Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

23.08.2012

12:57 Uhr

Festpreis-Urteil

Doc Morris und Co. müssen Geschäftsmodell verändern

VonMaike Telgheder

Ausländische Online-Apotheken dürfen ihren Kunden keine Rabatte mehr auf verschreibungspflichtige Medikamente gewähren. Das hat Folgen: Die Celesio-Tochter Doc Morris und andere brauchen eine neue Strategie.

Die Online-Apotheke Doc Morris benötigt nach dem Festpreis-Urteil eine neue Strategie. dpa

Die Online-Apotheke Doc Morris benötigt nach dem Festpreis-Urteil eine neue Strategie.

FrankfurtAusländische Versandapotheken wie Doc Morris und Co. dürfen ihren Kunden in Deutschland künftig keine Rabatte mehr auf verschreibungspflichtige Medikamente einräumen und müssen sich an die deutsche Preisbindung halten. Das folgt aus der Entscheidung des Gemeinsame Senats der obersten Gerichtshöfe des Bundes in Karlsruhe vom Mittwoch. Geklagt hatte ein deutscher Apotheker gegen die niederländische Versandapotheke Europa Apotheek, die ihren Kunden Rabatte zwischen 2,50 und 15 Euro pro verordneter Packung gewährt hatte.

Das Urteil hat weitreichende Folgen für das Geschäftsmodell der Europa Apotheek Venlo wie auch Doc Morris. Beide Apotheken sind bewusst vor mehr als einem Jahrzehnt kurz hinter die deutsch-niederländischen Grenze gezogen, weil Arzneimittelversand damals in Deutschland nicht erlaubt war.

Festpreis gilt EU-weit: Versandapotheken erleiden Schlappe vor Gericht

Festpreis gilt EU-weit

Versandapotheken erleiden Schlappe

Festpreise gelten auch für Medikamente, die im Ausland bestellt werden.

Seit Jahren machen die niederländischen Versandapotheken mehr als 80 Prozent ihres Umsatzes mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln. Doc Morris hatte als Marktführer im vergangenen Jahr 327 Millionen Euro umgesetzt, die Europa Apotheek Venlo 250 Millionen Euro.

Die Kunden kommen vor allem aus Deutschland – angelockt durch die stattlichen Rabatte senden sie ihre Rezepte in die Niederlande und bekommen die Medikamente auf dem Postweg zugestellt. Werden diese Rabatte nun künftig nicht mehr gewährt, ist es für deutsche Kunden deutlich weniger attraktiv, bei den ausländischen Versandapotheken zu bestellen.

Wie Doc Morris und die Europa Apotheek künftig ihre Geschäftsstrategie aufstellen wollen, dazu war von den Unternehmen zunächst nichts zu erfahren. Der Mutterkonzern von Doc Morris, der Pharmahändler Celesio, will sich offiziell nicht zu dem Urteil äußern. Celesio ist dabei, Doc Morris zu verkaufen, weil das 2007 für mehr als 220 Millionen Euro erworbene Unternehmen nicht mehr zur Strategie des Unternehmens passt. Mittlerweile hat Celesio 191 Millionen Euro auf Doc Morris abgeschrieben, zuletzt 120 Millionen Euro im ersten Halbjahr 2012.

Weiteren Abschreibungsbedarf nach dem Urteil von Mittwoch gibt es wohl nicht, meint Commerzbank-Analyst Volker Braun. Bei der Mitte August verkündeten Abschreibung war bereits bekannt, dass auch die Bundesregierung im neuen Arzneimittelgesetz, das bereits vom Bundestag verabschiedet worden ist, die Preisbindung für ausländische Versandapotheken festschreiben will. Dass somit das bisherige Geschäftsmodell von Doc Morris verändert werden muss, dürften auch die potenziellen Kaufinteressenten von Doc Morris, mit denen Celesio nach eigenen Angaben derzeit spricht, bei ihrer Unternehmensbewertung bereits berücksichtigt haben.

Der Gemeinsame Senat der obersten Gerichtshöfe entscheidet sehr selten. Er war zusammengekommen, weil Bundesgerichthof und Bundessozialgericht in verschiedenen Verfahren die Frage, ob ausländische Versandapotheken dem deutschen Arzneimittelpreisrecht unterliegen, unterschiedlich beantwortet hatten.

Pharmahändler: Celesio landet tief in den roten Zahlen

Pharmahändler

Celesio landet tief in den roten Zahlen

Der Pharmahändler richtet sich neu aus - und das kostet zunächst einmal viel Geld.

Kommentare (20)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

JMS

23.08.2012, 13:22 Uhr

Entscheidung ist ein Eingriff in die freie Marktwirtschaft

In Deutschland gibt es über 20.000 Apotheken und viele Nachfrager nach den Produkten. Bei der Anzahl der vielen Apotheken kann angenommen werden, dass aufgrund der Konkurrenz die Preise unterschiedlich sind. Dem ist leider nicht so. Die Onlineanbieter versuchten mit ihrem Geschäftsmodell dies zu durchbrechen. Aufgrund der Klage kann davon ausgegangen werden, dass die Online-Apotheken wirkliche Konkurrenten sind. Der Markt hätte das schon von selbst gerichtet. Durch den Eingriff der Politik ist die eine freie Marktwirtschaft mit stark angezogener Bremse. Schade für den Verbraucher!

Account gelöscht!

23.08.2012, 13:22 Uhr

Erstens waren die Abschreibungen von DocMorris wegen des Scheiterns einer Änderung des Geschäftsmodells hin zu Fanchise-Apotheken.
Und zweitens waren die Rabatte nie besonders üppig. Der "Rabatt" besteht eher darin, keine Rezeptgebühr zahlen zu müssen.

patient

23.08.2012, 13:33 Uhr

Mal sehn, wie lange die Kartellbehörde(n) benötigen werden, um den/die europäischen "Märkt(e)" einmal einer genaueren Analyse zu unterziehen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×