Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

30.04.2012

08:50 Uhr

Fernsehkritik

Billiger Buttertoast bei Günther Jauch

VonChristian Bartels

Der ARD-Talker lässt Günter Wallraff auflaufen und plaudert mit solch einer Begeisterung über Aldi, als hätte er so viel Lust auf Fernsehen wie im Moment Thomas Gottschalk und Harald Schmidt.

Günther Jauch liefert in seinem Aldi-Talk wenig neue Erkenntnisse. ARD

Günther Jauch liefert in seinem Aldi-Talk wenig neue Erkenntnisse.

BerlinZehn Minuten vor Schluss der gestrigen Günther Jauch-Talkshow kam ein flottes Einspielfilmchen mit dem „Wer ist der Billigste-Test“. Ergebnisse unter anderem: Taschentücher sind bei Aldi nur so billig wie in Drogeriemärkten, Waschmittel sei bei den Ketten Rossmann und dm sogar billiger. Lebensmittel wie Buttertoast seien bei Rewe genau so billig wie bei Aldi. Und Jauch, der Moderator der politischen Sonntagabendtalkshow der ARD, ist seinem in der knallharten Konkurrenz der zahlreichen ARD-Talkshows zum reinen Verbraucherjournalismus umgeschwenkten Senderkollegen Frank Plasberg eng auf den Fersen. 

Etwa zwei Minuten vor Schluss derselben Show, kurz nachdem Jauch mal wieder seinen prominentesten Talkgast gestern, den Reporter Günter Wallraff abgewürgt hatte, um noch nach der ebenfalls von Plasberg eingeführten Manier am Ende aus Anrufen und E-Mails von Zuschauern zu zitieren, ging es in der bis dahin unaufgeregten Sendung plötzlich heftig zur Sache. Ein Zuschauer hatte gefragt, wie glaubwürdig denn Wallraff sei, der doch kürzlich von der „Welt am Sonntag“ mal wieder in Verbindung mit der Stasi gebracht worden sei.

Wallraff sprach aufgeregt von einem „erneuten Hinrichtungsversuch der Springer-Presse“ an ihm. Talk-Kontrahent Stefan Genth vom Handelsverband Deutschland warf ihm vor, doch selbst Aldi-Methoden mit Stasi-Methoden verglichen zu haben. Fast schienen sie sich in die Haare zu kriegen. „Wenn ich das gewusst hätte“, wendete Moderator Jauch ein, „hätte ich das Thema gleich am Anfang gebracht. Aber dann hätten wir 60 Minuten lang eine völlig andere Diskussion bekommen“. 

Tatsächlich wäre so gut wie jede andere Diskussion als die, die Jauch gestern zum Thema „Das Aldi-Prinzip: Billig um jeden Preis“ geleitet hatte, interessanter gewesen. Dass er wenige Tage vor dem 100. Geburtstag des immer wieder umstrittenen Verlegers Axel Springer, der nicht nur vom gleichnamigen Verlag schon seit Wochen gefeiert werden wird, zwar den bekanntesten deutschen Springer-Kritiker Wallraff zu Gast hatte, der sich überdies gerade in einer neuen spektakulären Auseinandersetzung mit dem Verlagskonzern befindet, jedoch wegen eines zeitlosen Allerwelts-Themas, schon das allein war enttäuschend.

Wie Aldi groß wurde

Die Idee

Wer hatte eigentlich die Idee Aldi so zu gründen, wie wir es heute kennen? Es wird wohl nie endgültig zu klären sein. Aber viele Indizien deuten darauf hin, dass es eher Karl Albrecht war als sein Bruder Theo. Das soll aber nicht schmälern, welch wichtigen Beitrag auch Letzterer beitrug.

Wiege im Hinterstübchen

Der Krieg war aus. 1946 im zerbombten Essen-Schonnebeck begann die Erfolgsgeschichte zwischen Lebensmittelkartons und Krämerware. Das Brüderpaar Karl und Theo Albrecht erkannte die Chance, die die Phase der sozialen Umorientierung bot. Sie bauten den Tante-Emma-Laden der Eltern aus.

Es reicht nicht

Karl und Theo Albrecht erkannten rasch, dass der Laden der Eltern ihnen beiden keine Zukunftsaussicht bot. Sie entdeckten die betriebswirtschaftliche Zauberformel der Zeit „Nachfrage versus Bedarfsdeckung“ für sich und schafften es, sie im Sinne des Kunden zu lösen.

Das geniale Gespann

Karl und Theo Albrecht lebten  die Anforderungen der damaligen Zeit in perfekter Symbiose. Sie hatten weder äußerlich viel gemeinsam noch waren sie ähnlich gepolt. Theo überragte seinen Bruder um Kopfeslänge. Doch der „Kleinere“ war Vordenker und Impulsgeber. Ungeduldig, beredt, rastlos, bisweilen explosiv war Karl. Theo wirkte dagegen eher zurückhaltend, sogar zögerlich abwägend.

Die Aufgabenteilung

Die beiden Brüder waren in ihrer uniformen Arbeitsauffassung füreinander ein Glücksfall. Von vornherein waren die Aufgaben geteilt: Karl versah den Innen-, Theo den Außendienst. Sprich: Karl kümmerte sich um die schwierige Einkaufspolitik. Es war nicht einfach, die richtige Ware preiswert und in ausreichende Menge zu erhalten. Theo betreute die Verkaufsstellen sowie die Verwaltung und Buchhaltung.

Der Aufstieg

1946 begann es mit dem kleinen Laden der Eltern. 1950 nannten die beiden Brüder eine Kette von 13 Läden inklusive Bedienungen ihr Eigen. Nun strukturierten sie ihre Läden nach dem Discountprinzip um. 1961 trennten sie ihre Geschäfte in Aldi Nord und Aldi Süd.

Die Lebensweise der Brüder

Zur moralischen Stabilität ihrer Konzerne trug maßgeblich die persönliche Lebensweise der Brüder bei. Beide waren im Auftreten zurückhaltend und lebten bescheiden. Sie waren nach alter Schule nach den Prinzipien Sparsamkeit und Kargheit erzogen.

Der einzige Luxus

Als einzigen „Luxus“ erlaubten sie sich ein eigenes Auto. Auf sein Golfschloss in Donaueschingen schickte Karl Albrecht seine Führungskräfte zum Entspannen. Die Brüder kannten keine Scheu vor ihrer kleinbürgerlichen Herkunft. Die Adresse Huestraße 89 in Essen-Schonnebeck wollten sie nie abstreifen. Sie waren stets praktizierende Katholiken und wollten in der Öffentlichkeit so wenig wie möglich wahrgenommen werden.

In dubio pro Theo

Theo Albrecht hatte eine Marotte: Er wollte jede Filiale sehen, bevor die zentrale Schreinerei an die Fertigung der Regale und Einrichtungsteile ging. Dabei kümmerte den Hobbyarchitekten die Delegation von Aufgaben zur eigenverantwortlichen Erledigung nur bedingt. Es galt: In dubio pro Theo.

Strategische Grundsatzentscheidung

Es gab durchaus Spannungen zwischen Theo und Karl Albrecht. Besonders deutlich wurde das beim ersten Schritt über die Grenzen Deutschlands. 1971 expandierte Aldi nach Österreich. Karl war es, der die Familie als erster international aufstellte. Heute firmiert Aldi Süd in Österreich übrigens unter dem Namen „Hofer“.

Die Aldi-Burka

Verschwiegenheit war stets Trumpf im Hause Albrecht. Aldi lässt sich partout nicht in die Karten schauen. Die totale Verschleierung aller Kulissen ist institutionalisiert. So wenig undichte Stellen wie möglich, lautet die Devise.

Selbstverordnete Kasteiung

Die Brüder gaben sich Maßregeln, die zu unverrückbaren internen Prinzipien wurden: Keine Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Keine Firmensprecher. Keine Interviews im Radio oder Fernsehen. Keinerlei mondäner Lifestyle. Keine Lobbyarbeit. Keine Firmenjubiläen. Lückenlose Rückgabe von Werbegeschenken.

Zurückhaltung aus gutem Grund

Die Zurückhaltung hatte einen guten Grund: Abgucker und Schmarotzer sollte keine Gelegenheit  zur Einsicht in Interna haben. Die innovative Discount-Struktur war eine zarte Pflanze und schutzbedürftig. Das neue Konzept musste sich in Ruhe verfestigen. Erfahrungen waren Gold wert.

Der Verwaltungsrat

Aldis Verwaltungsrat ist ein frei schwebendes Organ. Gesellschaftsrechtlich ist es nirgendwo in den Statuten eingebunden. Seine Mitglieder haben freiberuflichen Status, sind aber dennoch die „Macher“: Der Verwaltungsrat ist das zentrale Machtorgan des Konzerns. Aldi steht seit jeher zu seinem Führungssystem, dass sich mit dem Wort Durchgriffs-Management am besten umschreiben lässt. Der Verwaltungsrat hat den Alleinführungsanspruch.

Der Mustermitarbeiter

Aldi stellte stets besondere Anforderungen an seine Mitarbeiter und richtet seine Personalsuche darauf ab. Vorstellungsgespräche sind exzessiv angelegt, manchmal über mehrere Sitzungen. Man lotet die charakterlichen und sozialen Hintergründe des Bewerbers genau aus. Personalvermittlungen kommen nicht zum Zug.

 

Das Aldianer Stellenprofil

Natürlich variiert das Anforderungsprofil je nach Stelle, aber es gibt gewisse Grundvorstellungen: Der Bewerber sollte unauffällig und zurückhaltend im Auftreten sein, seine Bekleidung schlich und gediegen, seine Herkunft möglichst bodenständig, die Familienverhältnisse geordnet, Sparsamkeit wird sehr geschätzt wie auch Pflichtbewusstsein und Normalität hinsichtlich des Lebensprinzips.

Hauseigene Führungskräfte

Das Warenumschlagssystem von Aldi mit seinen schematisierten Abläufen erfordert erfahrene Praktiker. Es wird nicht vorrangig Kopfarbeit am Schreibtisch verlangt. Wer richtig aufsteigen wollte, hatte bei den Albrechts eine Ochsentour vor sich. Ein Akademikerstatus ist entbehrlich.

Zeitmanagement und Prämien

Für Aldi liegt das Geheimnis des langfristigen Erfolges im Zeitmanagement der Führungskräfte. Es gibt eine detaillierte Planungsphilosophie und strenge Normen nach dem Motto: Plan dich oder friss dich! Zudem hat Aldi ein umfangreiches Prämiengerüst. Bezirksleiter bekommen solche und vergeben wiederum welche an ihre Filialleiter. Einzig der Geschäftsführer bekommt keine Prämie.

Die Handbücher

Wer den Ansprüchen Aldis gerecht werden will, muss sie beherrschen: die Handbücher. Das gilt aber vor allem für die regionalen Geschäftsführer. Aldi Nord hat im Laufe der Jahre alles, was Firmeninterna angeht, in solchen Handbüchern fortgeschrieben. Da ist einiges Zusammengekommen – viel Lesestoff.

Wenig zu lachen

Aldi-Mitarbeiter lachen wenig. Zu stark lastet der Druck auf allen. Er wird von der Spitze her aufgebaut und durchgereicht. Das einzige, was lacht, ist die Liquidität.

Der Autor

Es ist auch für Journalisten vom Fach sehr schwierig, Details über die beiden Aldi-Konzerne herauszubekommen. Das Unternehmen ist nicht börsennotiert und somit nur zu bestimmten Veröffentlichungen verpflichtet. Umso wertvoller sind glaubwürdige und detaillierte Berichte, wie sie Eberhard Fedtke in seinem Buch geliefert hat. Er war viele Jahre lang Gesellschafter bei dem Konzern.

 

Bibliografie:

Eberhard Fedtke

Aldi Geschichten. Ein Gesellschaftler erinnert sich

NWB Verlag, Herne 2011

296 Seiten

Wallraff hatte zwar auch mal anno 2008 eine Undercover-Reportage über einen Zulieferbetrieb des Aldi-Rivalen Lidl geschrieben, doch mehr als Gemeinplätze („Da sind wir Kunden mitgefordert“) konnte er zur Aldi-Diskussion nicht beitragen. Oder wenn er anzuheben versuchte, wurde er von Jauch unterbrochen. 

Kommentare (16)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

30.04.2012, 09:22 Uhr

Hauptsache, man konnte gestern Abend wieder etwas anprangern, ausschlachten und indirekt Stimmung zum Boykott machen.

Kaum zu glauben, dass diese moralinsaure Scheinheiligkeit dieses Landes nicht schon dazu geführt, sich selbst ins Gefängnis einzubefehlen und den Schlüssel wegzuwerfen.

Account gelöscht!

30.04.2012, 09:32 Uhr

Erst Schlecker und jetzt ALdi und sich dan wundern warum die Firmen pleite gehen und natürlich wieder großes Mitgefühl mit den Beschäftigten die Ihren Job dann verlieren. Da sitzen Millionäre und Multimillionäre zusammen und quasseln über billige Waschmittel und niedrige Löhne. Interessanter wäre es zu wissen was Sie Ihren Putzfrauen zu Hause zahlen. Ein gutes Talkthema wäre auch: Die verlogenheit der Medien.

hiram

30.04.2012, 09:35 Uhr

Andreas Straub
Da kann sich Aldi freuen, daß sie so einen Mensch los hat.
Traurig waren sie wahrscheinlich nicht und einen warmen Händedruck hat er wohl auch nicht erhalten.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×