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07.12.2017

19:31 Uhr

Familienstreit bei Aldi Nord

Der Kampf um Bertholds letzten Willen

VonChristoph Kapalschinski, Florian Kolf

Das Ringen um die Macht in den Familienstiftungen von Aldi Nord ist entschieden: Das Oberverwaltungsgericht hat nach der Zeugenaussage des Ex-Chefs von Aldi Nord die Klage der Erben von Berthold Albrecht abgewiesen.

Familienstreit bei Aldi

Eine Milliardärsfamilie im Clinch – der Machtkampf des Aldi-Clans

Familienstreit bei Aldi: Eine Milliardärsfamilie im Clinch – der Machtkampf des Aldi-Clans

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SchleswigDas Oberverwaltungsgericht Schleswig hat einen Schlussstrich unter den Machtkampf bei Aldi Nord gezogen: Die Richter haben die Klage der Erben des verstorbenen Gründersohns Berthold Albrecht gegen eine Satzungsänderung bei der Jakobus-Stiftung abgewiesen. Damit haben seine Witwe Babette und ihre fünf Kinder keinen Einfluss mehr auf strategische Entscheidungen beim Discounter. Auch über Auszahlungen aus der Stiftung können sie nicht mehr entscheiden. Gegen das Urteil ist keine Revision zugelassen.

Vorangegangen war ein erbitterter Familienstreit zwischen Babette und ihrem Schwager Theo Albrecht jun., dem zweiten Gründersohn. Theo hatte sich Sorgen um das Unternehmen gemacht. Das Vermögen von Aldi Nord liegt in drei Familienstiftungen. Da diese nur einstimmig entscheiden können, hätten Bertholds Erben über die Jakobus-Stiftung wichtige Entscheidungen im Unternehmen blockieren und Investitionen verhindern können. Emil Huber, Aldi-Nord-Anwalt und Vertrauter von Theo Albrecht, zeigte sich erleichtert: „Das ist ein wichtiger Tag für das Unternehmen. Die Labilität weicht einer Stabilität.“

Eigentlich war bereits für den ersten Tag der mündlichen Verhandlung am 23. November mit einer Entscheidung gerechnet worden. Doch nach fast zehn Stunden Verhandlung hatten die Anwälte der Erben des 2012 gestorbenen Gründer-Sohns Berthold Albrecht überraschend die Anhörung von Hartmuth Wiesemann als Zeugen beantragt. Der Ex-Chef von Aldi-Nord war zur fraglichen Zeit Vorstandsmitglied der Jakobus-Stiftung.

Als im Dezember 2010 über die Satzungsänderung entschieden wurde, lag Wiesemann jedoch nach einer Herz-OP im Krankenhaus und war nicht ansprechbar. Deswegen hatte Berthold Albrecht damals auf dem Vorstandsbeschluss über seiner Unterschrift handschriftlich vermerkt: „Für den erkrankten Hartmuth Wiesemann.“

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Ob eine solche Vertretung rechtlich zulässig gewesen ist, war Kernfrage des Prozesses. Die Vorinstanz, das Verwaltungsgericht Schleswig, hatte das verneint und die Satzungsänderung deshalb für ungültig erklärt. Deswegen gelte weiterhin die Satzung in der Fassung vom Februar 2010, die im Vorstand eine Mehrheit der Erben des verstorbenen Gründersohns Berthold vorsehe.

In seiner Zeugenaussage betonte Wiesemann, dass bei Aldi Nord oft wichtige Entscheidungen mündlich und ohne Protokoll gefallen seien. „Ich erlebe immer wieder, dass die Leute denken, Aldi ist so vom Himmel gefallen, wie sie es heute sehen“, sagte er. Gerade in den Anfangsjahren sei die Kette jedoch klein gewesen. „Wir waren nur zu dritt in der Geschäftsführung, davon zwei meist auf Geschäftsreise – in Europa und bis in die Staaten.“ Gründer Theo Albrecht Senior habe daher etwa Anlageentscheidungen – den Kauf von Schiff- und Filmfonds oder auch mal einer Müllverbrennungsanlage – kurz mit den Geschäftsführern besprochen. Wer nicht in Deutschland war, ließ sich laut der Aussage des Zeugen kurzerhand vertreten.

Wiesemann sagte, Berthold Albrecht habe bereits einige Wochen vor der Satzungsänderung vom 23. Dezember 2010 mit ihm gesprochen. „In diesem Augenblick hat ein Mann zu mir gesprochen, der sich Sorgen gemacht hat um den Fortgang des Unternehmens“, sagte Wiesemann. Albrecht habe sich Sorgen gemacht, die Kinder würden das Unternehmen nicht kennen. „Er hat gesagt: Im Gegenteil, ich habe den Eindruck, dass sie sich aus den Töpfen des Unternehmens bedienen wollen“, erinnerte sich Wiesemann.

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Daher habe Albrecht Unternehmensvertretern mehr Mitsprache in der Stiftung einräumen wollen – wie in anderen Aldi-Stiftungen bereits üblich. Albrecht sei noch unsicher gewesen, ob zwei Unternehmensvertretern im Stiftungsbeirat eine oder zwei Töchter gegenübersitzen sollten, „Mir war das gleichgültig. Wichtig war mir, dass schnell ein Beschluss fällt“, sagte Wiesemann. Daher habe er Albrecht mündlich eine Vollmacht gegeben, für ihn mitzuzeichnen.

Die Richter am OVG folgten dieser Argumentation. Die Änderung vom Dezember 2010 sei von der Aufsichtsbehörde korrekt eingetragen worden, urteilten sie. Es sei zulässig gewesen, dass Berthold Albrecht seinen erkrankten Vorstandskollegen Wiesemann vertreten habe. Auch sei das Wesen der Stiftung nicht verändert worden.

Gründersohn Theo Albrecht jun. hatte im Handelsblatt-Interview die Befürchtung geäußert, dass die Erben „das Unternehmen am Nasenring durch die Manege führen“ könnten, sollten sie die Macht in der Jakobus-Stiftung haben. Die Sorge besteht nach dem Urteil des Oberverwaltungsgerichts nicht mehr.

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Doch dass der Streit das Unternehmen tatsächlich belastet, war bisher noch nicht zu erkennen. Zuletzt hatte es zwar intensivere Diskussionen über strategische Fragen von Aldi Nord gegeben, die Töchter von Berthold Albrecht hatten jedoch wichtige Entscheidungen nicht grundsätzlich blockiert. So haben sie im Juli zugestimmt, mehr als fünf Milliarden Euro an Investitionsgeldern freizugeben für das Projekt „Aniko“. Im Zuge dieses Programms soll das Filialnetz in Europa umfassend modernisiert werden.

Einmütig wurde vor kurzem auch eine Top-Personalie bei dem Discounter durchgewinkt. So haben die Gesellschafter zugestimmt, den Vertrag des Aldi-Nord-Chefs Marc Heußinger um fünf Jahre zu verlängern. Doch auch diese wichtige Entscheidung drohte kurzzeitig im Zuge des Familienstreits unter die Räder zu geraten.

Doch im Gerichtssaal schenkten sich beide Seiten nichts. So wollten die Kläger-Anwälte den Prozess eigentlich noch in die Länge ziehen. Unter anderem beantragen sie, die Witwe Babette Albrecht als Zeugin zu laden, was eine weitere Vertagung zur Folge gehabt hätte. Auch die Debatte um den Gesundheitszustand von Berthold Albrecht und die Frage, ob er bei der Entscheidung über die Satzungsänderung geschäftsfähig gewesen sei, wollten sie mit neuen Anträgen erneut aufrollen. Die Vorsitzende Richterin Birgit Voß-Güntge ließ sich darauf nicht ein.

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