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14.05.2013

19:49 Uhr

Fabriken in Bangladesch

Moderiesen unterzeichnen verbindliches Abkommen

Die Katastrophe könnte die Wende bringen in Bangladesch: Mehrere große Textilfirmen haben sich auf neue Brand- und Schutzstandards geeinigt. Ein Viertel der Fabriken im Land nähen bisher für die Unterzeichner.

Produkte von H&M: Einige große Modehändler wollen sich der Kampagne zu besseren Arbeitsbedingungen in Bangladesch anschließen. ap

Produkte von H&M: Einige große Modehändler wollen sich der Kampagne zu besseren Arbeitsbedingungen in Bangladesch anschließen.

New York/DhakaNach dem verheerenden Fabrikeinsturz in Bangladesch wollen sich etliche internationale Modeketten an einem Sicherheitspakt zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen in dem asiatischen Land beteiligen. Laut der Vereinbarung wollen sie unter anderem für unabhängige Inspektionen sorgen und Kosten für Renovierungen übernehmen. Drei Wochen nach der Einsturzkatastrophe kamen am Dienstag Tausende Menschen zu einer Trauerfeier für die insgesamt 1127 Todesopfer zusammen.

Der Sicherheitspakt für die bangladeschische Zuliefererbetriebe ist auf fünf Jahre angelegt. Zunächst hatte am Montag die schwedische Kette H&M - der größte Kunde der dortigen Bekleidungsindustrie - angekündigt, die Vereinbarung zu unterzeichnen. Stunden später folgten die niederländische Firma C&A, die britischen Einzelhändler Tesco und Primark sowie Inditex in Spanien, zu der die Zara-Kette gehört. Am Dienstag schloss sich dann auch das italienische Modehaus Benetton an.

Textilproduktion und die Verantwortung des Verbrauchers

Woher kommt die Kleidung, die in Deutschland über den Ladentisch wandert?

„Das meiste, was hier verkauft wird, kommt aus Asien“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Modeverbands GermanFashion, Thomas Rasch. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes importierte Deutschland im vergangenen Jahr mehr als 1,17 Millionen Tonnen Bekleidung im Wert von fast 25,8 Milliarden Euro aus 130 Ländern. Etwa ein Drittel kam aus China, mit etwas Abstand folgen Bangladesch, die Türkei und Indien. Kleidung, die über die Niederlande, Italien und Frankreich eingeführt werde, komme oft auch aus Niedriglohnländern, sagt Rasch.

Unter welchen Bedingungen arbeiten die Näherinnen?

Viele Näherinnen bekommen nach Informationen der Kampagne für Saubere Kleidung (CCC) nicht genug Geld, um sich und ihre Familien ausreichend zu ernähren. „Der Lohn reicht nicht aus, um ein Leben in Würde zu führen“, sagt CCC-Expertin Kirsten Clodius. Dazu kämen sehr lange Arbeitszeiten und Sicherheitsmängel wie vergitterte Fenster und verriegelte Notausgänge. Fabrikbesitzer verböten den Näherinnen oft das Reden und kontrollierten Toilettengänge. In Kambodscha habe es sogar Massen-Ohnmachtsanfälle gegeben. Menschenrechtler und Umweltschützer warnen zudem vor womöglich giftigen Farben und Kinderarbeit.

Muss man ein schlechtes Gewissen haben, billige Kleidung zu kaufen?

Auch hochpreisige Kleidung wird oft in Asien genäht. „Der Verkaufspreis eines T-Shirts bei uns gibt keinen Aufschluss darüber, wo es hergestellt ist“, sagt Clodius. In einer Fabrik werde oft für mehrere Auftraggeber gearbeitet. Darunter seien auch hochwertige Markenhersteller, räumt auch Rasch ein. Diese Markenhersteller machen ein besonders gutes Geschäft: Die Kampagne für Saubere Kleidung rechnet damit, dass die Lohnkosten einer in Asien genähten 100-Euro-Jeans bei nur einem Euro liegen. Die Werbung mache 25 Euro aus, satte 50 Euro stecke der Handel ein.

Würde es den Näherinnen helfen, wenn Kleidung aus Asien boykottiert würde?

Nein. Die Näherinnen hätten ihre Organisation selbst darum gebeten, keine Boykottaufrufe zu starten, berichtet Clodius. Sie hätten Angst, ihre Arbeitsplätze zu verlieren. Laut Rasch könnte ein Boykott in Bangladesch 70 Prozent der Textil-Industrie zusammenbrechen lassen.

Wer kann dann dafür sorgen, dass die Textilproduktion sicherer wird?

Darüber gibt es Streit. Der Modeverband sieht Produktionschefs und Politiker in den Herstellerländern in der Pflicht. Hier herrsche viel zu oft „ein Raubtierkapitalismus“, sagt Rasch. Auch Kunden aus Deutschland könnten helfen: „Ich darf keine Jeans für 9,90 Euro kaufen!“ Diese Preise seien mit normalen Arbeitsbedingungen nicht zu erreichen. Die Kampagne für Saubere Kleidung hält dagegen, dass auch hochpreisige Kleidung in den asiatischen Fabriken produziert werden. Die Unternehmen dürften sich nicht dahinter verstecken, dass sie lediglich Auftrag- und nicht Arbeitgeber seien. Die Gewerkschaft Verdi will mit ihrer Initiative „exchains“ über Gewerkschaften und Arbeitssicherheit aufklären.

Wie viel mehr würde ein Kleidungsstück kosten, wenn Löhne höher wären?

Nach Verdi-Berechnungen würden ein T-Shirt oder eine Bluse nur 12 Cent mehr kosten, wenn deutsche Textilhändler in ihrer Kalkulation für jede Näherin im Monat 50 Euro mehr berücksichtigen würden. Damit würden viele Arbeiter etwa doppelt so viel verdienen wie jetzt. Rasch gibt aber zu bedenken, dass es das Lohngefüge im Land durcheinanderbringen könne, wenn nur die Näherinnen, nicht aber Bauern oder Rikscha-Fahrer plötzlich mehr Geld bekämen.

Wie lassen sich besser produzierte T-Shirts erkennen?

Es gibt für Mode kein einheitliches Siegel, das sowohl Umwelt- als auch Arbeitsstandards zusammenfasst. Ein grünes Label mit weißem Hemd steht für „Global Organic Textile Standard“ (GOTS) - zu den Kriterien gehören das Verbot von Zwangs- und Kinderarbeit sowie die Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz. Ein rot-weißes Label mit dem Aufdruck „IVN zertifiziert NATURTEXTIL“ findet sich auf Kleidung aus Naturfasern wie Baumwolle, Leinen und Seide. Es steht auch für die Einhaltung von Sozialstandards am Arbeitsplatz und die Einhaltung geregelter Arbeitszeiten. Auch das Öko-Zeichen „Textiles Vertrauen nach Oeko-Tex Standard 100plus“ steht mit für die Einhaltung von Sozialkriterien.

Organisationen für Arbeitnehmerrechte hatten den internationalen Modeketten ein Ultimatum bis Mittwoch gesetzt, sich dem Sicherheitspakt anzuschließen. Ansonsten würde der Druck erhöht, hieß es.

Bereits im vergangenen Jahr hatten PVH, das für Calvin Klein, Tommy Hilfiger und Izod produziert, sowie die deutsche Tchibo-Kette eine entsprechende Selbstverpflichtung unterzeichnet. Nach Schätzungen von Arbeitsrechtlern fallen damit unter diese Übereinkunft erst zwischen 10 und 20 Prozent der rund 5000 Bekleidungsfabriken in dem Land. Nicht dabei von den großen Modehändlern sind bislang die US-Supermarkt-Kette Wal-Mart, nach H&M zweitgrößter Kunde in Bangladesch, sowie Gap.

Knapp drei Wochen nach dem verheerenden Fabrikeinsturz gedachten Tausende Menschen der Opfer der Katastrophe. Sie versammelten sich am Dienstag vor den Trümmern des achtstöckigen Gebäudes in einem Vorort von Dhaka, um für die insgesamt 1127 Todesopfer und die zahlreichen Verletzten zu beten. In Reih und Glied standen Soldaten, Polizisten und Feuerwehrleute in Uniform in der Nähe der Hinterbliebenen.

Einen Tag vor der islamischen Trauerfeier hatten die Streitkräfte die Bergungsarbeiten eingestellt. Den Tag über hatten die Soldaten in den Trümmern keine einzige Leiche mehr gefunden. Militärkommandeur Hasan Suhrawardy, der die Aufsicht über die Unglücksstelle innehatte, bedankte sich am Dienstag bei den Rettungskräften. Die Armee werde der Regierung eine Liste mit 1.000 Überlebenden mit der Empfehlung übergeben, diese bei der Vergabe von Jobs zu bevorzugen, kündigte er an.

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ap

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