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09.01.2014

10:32 Uhr

Fleischatlas 2014

Wie viel Fleisch verträgt die Gesellschaft?

VonCarina Kontio

Hühnchen, Schweine, Rinder: Hauptsache Fleisch. Viel zu selten aber fragen sich die Verbraucher, was man da eigentlich gerade isst. Der „Fleischatlas 2014“ zeigt die gravierenden Folgen der globalen Lust auf Fleisch.

Was hat das Schnitzel auf unserem Teller mit dem Regenwald im Amazonas zu tun? Und wie hängt es mit ländlicher Armut und Hunger in Kamerun zusammen? Solche Fragen beantwortet der Fleischatlas 2014. dapd

Was hat das Schnitzel auf unserem Teller mit dem Regenwald im Amazonas zu tun? Und wie hängt es mit ländlicher Armut und Hunger in Kamerun zusammen? Solche Fragen beantwortet der Fleischatlas 2014.

DüsseldorfDie gute Nachricht zuerst: Die Deutschen essen weniger Fleisch. Der Konsum ist im Schnitt - da dürften Skandale um Gammelfleisch oder Pferd in der Lasagne nicht ganz unschuldig dran sein - um zwei Kilogramm pro Einwohner zurückgegangen. Das geht aus dem „Fleischatlas 2014“ der Heinrich-Böll-Stiftung, Le Monde Diplomatique und dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) hervor. Auch die Amerikaner essen weniger Rund und Schwein. Statt 85 Kilo wie vor zehn Jahren konsumieren sie nur noch 75 im Jahr.

Trotzdem ist der Fleischverbrauch insgesamt betrachtet immer noch enorm: So werden bis Mitte dieses Jahrhunderts weltweit jährlich fast 470 Millionen Tonnen Fleisch konsumiert - 150 Millionen Tonnen mehr als heute. Das bleibt den Autoren zufolge nicht ohne Folgen für die Landwirtschaft, denn damit geht ein drastisch wachsender Flächenverbrauch für Futtermittel einher: Allein der Bedarf an Sojafuttermitteln zur Mästung der Schlachttiere würde von derzeit 260 Millionen auf über 500 Millionen Tonnen pro Jahr steigen.

Wer Deutschland mit Fleisch versorgt

Deutsche lieben Fleisch

Die Deutschen essen sehr viel Fleisch - und vor allem Schwein: 39,2 Kilogramm sind es pro Jahr und Person im Durchschnitt. Dazu kommen 11,5 KG Geflügel und 8,7 KG Rind. Davon ist nur ein Bruchteil Bio: Beim Schwein sind es 240 Gramm, beim Geflügel 60 Gramm, beim Rind 170 Gramm.

Platz 9: Röthkötter

Die Röthkötter-Gruppe machte 2010 einen Umsatz von 670 Millionen Euro und liegt damit auf Rang neun. Wichtigste Tochterfirma ist Emsland Frischgeflügel.

Platz 3: Müller

Die Müller-Gruppe aus Birkenfeld kommt auf einen Umsatz von 0,72 Milliarden Euro. Die wesentlicher Geschäftsfelder sind Schlachtung und Zerlegung von Rindern, Kälbern und Schweinen.

Platz 7: Sprehe

Die Sprehe-Gruppe aus Lorup kommt gerundet ebenfalls auf einen Umsatz von 0,72 Milliarden Euro. Rund 2500 Mitarbeiter sind für das Unternehmen aus Lorup tätig.

Platz 6: Zur Mühlen

Auf Rang 6 liegt die Zur-Mühlen-Gruppe aus Böklund. Aus der Werbung kennt man daher auch die Böklunder-Produkte am besten, allerdings macht das Unternehmen seine 830 Millionen Euro Umsatz mit weitaus mehr Marken wie Könecke, Redlefsen, Schulte, Zerbster Original und Plumrose.

Platz 5: Heristo

Heristo kommt auf einen Umsatz von 1,54 Milliarden Euro und ist in vielen Bereichen tätig. Neben der Fleischproduktion gehört dazu auch Tiernahrung. Das Familienunternehmen wurde 1913 in Versmold gegründet und hat seinen Sitz heute in Bad Rothenfelde.

Platz 4: Westfleisch

Auch der Viertplatzierte kommt aus Westfalen: Westfleisch aus Münster erwirtschaftet einen Umsatz von 1,93 Milliarden Euro. Gegründet wurde das Unternehmen am 28. Oktober 1928 als Westfälische Provinzial-Viehverwertungsgenossenschaft WPVG.

Platz 3: Wiesenhof

Die PHW-Gruppe aus Visbek kommt auf einen Umsatz von 2,1 Milliarden Euro und schafft es damit aufs Podium. Das Unternehmen ist der größte deutsche Geflügelzüchter und -verarbeiter. Bekannteste Marken sind Wiesenhof und Bruzzzler. 

Platz 2: Vion Food Germany

Inmitten den bekannten Namen von Familienunternehmen taucht mit Vion Food Germany sozusagen ein Exot auf Platz 2 auf. Das Unternehmen kommt hierzulande auf einen Umsatz von 3,7 Milliarden Euro und ist eine Tochterfirma des niederländischen Riesen Vion.

Platz 1: Tönnies

Clemens Tönnies ist den meisten Deutschen als Aufsichtsratsvorsitzender des Fußballclubs Schalke 04 bekannt. Sein Unternehmen ist mit einem Umsatz von 4,3 Milliarden Euro Deutschlands größter Fleischproduzent. Sitz des Konzerns ist Rheda-Wiedenbrück in Ostwestfalen.

Neue Ställe in Deutschland

Derzeit werden in Deutschland überall neue Ställe gebaut - vor allem für Schweine und Geflügel. Vor allem niederländische Betriebe betrieben in der Heimat förmlich in ihrer Gülle, da lockt der Weg nach Deutschland.

Kritik an der Haltung

Massive Kritik gibt es an der Haltung und der Schlachtung längst nicht mehr nur von Tierschützern. In den "Ferkelbatterien" erlangen Jungtiere in 180 Tagen ihr Schlachtgewicht von 90 Kilogramm. Das sind pro Tag 200 Gramm mehr Fett und Fleisch. Vor allem die männlichen Ferkel durchlaufen dabei eine extrem schmerzhafte Prozedur.

Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, kritisierte die Industrialisierung in der Fleischerzeugung: „Moderne Schlachtanlagen in Europa und den USA nehmen immer absurdere Dimensionen an. Während wir hierzulande 735 Millionen Tiere pro Jahr töten, schlachtet alleine die US-Gesellschaft Tyson Foods mehr als 42 Millionen Tiere in einer einzigen Woche. Dahinter kann kein gesundes Agrarsystem stehen.“

Der größte Boom der Fleischproduktion finde in den aufstrebenden asiatischen Volkswirtschaften statt. „Hier wird nach westlichem Vorbild zunehmend unter hochindustrialisierten Bedingungen Fleisch erzeugt, mit all den unerwünschten Nebeneffekten wie Lebensmittelskandalen, Antibiotikamissbrauch, Nitratbelastungen und Hormoneinsatz“, so Unmüßig.

Schon heute wandert allein für die europäische Fleischproduktion Soja von umgerechnet 16 Millionen Hektar Land in die Tröge. „Das Futter für die zusätzliche Produktion von mehr als 150 Millionen Tonnen Fleisch im Jahr wird Land- und Nahrungsmittelpreise explodieren lassen. Die Zeche für den globalen Fleischhunger zahlen die Armen, die von ihrem Land verdrängt werden und sich aufgrund der hohen Preise weniger Nahrung leisten können“, prognostizierte Unmüßig.

Kommentare (33)

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Account gelöscht!

09.01.2014, 12:10 Uhr

Komisch, immer wenn die Grünen mit Zahlen aufwarten um jemanden zu diskreditieren und man diese Zahlen kontrolliert, stößt man meist auf hinterhältiges Verdrehen der Tatsachen - sowas kennt man sonst nur aus Diktaturen.

Artikel: "Während wir hierzulande 735 Millionen Tiere pro Jahr töten, schlachtet alleine die US-Gesellschaft Tyson Foods mehr als 42 Millionen Tiere in einer einzigen Woche. Dahinter kann kein gesundes Agrarsystem stehen."

Von den 42 Mio Tieren sind etwa 41.4 Mio Tiere Hühnchen. Ein Teil davon wird exportiert. Außerdem leben in den USA fast 4mal so viel Menschen wie in Deutschland und der Anteil des gesünderen Geflügelfleisches beträgt in Deutschland nur gut 18%, während er weltweit fast 35% beträgt. Damit sind die richtig interpretierten Zahlen schon nicht mehr geeignet, ein schnelles Urteil zu fällen.



DerTaoist

09.01.2014, 12:18 Uhr

Aus meiner Sicht wünschenswert wäre ein simples Fleischverbot. Kein Mensch braucht Fleisch zum Essen, 1x pro Woche ein Ei und ein wenig Butter, Joghurt etc., ist mit Sicherheit genug an tierischer Nahrung.

Dazu gibt es heute ausreichend gesicherte ernährungsphysiologische Erkenntnisse und man braucht darüber nicht immer wieder von Neuem diskutieren. Eine solche Kost wird sogar für Kinder/Heranwachsende ausdrücklich empfohlen.

atinak

09.01.2014, 12:44 Uhr

Gesundes Hühnerfleisch? Schreiben Sie für die Fleischmafia, oder haben Sie keine Ahnung? Wie soll in der qualvollen Enge und bei dem Dauerstress, unter dem diese armen, vom Menschen ohne jede Notwendigkeit (Fleisch ist nicht notwendig, sondern schlicht ungesund) gefolterten Tiere stehen, denn gesundes Fleisch entstehen? Blitzmast in sechs Wochen, und dann das Ganze für 2-3 Euro das Kilo. Haufenweise Rückstände von Antibiotika und anderen Medikamenten sprechen eine klare Sprache, von den Umweltschäden, die die Tierfabriken in Form von dauerhafter Vergiftung von Böden, Luft und Wasser erzeugen, gar nicht zu reden. Ganz zu schweigen von den Folterqualen der auf engstem Raum zusammengepferchten Tiere (deshalb werden ja, betäubunglos!, Hühnern die Schnäbel weggebrannt und Schweinen die Schwänze abgeschnitten), die dann, "schlachtreif" (allein das Wort spricht Bände) geworden, brutalst verladen und, wenn sie den Foltertransport lebendig überstehen, noch brutaler entladen und umgebracht werden: Dank Akkordarbeit durch Ungelernte und Unsensible (jeder, der ein Hauch von Gefühl hat, würde sofort schreiend aus diesen Mörderhallen rausrennen; ich habe mich zu einer zweistündigen Besichtigung gezwungen, und mir ist noch immer schlecht) sitzt die Betäubung häufig nicht, so dass sie bei vollem Bewusstsein zerlegt und abgebrüht werden. Wer so etwas isst, muss sich nicht wundern, wenn er physisch (Krebs, Herz-Kreislauf, Diabetes, Fettleibigkeit) und psychisch krank wird. Da erstaunt es nicht, dass heutzutage schon kleine Kinder fett, allergiegeplagt und hypernervös und aggressiv durch die Gegend stapfen. Schöne neue Folterwelt, und so etwas nennt sich Zivilisation.

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