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31.07.2013

13:00 Uhr

Florierender Einzelhandel

Hugo Boss ist wieder auf Kurs

Der schwache Start ist wettgemacht: Hugo Boss kann im zweiten Quartal einen deutlichen Gewinn verbuchen. Auch der Umsatz nimmt zu.

Der Einzelhandel stärkt Hugo Boss. dpa

Der Einzelhandel stärkt Hugo Boss.

MetzingenKauflustige und zahlungskräftige Touristen haben Hugo Boss im Frühjahr die Kassen gefüllt und den Bekleidungshersteller trotz der kalten Witterung zurück auf Wachstumskurs gebracht. Nach Umsatz- und Gewinneinbußen im Auftaktquartal kletterten die Erlöse in den Monaten April bis Juni um zehn Prozent, der Überschuss schoss sogar um gut ein Viertel hoch. Mit dieser Geschäftsbelebung im zweiten Quartal sieht sich der Modekonzern "auf gutem Weg", die Rekorde des Jahres 2012 bei Umsatz und Ergebnis im laufenden Jahr mit erneuten Bestmarken zu übertreffen. Und auch über 2013 hinaus blieben die Aussichten "positiv", schrieb Vorstandschef Claus-Dietrich Lahrs an die Aktionäre in dem am Mittwoch veröffentlichten Halbjahresbericht. Der teure Ausbau des eigenen Ladennetzes schreite voran und mache Hugo Boss immer profitabler.

An der Börse legten die Aktien des vom Finanzinvestor Permira kontrollierten Modehauses um knapp ein Prozent zu, da der Gewinnanstieg kräftiger als erwartet ausfiel. Der Betriebsgewinn kletterte im zweiten Quartal bei einem Umsatzzuwachs auf 531,7 (Vorjahr: 485,3) Millionen Euro um 27 Prozent auf 75,5 Millionen Euro, da Hugo Boss seine Waren mit geringeren Preisabschlägen als zuletzt verkaufen konnte. Auch die Luxusgüterhersteller LVMH, Hermes und Kering hatten an der Börse positiv überrascht.

Denn viele Metropolen in Europa und Amerika profitierten im Frühjahr von Touristen auf Shopping-Tour, wie Hugo Boss im Halbjahresbericht vermerkte. Die Nachfrage der Reisenden habe der Branche in Europa über die schwache Konjunktur hinweggeholfen und in Amerika für solides Wachstum in den Warenhäusern gesorgt. In Asien griffen modebewusste Käufer vor allem in Hongkong, Macau und Japan in den Geldbeutel, während sich das Konsumklima in China abkühlte. In Europa und Asien erzielt Hugo Boss deutlich höhere Margen als in Amerika, wo der umkämpfte Großhandel die Geschäfte stärker bestimmt.

Textilproduktion und die Verantwortung des Verbrauchers

Woher kommt die Kleidung, die in Deutschland über den Ladentisch wandert?

„Das meiste, was hier verkauft wird, kommt aus Asien“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Modeverbands GermanFashion, Thomas Rasch. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes importierte Deutschland im vergangenen Jahr mehr als 1,17 Millionen Tonnen Bekleidung im Wert von fast 25,8 Milliarden Euro aus 130 Ländern. Etwa ein Drittel kam aus China, mit etwas Abstand folgen Bangladesch, die Türkei und Indien. Kleidung, die über die Niederlande, Italien und Frankreich eingeführt werde, komme oft auch aus Niedriglohnländern, sagt Rasch.

Unter welchen Bedingungen arbeiten die Näherinnen?

Viele Näherinnen bekommen nach Informationen der Kampagne für Saubere Kleidung (CCC) nicht genug Geld, um sich und ihre Familien ausreichend zu ernähren. „Der Lohn reicht nicht aus, um ein Leben in Würde zu führen“, sagt CCC-Expertin Kirsten Clodius. Dazu kämen sehr lange Arbeitszeiten und Sicherheitsmängel wie vergitterte Fenster und verriegelte Notausgänge. Fabrikbesitzer verböten den Näherinnen oft das Reden und kontrollierten Toilettengänge. In Kambodscha habe es sogar Massen-Ohnmachtsanfälle gegeben. Menschenrechtler und Umweltschützer warnen zudem vor womöglich giftigen Farben und Kinderarbeit.

Muss man ein schlechtes Gewissen haben, billige Kleidung zu kaufen?

Auch hochpreisige Kleidung wird oft in Asien genäht. „Der Verkaufspreis eines T-Shirts bei uns gibt keinen Aufschluss darüber, wo es hergestellt ist“, sagt Clodius. In einer Fabrik werde oft für mehrere Auftraggeber gearbeitet. Darunter seien auch hochwertige Markenhersteller, räumt auch Rasch ein. Diese Markenhersteller machen ein besonders gutes Geschäft: Die Kampagne für Saubere Kleidung rechnet damit, dass die Lohnkosten einer in Asien genähten 100-Euro-Jeans bei nur einem Euro liegen. Die Werbung mache 25 Euro aus, satte 50 Euro stecke der Handel ein.

Würde es den Näherinnen helfen, wenn Kleidung aus Asien boykottiert würde?

Nein. Die Näherinnen hätten ihre Organisation selbst darum gebeten, keine Boykottaufrufe zu starten, berichtet Clodius. Sie hätten Angst, ihre Arbeitsplätze zu verlieren. Laut Rasch könnte ein Boykott in Bangladesch 70 Prozent der Textil-Industrie zusammenbrechen lassen.

Wer kann dann dafür sorgen, dass die Textilproduktion sicherer wird?

Darüber gibt es Streit. Der Modeverband sieht Produktionschefs und Politiker in den Herstellerländern in der Pflicht. Hier herrsche viel zu oft „ein Raubtierkapitalismus“, sagt Rasch. Auch Kunden aus Deutschland könnten helfen: „Ich darf keine Jeans für 9,90 Euro kaufen!“ Diese Preise seien mit normalen Arbeitsbedingungen nicht zu erreichen. Die Kampagne für Saubere Kleidung hält dagegen, dass auch hochpreisige Kleidung in den asiatischen Fabriken produziert werden. Die Unternehmen dürften sich nicht dahinter verstecken, dass sie lediglich Auftrag- und nicht Arbeitgeber seien. Die Gewerkschaft Verdi will mit ihrer Initiative „exchains“ über Gewerkschaften und Arbeitssicherheit aufklären.

Wie viel mehr würde ein Kleidungsstück kosten, wenn Löhne höher wären?

Nach Verdi-Berechnungen würden ein T-Shirt oder eine Bluse nur 12 Cent mehr kosten, wenn deutsche Textilhändler in ihrer Kalkulation für jede Näherin im Monat 50 Euro mehr berücksichtigen würden. Damit würden viele Arbeiter etwa doppelt so viel verdienen wie jetzt. Rasch gibt aber zu bedenken, dass es das Lohngefüge im Land durcheinanderbringen könne, wenn nur die Näherinnen, nicht aber Bauern oder Rikscha-Fahrer plötzlich mehr Geld bekämen.

Wie lassen sich besser produzierte T-Shirts erkennen?

Es gibt für Mode kein einheitliches Siegel, das sowohl Umwelt- als auch Arbeitsstandards zusammenfasst. Ein grünes Label mit weißem Hemd steht für „Global Organic Textile Standard“ (GOTS) - zu den Kriterien gehören das Verbot von Zwangs- und Kinderarbeit sowie die Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz. Ein rot-weißes Label mit dem Aufdruck „IVN zertifiziert NATURTEXTIL“ findet sich auf Kleidung aus Naturfasern wie Baumwolle, Leinen und Seide. Es steht auch für die Einhaltung von Sozialstandards am Arbeitsplatz und die Einhaltung geregelter Arbeitszeiten. Auch das Öko-Zeichen „Textiles Vertrauen nach Oeko-Tex Standard 100plus“ steht mit für die Einhaltung von Sozialkriterien.

Der von vielen Markenherstellern vorangetriebene Ausbau des eigenen Ladennetzes - Ende Juni betrieb Hugo Boss weltweit 900 eigene Geschäfte - schlug sich positiv in der Bilanz nieder, obwohl dafür hohe Investitionen anfallen. In den in Eigenregie betriebenen Geschäften kann Hugo Boss in der Regel mehr Ware umschlagen, schneller auf Trends und Kundenwünsche reagieren und daher höhere Renditen erwirtschaften als im Großhandel. Der noch kleine Online-Vertrieb brummt ebenfalls. "Der eigene Einzelhandel wird im Jahr 2013 der Hauptumsatztreiber für den Konzern sein", unterstrich der Vorstand. Inzwischen übersteigt der Umsatz im eigenen Ladennetz den Großhandelserlös, die Zahl der selbstbetriebenen Geschäfte verdoppelte sich seit 2009. Bei der weiteren Expansion stehen Russland und Singapur im Fokus.

Im angestammten Modevertrieb über Warenhäuser und Fachgeschäfte wird die Luft für Hugo Boss immer dünner: Im Großhandel seien im laufenden Jahr Umsatzeinbußen um einen mittleren einstelligen Prozentsatz absehbar, stellte der Konzern mit knapp 12.000 Beschäftigten in Aussicht. Bisher war der Vorstand von Stagnation ausgegangen. Um diesen Trend abzumildern, dringt Hugo Boss bei seinen Großhandelspartnern darauf, mehr Verkaufsflächen selbst zu bewirtschaften. In den USA kam das Modehaus mit der Warenhauskette Saks überein, in 37 Einkaufstempeln den Verkauf seiner Marken selbst in die Hand zu nehmen. Hugo Boss hofft, sich mit eigenem Personal mehr Umsatz zu machen; Saks erhält eine Konzessionsgebühr und spart bei der Belegschaft. Auch in Spanien hat Hugo Boss diesen Weg bereits eingeschlagen.

Mit dem Rückenwind des zweiten Quartals ist der mit Herrenmode großgewordene Konzern zuversichtlich, sich von der weltweit unsicherer gewordenen Wirtschaftslage, die inzwischen auch die Stimmung in Schwellenländer eintrübt, abzusetzen. Bei Konzernumsatz und operativem Ergebnis (Ebitda) seien bis Jahresende - ohne Berücksichtigung von Währungseinflüssen und Sondereffekten - jeweils Zuwächse um hohe einstellige Prozentsätze zu erwarten, bekräftigte der Vorstand. Die Nachfrage in China werde sich erholen, auch in Japan - einem der größten Luxusgütermärkte weltweit - steige die Konsumstimmung.

Von

rtr

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