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13.11.2017

14:20 Uhr

Familie Schlecker zahlt vier Millionen Euro

Es ist noch verdammt viel da

VonMartin-W. Buchenau

Ex-Drogeriekönig Anton Schlecker steht wegen vorsätzlichen Bankrotts vor Gericht. Dort überrascht die Familie nun mit einer Überweisung. Der Insolvenzverwalter erhält vier Millionen Euro – als „Schadenswiedergutmachung“.

Anton Schlecker: Familie zahlt vier Millionen Euro dpa

Schlecker-Prozess

Anton Schlecker (Mitte) und seine Kinder Meike und Lars leisteten „Schadenswiedergutmachung“.

StuttgartDer 27. Prozesstag war ein besonderer. Anton Schlecker gab eine Erklärung ab. Es ist erst das dritte Mal im gesamten Prozessverlauf, dass er persönlich das Wort ergreift. Es ist wenig übrig geblieben von der einstigen Durchsetzungskraft des Patriarchen. „Ich habe mein gesamtes Vermögen verloren“, erklärt er dem Richter. Schlecker mit seinem schlohweißen Haar und hagerer Gestalt wirkt gefasst, aber zermürbt vom Scheitern seines Lebenswerks und von dem seit März dauernden Mammutprozess wegen Bankrotts. Er hat das alles über sich ergehen lassen, aber jetzt will er die Sache endlich hinter sich bringen. Von prozessverlängernden Verteidigungsaktionen will er absehen. „Lamentieren nützt nichts, das war in meinem Leben schon immer so. So will ich es auch jetzt halten.“

Er bedaure die Insolvenz und übernehme die unternehmerische Verantwortung. Es sei nie seine Absicht gewesen, Vermögen beiseite zu schaffen oder dem Vermögen der Gläubiger zu schaden. Er räumte auch ein, dass er die drohende Insolvenz im späteren Verlauf des Jahres 2011 wahrgenommen habe.

Die Schlecker-Familie

Anton Schlecker

Der 72-Jährige ist der große Unbekannte. Selbst örtliche Politiker und Wirtschaftsvertreter haben kaum Kontakt zu ihm. Nach der Pleite soll sich Anton Schlecker auch von Vertrauten zurückgezogen haben. Der gelernte Metzgermeister eröffnete 1975 den ersten Schlecker-Markt. Zwei Jahre später betrieb er schon mehr als 100 Filialen. Er baute ein Imperium auf und beschäftigte in Glanzzeiten mehr als 55.000 Menschen. Konkurrent Dirk Roßmann, der Schlecker und dessen Frau seit Jahren kennt, sagte jüngst in einem Beitrag des SWR: „Fleißig waren die beiden, unglaublich.“ Außerdem seien sie hilfsbereit und großzügig gegenüber Freunden. Schlecker selbst sagte vor Gericht, er habe tagtäglich von frühmorgens an für das Unternehmen gearbeitet, auch am Wochenende.

Nicht nur im Geschäft achtete Schlecker auf jeden Cent. Er und seine Frau wurden in den 1990er Jahren zu zehn Monaten Haft auf Bewährung und einer Geldstrafe von einer Million Euro verurteilt, weil sie Hunderte Mitarbeiter jahrelang unter Tarif bezahlt hatten. Über Jahre habe die Familie keinen Urlaub gemacht. „Wir hatten oder haben keine Sammlung von teuren Autos, keine Weingüter, keine Kunst, keine Jachten, keine Hotels.“ Dennoch habe man sich das ein oder andere geleistet.

Christa Schlecker

Über Anton Schleckers Frau ist am wenigsten bekannt. Sie ist in Essen geboren, besuchte die Handelsschule und heiratete 1971 Anton Schlecker. Die 69-Jährige wird als „resolut“ beschrieben. Christa Schlecker galt als enge Vertraute Antons und soll zusammen mit ihm das berüchtigte Kontrollnetz über Mitarbeiter errichtet haben.

Lars Schlecker

Der heute 45-Jährige saß mit in der Geschäftsführung des Schlecker-Imperiums. Er wurde an der European Business School in London ausgebildet und machte im Jahr 2000 an der Steinbeis-Hochschule in Berlin seinen Master of Business Administration. Zu Zeiten des Internet-Hypes sammelte Lars Schlecker unternehmerische Erfahrungen als Gesellschafter des B2B-Portals Surplex.com - zusammen mit dem Sohn des ehemaligen Daimler-Chefs Jürgen Schrempp. Nach der Insolvenz arbeitete er als Agent für Künstler und engagiert sich derzeit beim Münchner Unternehmen float medtec. Er werde zwar immer als Pferdenarr beschrieben, so Lars Schlecker im Prozess. Er habe allerdings lediglich im Alter von 14 Jahren ein Jahr lang Reitstunden genommen.

Mit seiner Schwester verbindet ihn eine schreckliche Erfahrung: An Weihnachten 1987 wurden die Schlecker-Kinder entführt. Vater Anton handelte die Lösegeldforderung der Erpresser von 18 auf 9,6 Millionen Mark herunter. Das Geld wurde gezahlt, die Kinder konnten sich aber selbst befreien. Nach einem Bankraub wurden die Entführer 1998 gefasst. Lars Schlecker ist verheiratet mit einer Architektin, hat zwei Kinder und lebt in Berlin.

Meike Schlecker

Lars' zwei Jahre jüngere Schwester (43) legte eine mustergültige Karriere hin. Sie studierte an der renommierten IESE Business School in Barcelona, ist aber schon etwa seit dem Jahr 2000 im Unternehmen beschäftigt. Meike Schlecker war es, die sich 2012 vor Journalisten stellte, um die Pleite zu verkünden. Es war der erste öffentliche Auftritt der Schlecker-Familie seit dem Prozess gegen die Entführer der Kinder 1999. Meike Schlecker ist geschieden; sie lebt mit ihren beiden Kindern in London. Gedanken über ihre weitere berufliche Zukunft habe sie sich noch nicht gemacht, sagte sie im Prozess.

Doch einen Schachzug macht er noch: Zwei Millionen Euro überwies seine Frau an den Insolvenzverwalter zur Wiedergutmachung. Für Schlecker war das mit einer weiteren Erniedrigung verbunden. „Ich musste meine Frau bitten und überzeugen, die Summe zu überweisen“, sagte Schlecker. Als eingetragener Kaufmann haftete er mit seinem gesamten Vermögen für die Pleite seines Drogeriereichs Anfang 2012. Dank Gütertrennung bleibt das Vermögen seiner Frau verschont, unter anderem die gemeinsam bewohnte und 2009 an die Gattin überschriebene Villa in Ehingen. Nach Paragraf 46 des Strafgesetzbuchs kann bei einer Verurteilung das Gericht „das Verhalten des Täters nach der Tat, besonders sein Bemühen, den Schaden wiedergutzumachen“ im Strafmaß würdigen.

Auch die mitangeklagten Kinder Lars und Meike überwiesen Anfang November je eine Million Euro als zusätzliche Wiedergutmachung an den Insolvenzverwalter. Beide hatten sich zwei Tage vor der Insolvenz des Mutterkonzerns im Januar 2012 eine Vorab-Gewinnausschüttung von zusammen sieben Millionen Euro bei ihrem Logistikunternehmen LDG gegönnt, das ausschließlich mit der Belieferung der Schlecker-Läden mit Waren beschäftigt war.

Nach Meinung der Staatsanwaltschaft hat Anton Schlecker Gelder aus der Drogeriekette gezogen. Sein Sohn Lars Schlecker sagte heute, er sei damals davon ausgegangen, dass die LDG 2011 einen „beträchtlichen Gewinn“ erwirtschaftet habe, und er habe noch nicht daran gedacht, welche Leistungen wertberichtigt werden müssten.

„Ich habe immer mit offenen Karten gespielt“, betonte Lars Schlecker. Seine Schwester und er hätten immer mit dem Insolvenzverwalter zusammengearbeitet. Der Insolvenzverwalter hatte unter anderem die sieben Millionen Euro Gewinnausschüttung von den Geschwistern zurückgefordert, was Ende 2013 auch geschah. Die Staatsanwaltschaft hatte im Prozess mehrmals moniert, dass auch diese verspätete Zurückzahlung der Gewinnausschüttung der LDG geschadet habe.

Die jetzigen Zahlungen sollen auch diese Anschuldigungen entkräften. Lars Schlecker sprach in der persönlichen Erklärung von „Schadenswiedergutmachung“ – betonte aber zugleich erneut, noch kurz vor der Insolvenz „nicht im Geringsten“ mit einer Überschuldung gerechnet zu haben. Den beiden Kindern gehörte die Logistikfirma LDG.

Kommentare (5)

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Herr Herbert Maier

13.11.2017, 13:29 Uhr

Wird interessant, das im Vergleich mit dem Middelhoff Prozess zu sehen. Letzterer hat Unternehmen und Gläubigern ja vergleichsweise außerordentlich wenig geschadet, wurde gleichwohl extrem hart bestraft und es ist ja immer noch nicht zu Ende, denn die Staatsanwaltschaft geht sogar gegen seine vorzeitige Haftentlassung vor, völlig unglaublich!

Novi Prinz

13.11.2017, 13:42 Uhr

Bei 1 Milliarde ,das sind Tausend MIllionen Lieferantenforderungen .
Aber Hallo , da kann ich nicht 25 Millionen an Angehörige verteilen ?
Die LIefernaten werden wachsam sein und herausfinden wo was ist .
Auf das Urteil darf man gespannt sein .

Frau Stephanie Maurer

13.11.2017, 17:03 Uhr

"Es ist noch verdammt viel da" ...wer textet beim Handelsblatt bloss diese eigenartigen Headlines? Unternehmer sollten Schlecker als Case Studies betrachten:

Mehr als 30 Jahre Steuern gezahlt und über 40.000 Angestellte beschäftigt, um dann nach dem Scheitern als "Ex-Drogeriekönig" und "vorsätzlicher Betrüger" von Medien gebrandmarkt zu werden.

Ein gesellschaftliches Phänomen der Neuzeit: Nachtreten, wenn gescheiterte Unternehmer bereits am Boden liegen. Wie bei Middelhof. Und lebenslänglich fordern...aber zuhause "Willkommenskultur" ausrufen!

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