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09.01.2013

03:53 Uhr

Flammen am Rumpf

Boeings Dreamliner wird zum Albtraum

Mit dem „Dreamliner“ wollte Boeing das Langstrecken-Flugzeug der Zukunft bauen. Doch bisher bereitet die 787 den Amerikanern unerwartet große Probleme. Jetzt musste zweimal die Flughafenfeuerwehr anrücken.

Der Boeing 787 Dreamliner von Japan Airlines in Boston ist umringt von Feuerwehrfahrzeugen. dapd

Der Boeing 787 Dreamliner von Japan Airlines in Boston ist umringt von Feuerwehrfahrzeugen.

Washington/Boston/New YorkBei Boeings Vorzeigeflieger 787 „Dreamliner“ ist es zu einer zweiten Panne in zwei Tagen gekommen. Nachdem am Montag bei einer Maschine von Japan Airlines ein Feuer ausgebrochen war, hat am Dienstag ein weiteres Flugzeug der Gesellschaft am Boden Treibstoff verloren. Mit mehreren Stunden Verspätung startete der Langstreckenjet schließlich von Boston nach Tokio. Dies bedeutet einen weiteren Rückschlag für den Airbus-Rivalen.

Das Flugzeug mit 178 Passagieren an Bord war gerade auf das Rollfeld des Flughafens von Boston gefahren, als der Spritverlust bemerkt wurde. Etwa 150 Liter strömten aus einem der Tragflächen aus, in denen Tanks und Leitungen untergebracht sind. Der Jet kehrte an den Flugsteig zurück, wie der Flughafenbetreiber mitteilte. Mechaniker nahmen die Maschine unter die Lupe. Unklar blieb zunächst der Grund des Spritverlusts.

Die US-Luftfahrtbehörde FAA hatte im Dezember vor möglicherweise undichten Treibstoffleitungen beim „Dreamliner“ gewarnt und angeordnet, dass die bislang ausgelieferten Maschinen auf falsch montierte Kupplungsstücke hin überprüft werden.

Auch das Feuer hatte sich auf dem Flughafen von Boston abgespielt bei einer Maschine, die aus Tokio gekommen war. Die Passagiere waren bereits ausgestiegen, als eine Reinigungsmannschaft Rauch in der Kabine bemerkte. Die Flughafen-Feuerwehr rückte an. Als Brandherd wird die Batterie einer Hilfsturbine im Bauch des Fliegers vermutet. Die US-Verkehrssicherheitsbehörde NTSB hat mittlerweile drei Ermittler entsandt, wie sie erklärte.

Bei der Kontrolle der „Dreamliner“ von United Airlines ist nach Informationen des „Wall Street Journal“ bei einer Maschine eine falsche Verkabelung entdeckt worden genau an der Stelle, wo bei der Japan-Airlines-Maschine wohl das Feuer ausgebrochen war. Die Zeitung berief sich dabei am Dienstag auf eine Person, die mit der Überprüfung vertraut ist.

Boeings Dreamliner: Bestseller mit Verspätung

Erzrivale liefert 2013 aus

Der lang erwartete „Dreamliner“ von Boeing soll das Reisen über den Wolken revolutionieren: Mit mehr als drei Jahren Verspätung liefert der US-Flugzeugbauer die erste 787 aus. Die japanische All Nippon Airways (ANA) übernahm 2011 den ersten der Langstreckenjets. Damit soll eine neue Ära in der Luftfahrt beginnen. Erzrivale Airbus wird sein Konkurrenzmodell A350 voraussichtlich erst ab Ende 2013 ausliefern.

Gute Luft und wenig Sprit

Der „Dreamliner“ wartet nach Boeing-Angaben mit größeren Fenstern, einer angenehmeren Luft und einem geringeren Spritverbrauch auf als bisherige Typen. Möglich macht das die großflächige Verwendung der leichten und stabilen Karbonfasern statt des üblichen Aluminiums.

Ärger mit der Technik

Das neue Kunststoff-Material bescherte den Amerikanern jedoch auch jede Menge Ärger, weil die Ingenieure die Technik erst erlernen mussten. Es kam zu wiederholten Verzögerungen und jeder Menge Misstönen. Eigentlich hätte der erste „Dreamliner“ schon im Mai 2008 ausgeliefert werden sollen. Von der Bestellungen her ist die 787 aber schon ein Bestseller.

Air Berlin wird deutscher Erstkunde

Boeing liegen insgesamt 799 Orders (Stand: Januar 2012) vor. Deutscher Erstkunde soll 2014 Air Berlin werden. „Jetzt, da das Flugzeug fertig zur Auslieferung ist, kann das ganze Team feiern“, sagte „Dreamliner“-Programmchef Scott Fancher nach der Unterzeichnung der Verträge mit All Nippon Airways.

Mehrkosten in Milliardenhöhe

Die Verzögerungen kosteten die Mitarbeiter nicht nur Nerven und die Kunden viel Geduld. Es entstanden auch milliardenschwere Mehrkosten. Noch ist unklar, ab welcher Stückzahl der Airbus-Rivale mit dem Flugzeug überhaupt Geld verdient.

Bis zu 290 Passagiere

Da der „Dreamliner“ laut Hersteller 20 Prozent weniger Sprit als bisherige Typen verbraucht, lohnt es sich, bislang uninteressante Langstrecken-Routen direkt zu fliegen. In der kleineren Variante des „Dreamliner“, der 787-8, finden 210 bis 250 Passagiere Platz, in der verlängerten 787-9 bis zu 290.

Die Brände sind der neueste Rückschlag für den „Dreamliner“. Erst vor einem Monat hatte die US-Luftfahrtbehörde FAA angeordnet, dass alle ausgelieferten Maschinen auf Lecks an den Treibstoffleitungen untersucht werden müssen. Nach Angaben der FAA waren Kupplungsstücke nicht richtig eingebaut worden. Mitte vergangenen Jahres hatte die japanische All Nippon Airways mehrere „Dreamliner“ kurzzeitig aus dem Verkehr gezogen, um ein Bauteil in den Rolls-Royce-Triebwerken auszutauschen.

Der "Dreamliner" bereitet Boeing Sorgen. AFP

Der "Dreamliner" bereitet Boeing Sorgen.

Bereits bei einem Testflug im Jahr 2010 war ein Brand in einem Schaltkasten ausgebrochen. Die Maschine konnte damals mit Ersatzsystemen sicher landen. Boeing ließ seine Testflotte über Wochen am Boden und überarbeitete das Bauteil. Die Anleger reagierten verschnupft auf die neuen Probleme: Die Boeing-Aktie büßte am Montag bis Börsenschluss gut zwei Prozent an Wert ein.

Der „Dreamliner“ ist das modernste Passagierflugzeug am Himmel und für Boeing entsprechend wichtig im Kampf mit dem europäischen Erzrivalen Airbus. Die EADS-Tochter setzt den A350 dagegen, dessen Jungfernflug Mitte diesen Jahres stattfinden soll.

Kommentare (3)

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08.01.2013, 15:58 Uhr

Einfach umtaufen in Nightmareliner oder Incubusliner, dann passt es wieder.

mono

08.01.2013, 19:01 Uhr

Wenn Shareholder Value und Marktanteil die ausschliesslich bestimmenden Parameter sind, werden möglicherweise in puncto Entwicklungszeit, Testphase und Korrektur, die Dinge, für den potentiellen späteren Nutzer riskobehaftet, etwas gestrafft.
Hoffe nicht, dass ich da Recht behalte.

Vielleicht ist es auch einfach nur ein pro Airbus Artikel.

Mouse

09.01.2013, 02:58 Uhr

Ein befreundeter Autohändler, welcher mehrere verschiedene Autohäuser betreibt, hat mir mal verraten, daß er bei Fahrzeugen, welche in Amiland gefertigt werden standartmäßig alle Schrauben noch mal nachzieht. Das sei billiger als nachher jede Menge Probleme mit Kunden zu haben. Bei Fahrzeugen aus Japan sei das nicht nötig....
Soetwas hätte den Astronauten des Space Shuttle das Leben gerettet. Und ich hoffe, daß es den zukünftigen Passagieren des D-Liners nicht das Leben kostet.

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