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25.08.2016

15:10 Uhr

Fairtrade im Discounter

Sehnsucht nach gutem Gewissen

Supermärkte und Discounter bauen ihr Angebot an Fairtrade-Produkten massiv aus. Kunden sind zunehmend bereit, für bessere Arbeitsbedingungen in den Herkunftsländern mehr auszugeben. Doch es gibt auch Kritiker.

Der „Fairtrade“-Markt ist heute in etwa so groß wie das Bio-Segment vor 20 Jahren. dpa

Fairtrade bei Aldi Nord

Der „Fairtrade“-Markt ist heute in etwa so groß wie das Bio-Segment vor 20 Jahren.

BerlinOb Kaffee, Bananen oder Blumen: Mit dem wachsenden Angebot in Supermärkten und Discountern finden „Fairtrade“-Produkte in Deutschland immer mehr Abnehmer. Mit 1,14 Milliarden Euro erreichte der Gesamtumsatz mit „Fairtrade“ 2015 einen Höchststand, wie das Forum Fairer Handel am Donnerstag in Berlin mitteilte.

Der Anteil am Gesamt-Lebensmittelmarkt liegt aber noch immer unter einem Prozent. Für Produkte, deren Anbieter besonderen Wert auf gerechte Löhne und bessere Arbeitsbedingungen in den Herkunftsländern legen, gaben die Bundesbürger pro Kopf 14 Euro aus - in etwa so viel wie beispielsweise drei Pfund fair gehandelten Kaffees kosten.

Was wirklich hinter den Siegeln steckt

Bio

Das Bio-Siegel der EU wurde im Juli 2010 eingeführt. Ein Produkt, das dieses Label trägt, darf höchsten 0,9 Prozent gentechnisch verändertes Material enthalten und muss zu mindestens 95 Prozent aus ökologischer Landwirtschaft kommen. Vielen Bio-Herstellern sind die Kriterien an das Bio-Siegel nicht scharf genug, deswegen haben sie eigene Siegel wie Demeter oder Naturland, die höhere Anforderungen erfüllen müssen.

Fairtrade

Das Label steht für weltweit gültige Standards, die Kleinbauern stabile und auskömmliche Preise und möglichst direkte Handelsbeziehungen sichern. Dazu gehören auch die Vorfinanzierung der Produktion und ein garantierter Mindestpreis. Bei einem Produkt, das dieses Siegel trägt, müssen alle Zutaten, die unter Fairtrade-Bedingungen erhältlich sind, zu 100 Prozent Fairtrade-zertifiziert sein.

FSC

Die Non-Profit-Organisation Forest Stewardship Council vergibt dieses Siegel, um nachhaltige Forstwirtschaft zu zertifizieren. Die Produzenten müssen dafür zehn Kriterien erfüllen, die die ökonomischen, ökologischen und sozialen Standards bei den Forstbetrieben verbessern sollen. Umweltverbände kritisieren aber immer wieder, das Siegel würde zu leichtfertig vergeben.

MSC

Die private Organisation Marine Stewardship Council, die das Label für nachhaltigen Fischfang vergibt, wurde vom Konzern Unilever und der Naturschutzorganisation WWF gegründet. Betriebe die das Label bekommen, müssen unter anderem Überfischung vermeiden und das Ökosystem schützen. Auch hier gibt es Kritik an der Vergabe, beispielsweise rügt Greenpeace, dass nur 60 bis 80 Prozent der Standards erfüllt sein müssten, damit eine Fischerei das Gütesiegel erhält.

PEFC

Auch dieses Siegel soll die nachhaltige Waldbewirtschaftung sicherstellen. Im Gegensatz zum FSC, das Betriebe zertifiziert, vergibt PEFC das Siegel an Regionen. Die Nachhaltigkeit der Waldbewirtschaftung wird dann auf regionaler Ebene kontrolliert. Die Einhaltung der Standards wird regelmäßig stichprobenartig überprüft. Während das FSC-Siegel meist für Tropenholz verwendet wird, zertifiziert PEFC in der Regel europäische Wälder.

UTZ

Mit dem Label werden nachhaltig angebaute Agrarprodukte gekennzeichnet, speziell Kaffee, Tee und Kakao. Die Produzenten müssen soziale Kriterien festlegen, Anforderungen an die Umweltverträglichkeit erfüllen und eine effiziente Bewirtschaftung sicherstellen. Ein Label für fairen Handel ist UTZ jedoch nicht.

V

Das V-Siegel, das vom Vegetarierbund Deutschland (VEBU) vergeben wird, kennzeichnet vegetarische Lebensmittel. Produzenten müssen für die Zertifizierung ihre Zutatenliste offenlegen und ihre Produktion vor Ort überprüfen lassen. Sie müssen auf jegliche Tierkörperbestandteile, also auch etwa auf Gelatine, verzichten. Es wird inzwischen von über 250 Lizenzpartnern verwendet, zum Beispiel von Alpro, Frosta, Katjes, Valensina und Voelkel.

„Der faire Handel ist im Aufwind“, sagte Manuel Blendin, der Geschäftsführer des Forums Fairer Handel. Obwohl sich das Umsatzwachstum mit 11 Prozent nicht mehr so so hoch lag wie im Vorjahr (31 Prozent), geht der Verein nicht von einer Trendwende aus.

Zuversichtlich stimmt die Branchenvertreter eine eigene repräsentative Umfrage. Danach steigt die Zahl der Käufer der häufig teureren „Fairtrade“-Produkte auch in den unteren Einkommensgruppen. Verbraucherschützer sehen einen Teil der Angebote jedoch kritisch. Supermarkt-Kunden könnten kaum überprüfen, ob der Handel den hohen Anspruch des Segments einhalte. So werde auf vielen Packungen zu wenig über die Herkunft informiert und über die Beimischung konventionell gehandelter Ware.

Der Lebensmittelmarkt in Zahlen

Edeka

Die Kette ist Marktführer in Deutschland. 2015 erzielte Edeka mit rund 11.500 Märkten und 346.800 Mitarbeitern einen Umsatz von insgesamt 48,4 Milliarden Euro. Zum Edeka-Reich gehört unter anderem auch der Discounter Netto, der rund 12,4 Milliarden Euro zum Umsatz beisteuerte.

Quelle: dpa

Kaiser`s Tengelmann

Die Kette ist vor allem in Nordrhein-Westfalen, Bayern und Berlin vertreten. Noch rund 430 Filialen und etwa 16.000 Beschäftigte gibt es. In der Vergangenheit erwirtschaftete Kaiser's Tengelmann Umsätze von rund 1,8 Milliarden Euro. Dies ist dem Eigner der Kette, Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub zufolge, viel zu wenig, um erfolgreich zu sein.

Rewe

Das Reich der Kölner ist weit verzweigt – es umfasst neben Supermärkten Baumärkte, Discounter und Touristikunternehmen wie DER und ITS. In Deutschland betreibt die Gruppe tausende Super- und Verbrauchermärkte unter den Marken Rewe und Temma, der Umsatz lag im klassischen Lebensmittelhandel in der Vergangenheit bei rund 20 Milliarden Euro.

Real

Die Metro-Tochter erzielte zuletzt einen Jahresumsatz von 7,7 Milliarden Euro. 36.000 Mitarbeiter betreiben in Deutschland knapp 300 Märkte.

Wer den Markt beherrscht

Edeka, Rewe, Aldi sowie die Schwarz-Gruppe mit den Lidl-Märkten und Kaufland stehen laut Kartellamtschef Andreas Mundt für rund 85 Prozent des gesamten Lebensmittel-Einzelhandels. Die Konzerne hätten gegenüber den kleineren Konkurrenten deutliche Vorteile beim Einkauf - große Verbünde können die Preise stärker drücken.

Getrieben wird das „Fairtrade“-Wachstum seit Jahren von Supermärkten und Discountern. Weltläden und Aktionsgruppen legten nur leicht zu. Der „Fairtrade“-Markt ist heute in etwa so groß wie das Bio-Segment vor 20 Jahren. 2015 machte der Handel mit Bio-Lebensmitteln nach Angaben des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft einen Umsatz von 8,6 Milliarden Euro.

Mit der Organisation Brot für die Welt kritisierte das Forum Fairer Handel das Bundesfinanzministerium. Es habe aus einem Entwurf für einen Aktionsplan für Wirtschaft und Menschenrechte der Bundesregierung alle verbindlichen Vorgaben zur menschenrechtlichen Sorgfaltspflicht gestrichen. Der Plan sollte deutsche Firmen bei Auslandsgeschäften auf die Achtung von Menschenrechten verpflichten.

Von

dpa

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