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06.08.2013

18:14 Uhr

Fairtrade im Aufwind

Gut statt Geiz

VonCarina Kontio

Birkenstock-Latschen, Latzhosen und kratzige Wollpullis: Damit hat Handel mit fairen Produkten schon lange nichts mehr zu tun. Die Branche ist weiter auf dem Vormarsch – ein Milliardengeschäft.

Für 533 Millionen Euro wanderten 2012 Transfair-zertifizierte Produkte über die Ladentheke. ddp images/dapd/Michael Gottschalk

Für 533 Millionen Euro wanderten 2012 Transfair-zertifizierte Produkte über die Ladentheke.

DüsseldorfSchokoladen-Stäbchen, Knusper-Müsli, Basilikum-Gewürz und Yoga-Shirts: Wer vor zwei Wochen die Bild-Zeitung aufgeschlagen hat, staunte vermutlich nicht schlecht über die ganzseitige Anzeige von Aldi Süd. Der Discounter – einst Inbegriff der Geiz-ist-Geil-Mentalität – bot eine Woche lang rund 30 Fairtrade-gelabelte Produkte seiner Eigenmarke „One World“ an. Bislang wurde unter dem 2009 eingeführten Label vor allem nur Kaffee verkauft. Doch der Branchenprimus will in Zukunft noch stärker von der anhaltenden Nachfrage nach fair gehandelter Ware profitieren und sein Sortiment weiter ausbauen.

Ein Trend, den sich auch der Aldi-Rivale Lidl nicht entgehen lassen will. Der Discounter hat laut Transfair inzwischen 25 Fairtrade-zertifizierte Produkte unter dem Label „Fairglobe“ im Sortiment und verkauft davon Woche für Woche 300.000-400.000 Stück.

Fair ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Wer vor ein paar Jahren in Deutschland einen großen Supermarkt betrat, der musste nach fair gehandelten Produkten noch mit der Lupe suchen. Inzwischen wird das Sortiment immer größer und Fair ist nicht mehr nur im Fachhandel zu haben. Immer mehr Prominente wie die Schauspieler Daniel Brühl, Karoline Herfurth und Fussballtrainer Juergen Klopp werben als Transfair-Botschafter für fair gehandelte Waren.

Lag der Umsatz mit Fair-Trade-Produkten 2005 noch bei 72 Millionen Euro, präsentiert die 1992 gegründete Organisation Transfair sieben Jahre später sensationelle Zahlen in ihrem Jahresbericht: Für 533 Millionen Euro wanderten 2012 Transfair-zertifizierte Produkte über die Ladentheke. Insgesamt, das berichtet das Forum Fairer Handel heute auf seiner Jahrespressekonferenz, haben die Deutschen Verbraucher im vergangenen Jahr über 650 Millionen Euro für fair gehandelte Produkte ausgegeben.

Warum Aldi billig ist

Es ging ums Sattwerden

Es ist eine Gretchenfrage: Wie viele Artikel biete ich meinen Kunden an? 1946 ging es um nichts mehr als ums Sattwerden. Die Aldi-Brüder schauten auf ihren Tages- und Wocheneinkauf. Erst im Laufe der Jahre kamen Non-Food-Artikel hinzu – anfangs waren sie verpönt.

Zahl der Artikel

Mit der Zeit pendelte man sich bei 400 Artikeln ein. Inzwischen – in Zeiten der feiner werdenden Nuancen – ist die Zahl auf 900 Artikel gewachsen. Der Stellplatz in den Filialen hat natürliche Grenzen. Zudem ist Produktpflege ein aufwändiges Geschäft.

Das oberste Gebot

Von Beginn an galt bei den Albrechts das Gebot der Warengleichheit: In allen Filialen sollten die Kunden dieselben Produkte finden. Schnell ging es soweit, dass sie es sogar an derselben Stelle fanden.

Die Revolution

Eine echte Revolution war die Einführung von Kühlware in den 70er-Jahren. Sowohl bei Aldi Nord als auch bei Aldi Süd gingen Grundsatz-Diskussionen voraus. Entgegen der Behauptungen gab es darüber aber keinen brüderlichen Zwist. Allerdings musste der vorpreschende Karl Überzeugungsarbeit leisten beim abwägenden Theo. Doch die Kühltruhe kam, erst im Kleinformat, dann immer mehr.

Markenartikel? Nein, Danke!

Seit Jahren macht andere Discounter wie Netto (vorher Plus) gute Geschäfte mit Markenartikeln. Aldi hat stets eine Aversion gegen sie gehabt. Auf der anderen Seite taten sich die Hersteller von Markenartikeln anfangs auch sehr schwer, bei einer Billigkette zu listen, als die Aldi galt.

Aldis Problem

Vereinfacht gesagt besteht Aldis größtes Problem darin, die erforderlichen Liefermengen von mehreren Anbietern zu beziehen. Bei vergleichenden Qualitätsstandards heißt es immer wieder: Bedarfsdeckung versus Preis. Gerade zu Ostern und Weihnachten ist es eine Sisyphusarbeit in Planung und Organisation, für ausreichend Waren zu sorgen und sie auf die Filialen zu verteilen.

Harte Gespräche mit Lieferanten

Die Preisfindung in diesem „Wettkampf“ ist das eigentliche Erfolgsrezept Aldis. Als Marktführer, ausgestattet mit dem Hebel der Mengemacht, hat man hier natürlich Vorteile. Dabei bündeln Aldi Nord und Aldi Süd ihre Einkaufsstrategie in vielen Sortimenten. Auf der anderen Seite hat Aldi auch kein Interesse, die Lieferanten so sehr zu schröpfen, dass sie in den Ruin gehen. 

Die große Verlockung

Lieferanten unterliegen leicht der großen Verlockung, mit Aldi so zu verhandeln, dass die eigentlichen Kapazitätsgrenzen überschritten werden. Zwar kann man mit Aldi vermögend werden, aber das Risiko, sich zu sehr abhängig zu machen, ist groß. Denn Aldi streicht durchaus schnell einen Lieferanten. Fachleute raten dazu, maximal 50 Prozent seiner Produkte an Aldi zu verkaufen.

Das Preisdiktat

Die Wettbewerber sind dem Preisdiktat ausgesetzt. In den vergangenen Jahres war gut zu beobachten, was passiert, wenn Aldi die Preise für Alltagsprodukte wie Milch senkte: Die Konkurrenz zog innerhalb weniger Stunden nach. Preisvergleich und Preispolitik sind Tagesaufgaben.

Wie preissensibel ist der Kunde

Doch warum agieren die Discounter eigentlich so nah am „gerechten Preis“? Die Frage ist durchaus berechtigt, denn die Durchschnittskunde ist eigentlich sehr wenig mit den Preisen vertraut. Er stellt seinen Warenkorb den Bedürfnissen und Gepflogenheiten zusammen. Die meisten gehen nicht mit offenen Augen durch die Läden. Angebote werden auch bei Aldi sehr deutlich mit andersfarbigen Schildern gekennzeichnet, damit sie überhaupt auffallen. Umso wichtiger ist also, dauerhaft der Preisführer zu sein – und dieses Image zu pflegen.

Auch die Rewe Group hat früh gemerkt, dass sich mit „Fair“ Geld verdienen lässt und seit 2010 Eigenmarkenprodukte unter dem Label Pro-Planet-Label im Regal, die nachhaltigen Konsum zu „attraktiven Preisen“ fördern sollen. Ob Paprika aus Spanien, Tomaten aus Marokko oder Fußbälle aus Pakistan: Das blaue Dreieckslogo ziert inzwischen über 430 Produkte, die dem Handel schon oft Kopfschmerzen bereitet haben. „Unsere Idee ist es, nachhaltige Produkte aus dem Nischen-Dasein herauszuholen und für den Massenmarkt attraktiv zu machen“, sagte Rewe-Chef Alain Caparros zur Einführung seines Labels. Im vergangenen Jahr wurden gut 420 Millionen Pro-Planet Artikel verkauft. Für Ende 2013 peilt der Kölner Handelskonzern 600 Millionen an.

Dass diese Aktionen voll im Trend liegen, bestätigen Forscher des Zukunftsinstituts, einem Trendforschungsinstitut mit Sitz bei Frankfurt. Sie sprechen in ihrer jüngsten Studie „Fair: Von der Nische zum Mainstream“ gar vom Megatrend Neo-Ökologie, der die Weltmärkte erobert und sehen den Aufbruch einer ganzen Gesellschaftsschicht. „Ein faires, nachhaltiges Wirtschaften wird in Zukunft zur selbstverständlichen Voraussetzung für Unternehmen und zur wirkungsvollsten Antwort auf die immer kritischer werdenden und besser informierten Konsumenten und Bürger.“ Immer mehr Menschen wollen genau wissen, was sie kaufen, woher es kommt und wie es produziert wurde.

Kommentare (23)

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Kunde

06.08.2013, 18:34 Uhr

Ein netter PR-Artikel. Fair-Trade bei Aldi und Lidl???
Da lachen doch die Hühner.
Fair fängt bei der Behandlung und Bezahlung der Mitarbeiter an. Auch der Mitarbeiter in Deutschland. Wenn Sie gehetzte Mitarbeiter sehen wollen, dann sind Sie bei Aldi und Lidl richtig. Häufig bleibt noch nicht einmal Zeit zum Einsortieren der Waren. Die Obst- und Gemüsestände gleichen eher einer Resteverwertung.
Aldi und Lidl haben schon lange den Discountbereich verlassen. Das Preis-Leistungsverhältnis wird immer schlechter. Besonders bei Aldi hat die Qualität der Produkte schon lange nachgelassen.
Bio und Fair-Trade sollen nur die Preiserhöhungen kaschieren.

Account gelöscht!

06.08.2013, 19:29 Uhr

Hoffentlich sind bald auch genügend Verbraucher so bereit, der Landwirtschaft in Deutschland faire Entgelte zu bezahlen und nicht nur die Discounter- Einkaufspreise, die "zum Sterben zuviel, zum Leben eigentlich zuwenig" sind!

Dann bräuchte man nämlich weder irgendwelche Subventionen aus Brüssel noch Anteile an riesigen Windparks oder PV-Anlagen auf früheren Acker- oder Wiesenflächen!

rxm

06.08.2013, 19:35 Uhr

Ich habe mal vor einiger Zeit einen Fair-Trade-Handel in meine Stadt besucht. Das Personal dort war arogant bis zum Abwinken. Damit hat sich das Thema Fair-Trade für mich erledigt.

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