Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

18.10.2013

16:25 Uhr

„Expressi“

Aldi will eigene Kaffeekapseln verkaufen

Aldi sagt Nespresso den Kampf an. Mit eigenen Kaffeekapseln für 19 Cent pro Stück will der Discounter vom wachsenden Geschäft mit den Kapseln profitieren. Die Marktführer sind alarmiert.

Espresso á la Aldi: Der Discounter will eigenen Billigkapseln verkaufen. dpa

Espresso á la Aldi: Der Discounter will eigenen Billigkapseln verkaufen.

Mülheim an der RuhrDie Discounterkette Aldi Süd verkauft ab kommenden Mittwoch ihr eigenes Kaffeekapsel-System unter dem Namen „Expressi“. Aldi Süd reagiere damit auf die wachsende Beliebtheit von Kapselsystemen zur Zubereitung von Kaffee in den eigenen vier Wänden, teilte das Unternehmen am Freitag in Mülheim an der Ruhr mit. Die Expressi-Kapseln kosten pro Packung mit 16 Stück 2,99 Euro - der Preis für eine Tasse Kaffee liege damit bei knapp 19 Cent. Die Kapselmaschine bietet der Discounter für 69,99 Euro an. Zur Einführung am Mittwoch gibt es eine Verkostung in allen Filialen, wie Aldi ankündigte.
Kaffeekapseln liegen voll im Trend: Laut Deutschem Kaffeeverband mit Sitz in Hamburg stieg der Verbrauch von Kapseln und Pads seit 2005 auf das Zwölffache. Mit insgesamt 41.800 Tonnen Kaffee machen die Portionskaffees allerdings erst knapp elf Prozent auf dem deutschen Kaffeemarkt aus. Vorreiter war Nestlé mit der Marke Nespresso.

Der Deutsche Kaffeeverband mit Sitz in Hamburg sieht weiter einen steigenden Trend beim Verbrauch von Kaffeekapseln. Seit der Markteinführung von Kapseln und Pads im Jahr 2005 sei der Verbrauch auf das Zwölffache gestiegen, sagt eine Sprecherin. 2010 wurden in Deutschland 406.500 Tonnen Röstkaffee abgesetzt, 8,6 Prozent davon in Kapseln und Pads.

Wie Aldi groß wurde

Die Idee

Wer hatte eigentlich die Idee Aldi so zu gründen, wie wir es heute kennen? Es wird wohl nie endgültig zu klären sein. Aber viele Indizien deuten darauf hin, dass es eher Karl Albrecht war als sein Bruder Theo. Das soll aber nicht schmälern, welch wichtigen Beitrag auch Letzterer beitrug.

Wiege im Hinterstübchen

Der Krieg war aus. 1946 im zerbombten Essen-Schonnebeck begann die Erfolgsgeschichte zwischen Lebensmittelkartons und Krämerware. Das Brüderpaar Karl und Theo Albrecht erkannte die Chance, die die Phase der sozialen Umorientierung bot. Sie bauten den Tante-Emma-Laden der Eltern aus.

Es reicht nicht

Karl und Theo Albrecht erkannten rasch, dass der Laden der Eltern ihnen beiden keine Zukunftsaussicht bot. Sie entdeckten die betriebswirtschaftliche Zauberformel der Zeit „Nachfrage versus Bedarfsdeckung“ für sich und schafften es, sie im Sinne des Kunden zu lösen.

Das geniale Gespann

Karl und Theo Albrecht lebten  die Anforderungen der damaligen Zeit in perfekter Symbiose. Sie hatten weder äußerlich viel gemeinsam noch waren sie ähnlich gepolt. Theo überragte seinen Bruder um Kopfeslänge. Doch der „Kleinere“ war Vordenker und Impulsgeber. Ungeduldig, beredt, rastlos, bisweilen explosiv war Karl. Theo wirkte dagegen eher zurückhaltend, sogar zögerlich abwägend.

Die Aufgabenteilung

Die beiden Brüder waren in ihrer uniformen Arbeitsauffassung füreinander ein Glücksfall. Von vornherein waren die Aufgaben geteilt: Karl versah den Innen-, Theo den Außendienst. Sprich: Karl kümmerte sich um die schwierige Einkaufspolitik. Es war nicht einfach, die richtige Ware preiswert und in ausreichende Menge zu erhalten. Theo betreute die Verkaufsstellen sowie die Verwaltung und Buchhaltung.

Der Aufstieg

1946 begann es mit dem kleinen Laden der Eltern. 1950 nannten die beiden Brüder eine Kette von 13 Läden inklusive Bedienungen ihr Eigen. Nun strukturierten sie ihre Läden nach dem Discountprinzip um. 1961 trennten sie ihre Geschäfte in Aldi Nord und Aldi Süd.

Die Lebensweise der Brüder

Zur moralischen Stabilität ihrer Konzerne trug maßgeblich die persönliche Lebensweise der Brüder bei. Beide waren im Auftreten zurückhaltend und lebten bescheiden. Sie waren nach alter Schule nach den Prinzipien Sparsamkeit und Kargheit erzogen.

Der einzige Luxus

Als einzigen „Luxus“ erlaubten sie sich ein eigenes Auto. Auf sein Golfschloss in Donaueschingen schickte Karl Albrecht seine Führungskräfte zum Entspannen. Die Brüder kannten keine Scheu vor ihrer kleinbürgerlichen Herkunft. Die Adresse Huestraße 89 in Essen-Schonnebeck wollten sie nie abstreifen. Sie waren stets praktizierende Katholiken und wollten in der Öffentlichkeit so wenig wie möglich wahrgenommen werden.

In dubio pro Theo

Theo Albrecht hatte eine Marotte: Er wollte jede Filiale sehen, bevor die zentrale Schreinerei an die Fertigung der Regale und Einrichtungsteile ging. Dabei kümmerte den Hobbyarchitekten die Delegation von Aufgaben zur eigenverantwortlichen Erledigung nur bedingt. Es galt: In dubio pro Theo.

Strategische Grundsatzentscheidung

Es gab durchaus Spannungen zwischen Theo und Karl Albrecht. Besonders deutlich wurde das beim ersten Schritt über die Grenzen Deutschlands. 1971 expandierte Aldi nach Österreich. Karl war es, der die Familie als erster international aufstellte. Heute firmiert Aldi Süd in Österreich übrigens unter dem Namen „Hofer“.

Die Aldi-Burka

Verschwiegenheit war stets Trumpf im Hause Albrecht. Aldi lässt sich partout nicht in die Karten schauen. Die totale Verschleierung aller Kulissen ist institutionalisiert. So wenig undichte Stellen wie möglich, lautet die Devise.

Selbstverordnete Kasteiung

Die Brüder gaben sich Maßregeln, die zu unverrückbaren internen Prinzipien wurden: Keine Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Keine Firmensprecher. Keine Interviews im Radio oder Fernsehen. Keinerlei mondäner Lifestyle. Keine Lobbyarbeit. Keine Firmenjubiläen. Lückenlose Rückgabe von Werbegeschenken.

Zurückhaltung aus gutem Grund

Die Zurückhaltung hatte einen guten Grund: Abgucker und Schmarotzer sollte keine Gelegenheit  zur Einsicht in Interna haben. Die innovative Discount-Struktur war eine zarte Pflanze und schutzbedürftig. Das neue Konzept musste sich in Ruhe verfestigen. Erfahrungen waren Gold wert.

Der Verwaltungsrat

Aldis Verwaltungsrat ist ein frei schwebendes Organ. Gesellschaftsrechtlich ist es nirgendwo in den Statuten eingebunden. Seine Mitglieder haben freiberuflichen Status, sind aber dennoch die „Macher“: Der Verwaltungsrat ist das zentrale Machtorgan des Konzerns. Aldi steht seit jeher zu seinem Führungssystem, dass sich mit dem Wort Durchgriffs-Management am besten umschreiben lässt. Der Verwaltungsrat hat den Alleinführungsanspruch.

Der Mustermitarbeiter

Aldi stellte stets besondere Anforderungen an seine Mitarbeiter und richtet seine Personalsuche darauf ab. Vorstellungsgespräche sind exzessiv angelegt, manchmal über mehrere Sitzungen. Man lotet die charakterlichen und sozialen Hintergründe des Bewerbers genau aus. Personalvermittlungen kommen nicht zum Zug.

 

Das Aldianer Stellenprofil

Natürlich variiert das Anforderungsprofil je nach Stelle, aber es gibt gewisse Grundvorstellungen: Der Bewerber sollte unauffällig und zurückhaltend im Auftreten sein, seine Bekleidung schlich und gediegen, seine Herkunft möglichst bodenständig, die Familienverhältnisse geordnet, Sparsamkeit wird sehr geschätzt wie auch Pflichtbewusstsein und Normalität hinsichtlich des Lebensprinzips.

Hauseigene Führungskräfte

Das Warenumschlagssystem von Aldi mit seinen schematisierten Abläufen erfordert erfahrene Praktiker. Es wird nicht vorrangig Kopfarbeit am Schreibtisch verlangt. Wer richtig aufsteigen wollte, hatte bei den Albrechts eine Ochsentour vor sich. Ein Akademikerstatus ist entbehrlich.

Zeitmanagement und Prämien

Für Aldi liegt das Geheimnis des langfristigen Erfolges im Zeitmanagement der Führungskräfte. Es gibt eine detaillierte Planungsphilosophie und strenge Normen nach dem Motto: Plan dich oder friss dich! Zudem hat Aldi ein umfangreiches Prämiengerüst. Bezirksleiter bekommen solche und vergeben wiederum welche an ihre Filialleiter. Einzig der Geschäftsführer bekommt keine Prämie.

Die Handbücher

Wer den Ansprüchen Aldis gerecht werden will, muss sie beherrschen: die Handbücher. Das gilt aber vor allem für die regionalen Geschäftsführer. Aldi Nord hat im Laufe der Jahre alles, was Firmeninterna angeht, in solchen Handbüchern fortgeschrieben. Da ist einiges Zusammengekommen – viel Lesestoff.

Wenig zu lachen

Aldi-Mitarbeiter lachen wenig. Zu stark lastet der Druck auf allen. Er wird von der Spitze her aufgebaut und durchgereicht. Das einzige, was lacht, ist die Liquidität.

Der Autor

Es ist auch für Journalisten vom Fach sehr schwierig, Details über die beiden Aldi-Konzerne herauszubekommen. Das Unternehmen ist nicht börsennotiert und somit nur zu bestimmten Veröffentlichungen verpflichtet. Umso wertvoller sind glaubwürdige und detaillierte Berichte, wie sie Eberhard Fedtke in seinem Buch geliefert hat. Er war viele Jahre lang Gesellschafter bei dem Konzern.

 

Bibliografie:

Eberhard Fedtke

Aldi Geschichten. Ein Gesellschaftler erinnert sich

NWB Verlag, Herne 2011

296 Seiten

"Dolce Gusto" zählt neben der ebenfalls zum Nestlé-Konzern gehörenden Marke Nespresso sowie Tassimo und Tchibo zu den vier Marktführern bei Kaffeekapseln. Nach Angaben des Deutschen Kaffeeverbands in Hamburg trinken immer mehr Deutsche Röstkaffee, der mit Kapseln oder Pads zubereitet wird. Besonders der Kapsel-Markt sei 2012 um 16 Prozent auf 10.000 Tonnen gestiegen.

Der deutsche Kaffeemarkt ist der drittgrößte der Welt. Im Durchschnitt konsumiert jeder Bundesbürger 150 Liter Kaffee im Jahr. Lediglich in den USA und in Brasilien wird mehr Kaffee verkauft als in Deutschland.

Kommentare (9)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

inquisitor

18.10.2013, 17:04 Uhr

aus 500 gr kaffee können 60 tassen kaffe hergestellt werden, die 500 gr kosten bei ALDI ~3,-€(ALDI/GOLD)=0,o5 €
die pads 60 x o,19 = 11,40 €. kein wunder das aldi mehr verdienen will, genauso wie die anderen kaffeeröster.

Account gelöscht!

18.10.2013, 17:09 Uhr

Ein Grossteil der Marge geht für die Herstellung der Kapseln drauf, oder glauben Sie, die sind umsonst?

inquisitor

18.10.2013, 17:29 Uhr

nein das nicht, seien sie versichert, dass aldi an den kapseln und dem kaffee darin weitaus mehr verdient, als an 500gr packungen.zum vergleich die nestle'-kapseln haben einen 500 gr. preis von ~50,--€.
ausserdem das umweltproblem. nestle'hat alu-kapseln.
ein schlauer erfinder hat wiederverwendbare alukapseln sich patentieren lassen und riesen-clinch mit nestle' -gehabt/oder noch- stand in nzz (neue zürcher zeitung) seinerzeit.
proteste von umweltverbänden gab es in deutschland bei der eröffnung eines neuen kapselwerkes, im bei seien von eurer "mutti", irgendwo in ostdeutschland.
kapseln, so praktisch sie evtl sein mögen, sind jedoch nicht umweltfreundlich und ausserdem zu teuer. viel geld für abfall, statt für kaffee.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×