchschnittskunde ist eigentlich sehr wenig mit den Preisen vertraut. Er stellt seinen Warenkorb den Bedürfnissen und Gepflogenheiten zusammen. Die meisten gehen nicht mit offenen Augen durch die Läden. Angebote werden auch bei Aldi sehr deutlich mit andersfarbigen Schildern gekennzeichnet, damit sie überhaupt auffallen. Umso wichtiger ist also, dauerhaft der Preisführer zu sein – und dieses Image zu pflegen.

So brachte das 1969 eingeführte Publizitätsgesetz Aldi, damals bereits geteilt in Aldi Süd (Karl) und Aldi Nord (Theo), in Bedrängnis. Um die Bilanzsumme, die Jahresumsätze und die Mitarbeiterzahlen unter dem gesetzlichen Limit zu halten und die Bücher nicht offenlegen zu müssen, wurde Aldi in GmbHs aufgesplittet - laut Fedtke ein „Tanz auf dem juristischen Drahtseil“. Die Leiter der zwölf regionalen Niederlassungen, so auch er selbst, wurden 1974 Geschäftsführer einer eigenen GmbH. De facto hatten sie bei Aldi Nord aber nichts zu sagen.

Die „Allzuständigkeit“, schreibt Fedtke, hatte der Verwaltungsrat mit Theo Albrecht und zwei Vertrauten. Die Geschäftsführer nannten sich selbst „Marionetten“, dem knapp 1000 Stichworte umfassenden Inhaltskatalog des Geschäftsführerhandbuchs verpflichtet. Der Tagesplan musste im 15-Minuten-Takt ausgefüllt werden. Dazu kamen die „inquisitorisch umfänglich ausgedehnten Kontrollen“. Selbst an seinem 40sten Geburtstag wurde Fedtke ausgiebig überprüft. Die Bewertung im voluminösen Besuchsbericht: „Die Art der Durchführung lässt vermuten, dass Herr Dr. Fedtke die Tagesplanung nicht richtig handhabt.“

Kommentare (9)

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Mollemopp

05.12.2011, 15:50 Uhr

Ebenezer Scrooge lässt grüßen. Was nützt es, wenn du Milliardär bist und entweder ein Geizhals, der sich und anderen nichts gönnt oder tot bist? Wenn es im höchsten Erstreben eines Menschens liegt, auf der Forbes-Liste der Reichsten ganz oben zu stehen, dann sind diese Personen doch eigentlich nur ganz arme Wichte. Solchen Geldanhäufern trauert keiner eine Träne nach. Noch nicht mal die Verwandschaft ist traurig. Denn die können endlich erben.

Auenland

05.12.2011, 17:01 Uhr

Sehr tendenziöser Artikel.
"Aldi Mitarbeiter lachen nicht viel."
Dafür gibt es bei einer solchen Unternehmensstruktur, wo FÜHRUNGSkräfte noch VERANTWORTUNG tragen müssen, auch viel weniger MOBBING. Das wird in dem Artikel leider verschwiegen.

Wer kennt es nicht aus eigener leidvoller Erfahrung: die modern "geführten" Unternehmen, wo alle angeblich so lieb und freundlich sind, daß sie sich Duzen, aber das Mobbing, die hinterlistige Falschheit und Verlogenheit fröhliche Urständ feiert?!
Da werden diverse Betriebsfeiern abgehalten, Bussi hin Bussi her, während man Tags zuvor noch fest intrigiert hat.
Anständigen und ehrlichen Menschen wird immer ein korrektes Arbeitsverhältnis lieber sein, als diese verlogenen, heuchlerischen, aber modernen Umgangsformen.

Wie weit müssen die Betriebszustände eigentlich noch verkommen, bis die Hammelherde mal aufwacht und nicht mehr so dumme, oberflächliche Artikel fabriziert werden, in denen Führungsstärke und VERANTWORTUNG mies gemacht wird, anstatt auch nur ein einziges mal in den Spiegel zu gucken um zu erkennen, wie die Ameisen und Bienen allerorts mit Arbeit zugeschüttet werden und nur noch den ganzen Tag von Blendern und Selbstdarstellern, die zwar immer freundlich lächeln aber kein ehrliches Wort herausbringen, geschweige denn überhaupt wissen, was CHARAKTER und FÜHRUNGSSTÄRKE wirklich ist, und die ihre Arbeitszeit mit unproduktiven Meetings zur Selbstbeweihräucherung totschlagen, verar...t werden?

Nach den Fakten in dem Artikel zu urteilen, herrscht bei Aldi ein strenges, autoritäres Regiment und das ist die beste Voraussetzung für ein korrektes Betriebsklima.

Längst wurde doch das marktwirtschaftliche unternehmerische Prinzip ins Gegenteil verehrt, wenn man sich die Manager heute ansieht.
Führen heißt nicht mehr mit gutem Beispiel vorangehen und von sich selbst mehr als vom Rest abzuverlangen, sd. Untergebene hinters Licht führen und immer mehr anzutreiben, während man sich wie eine Made im Speck mästet.

nastyxx

05.12.2011, 17:09 Uhr

tja, Geld allein macht auch nicht glücklich...
eigentlich sind die Brüder doch zu bedauern.

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