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07.09.2012

10:10 Uhr

Flugbegleiter-Streik

Lufthansa bestätigt „zarte Kontakte“ zur Ufo

Reisenden in Deutschland steht ein turbulenter Freitag bevor: Die Flugbegleiter der Lufthansa haben um Mitternacht ihren deutschlandweiten Streik begonnen. Lufthansa-Chef Franz nennt den Streik unverhältnismäßig.

Lufthansa bleibt am Boden

Video: Lufthansa bleibt am Boden

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Frankfurt/BerlinIn den Tarifstreit bei der Lufthansa kommt Bewegung. "Wir haben Hoffnung, dass es eine Wende gibt", sagte der Chef der Flugbegleiter-Gewerkschaft Ufo, Nicoley Baublies, am Freitagmorgen zu Reuters. Die Lufthansa zeigte sich deutlich zurückhaltender. "Der erste Kontakt mit Ufo war ein Signal, mehr nicht", sagte Lufthansa-Chefsprecher Klaus Walther zu Reuters.

Es gebe „zarte Kontakte“ mit der Gewerkschaft Ufo, sagte Walther am Freitag in Frankfurt. Über den Inhalt der Gespräche habe man Stillschweigen vereinbart. Die Lufthansa hat vorerst keine Schlichtung im Tarifkonflikt mit den Flugbegleitern bestätigt. Zu den vom ZDF genannten Schlichter-Kandidaten Franz Müntefering, Henning Voscherau und Hans-Jürgen Papier wollte Walther keinen Kommentar abgeben.

Am Freitag muss die Fluglinie wegen des ganztägigen Ausstands der Flugbegleiter an den 15 Lufthansa-Flughäfen in Deutschland zahlreiche Flüge streichen. Nach Angaben der Airline fallen jedoch deutlich weniger Verbindungen aus als zunächst erwartet. "Wir sind optimistisch, heute rund die Hälfte unserer 1800 Flüge durchführen zu können", sagte ein Lufthansa-Sprecher am Freitagmorgen. Zuvor war Deutschlands größte Fluglinie davon ausgegangen, rund zwei Drittel ihrer Verbindungen streichen zu müssen.

Das Wichtigste zum Lufthansa Streik

Wie erfahre ich, ob mein Flug ausfällt?

Ob, und welche Flüge konkret betroffen sind, können Kunden auf der Lufthansa Website prüfen. Das Lufthansa Service Center steht bei Flugunregelmäßigkeiten kostenlos auch telefonisch zur Verfügung:

0800 / 8 50 60 70

Worum geht es eigentlich?

Offiziell streiken die Flugbegleiter lediglich für mehr Geld. Sie verlangen nach drei Jahren Nullrunde ein Einkommensplus von fünf Prozent sowie höhere Gewinnbeteiligungen. Im Hintergrund geht es um die Zukunft des Lufthansa-Konzerns. Das Management will eine Billigeinheit für Direktflüge mit zunächst rund 90 Flugzeugen und 2000 Beschäftigten gründen, für die deutlich niedrigere Tarife gelten sollen. Bei allen übrigen sollen Gehaltsstufen abgeflacht werden, neue Kräfte nicht mehr so schnell aufsteigen können. Weil Ufo dabei nicht mitmachen wollte, hat Lufthansa zudem Leiharbeiter eingesetzt.

Die UFO-Taktik

Die Gewerkschaft UFO will eine Nadelstichtaktik führen. Um der Lufthansa möglichst wenig Zeit zur Vorbereitung zu lassen, veröffentlicht sie die bestreikten Flughäfen erst wenige Stunden vor Beginn der Arbeitsniederlegung. Als nächste Stufe des Arbeitskampfes wird ein flächendeckender Streik vorbereitet, sagt Ufo-Chef Nicoley Baublies. Damit erhofft sich die Gewerkschaft ein Einlenken der Lufthansa auf ihre Forderungen.

Wie reagiert die Lufthansa?

Man habe mehrere Szenarien in der Schublade und werde möglichst viele Flüge stattfinden lassen, sagt Sprecher Thomas Jachnow. Vorrang haben die Interkontinentalverbindungen, während innerdeutsche Flüge am einfachsten auf die Bahn verlagert werden können. Auch Umbuchungen auf andere Airlines sind möglich

Wie hoch ist die Kampfbereitschaft der Stewards und Stewardessen?

Das ist die spannende Frage in diesem Tarifkonflikt. Im Gegensatz zu den weit besser verdienenden Piloten oder den Fluglotsen bei der Deutschen Flugsicherung haben die Flugbegleiter bislang noch nie einen richtigen Arbeitskampf durchstehen müssen. Lufthansa-Personalvorstand Stefan Lauer hat sich vor wenigen Tagen noch sicher gezeigt, dass es zu großen, flächendeckenden Streiks nicht kommen werde. Sicher ist aber, dass es in der einstmals geschlossenen und stolzen Lufthansa-Belegschaft wegen der umfassenden Sparpläne gärt.

Wie lange hält die Gewerkschaft einen Arbeitskampf durch?

An mangelnden Mitteln aus der Streikkasse werde der Arbeitskampf nicht scheitern, sagt Baublies. Die langsame Eskalation schont zumindest am Anfang auch das Ufo-Vermögen. Eine Strategie könnte es sein, nur wenige Streikende pro Flug zu organisieren, weil die Flieger mit Mindestbesatzungen starten müssen. Vor allem bei den eng besetzten Europaflügen ist eigentlich kein Puffer drin, so dass bereits der Ausfall eines Flugbegleiters den Start verhindern kann. Das sehen gesetzliche Vorschriften vor.

Kann die Lufthansa nicht einfach Ersatzleute anheuern?

Das wird schwierig, wenngleich der zuständige Personalchef Peter Gerber sich das durchaus vorbehalten hat. Doch der Arbeitsmarkt ist nicht gerade üppig besetzt. Die Grundausbildung ist zwar mit zwölf Wochen relativ kurz, aber es kann nicht jeder Flugbegleiter auf jedem Jet eingesetzt werden. Aus Sicherheitsgründen sind die Leute jeweils nur auf bestimmte Flugzeugtypen zugelassen. Zudem sind Leiharbeiter nicht verpflichtet, sich als Streikbrecher zu betätigen.

Wann erfahre ich, ob mein Flug ausfällt?

Sechs Stunden vor Beginn der Streikmaßnahmen will die UFO bekannt geben, an welchen Flughäfen sie streikt. Gewerkschaftschef Nicoley Baublies verspricht, bereits am Vorabend zu warnen, wenn ein Streik früh am nächsten Morgen beginnt.

Der Passagieransturm im Terminal 1 des Frankfurter Flughafens hielt sich am Morgen noch in Grenzen. Die Schlangen vor den Check-in-Schaltern waren nicht annähernd so lang wie an den beiden ersten Streiktagen, als der Airport im Chaos versank. Überglücklich war Familie Schröter aus Bayern, die ihren Sohn zum Flughafen begleitete: Der Flug nach Houston startete, dem Auslandsjahr des 15-jährigen stand nichts mehr im Wege. Vater Hermann zeigte Verständnis für den Ausstand der Flugbegleiter: "Ich hätte gerne selbst das Recht zu streiken", sagte der freiberuflich tätige Arzt.

An Deutschlands größtem Flughafen waren an diesem Morgen vor allem ausländische Gäste gestrandet, die nichts von dem Streik erfahren haben. Lufthansa-Passagiere aus Deutschland haben ihren Flug umgebucht oder nehmen gleich die Bahn. Richtig voll war es deshalb am Bahnhof des Flughafens.

Eine teilweise Schließung des Flughafens wegen übervoller Parkpositionen wie vergangene Woche ist dieses Mal kein Thema. Die Lage ist "sehr entspannt", sagte ein Flughafen-Sprecher. Die Lufthansa hatte bereits am Donnerstag knapp 50 Verbindungen gestrichen - viele davon Langstreckenflüge. Die Flugzeuge stehen nun in Übersee, anstatt den Frankfurter Flughafen zu verstopfen.

"Das könnte tatsächlich der letzte Streiktag sein", machte Ufo-Chef Baublies den Lufthansa-Passagieren im Interview mit dem Sender "n-tv" Hoffnung. "In den nächsten Tagen können wir Streiks bei der Lufthansa ausschließen", konkretisierte er im ZDF. Die Gewerkschaft wolle der Lufthansa eine Denkpause geben.

Die Rechte der Fluggäste bei Streiks

Stornierung und Umbuchung

Einen wegen Streiks gestrichenen Flug kann der Kunde stornieren, er bekommt dann sein Geld zurück. Wer trotzdem fliegen will, hat Anspruch auf einen späteren Flug. Das kann aber dauern, bis der Streik vorbei ist - und auch länger, da ein Rückstau entstehen könnte.

Verspätung

Bei Flügen bis zu 1500 Kilometern haben Fluggäste ab zwei Stunden Verspätung Anspruch auf Betreuungsleistungen - also Telefonate, Getränke, Mahlzeiten und gegebenenfalls eine Übernachtung im Hotel. Bei einer Strecke von 1500 bis 3500 Kilometern gibt es Unterstützung nach drei Stunden, ab 3500 Kilometern Strecke nach vier Stunden. Ab einer Wartezeit von fünf Stunden können Passagiere eine Erstattung des Flugpreises verlangen.

Pünktlichkeit

Auch bei einer großen absehbaren Verspätung sollten Passagiere immer zur ursprünglichen Abflugzeit am Flughafen sein. Es besteht sonst die Gefahr, dass die Fluggesellschaft doch früher einen Ersatzflug anbieten kann - und der Reisende ihn dann verpasst.

Entschädigung

Bei Annullierung, Überbuchung oder Verspätung ab drei Stunden haben Passagiere zwar laut EU-Verordnung Anspruch auf eine Entschädigung von bis zu 600 Euro - aber nur, wenn kein „außergewöhnlicher“ Umstand daran schuld ist. Die Fluggesellschaften werten Streiks aber wie miserables Wetter als außergewöhnlichen Umstand - und zahlen eine Entschädigung dann nicht. Zu Recht, wie der Bundesgerichtshof (BGH) nun entschied: Streiks auch der eigenen Piloten sind „außergewöhnliche Umstände“, die von Airlines „nicht beherrscht“ werden können, heißt es in dem Urteil.

Die Gewerkschaft sei bereit zu Gesprächen am Wochenende, sagte Baublies zu Reuters. Über welche Themen man dabei sprechen werde sei offen. "Ob wir dann auch einen Schlichter benennen, wird sich zeigen", sagte Baublies. Die Lufthansa hat bislang darauf gepocht, dass nur über die Löhne verhandelt werden könne. Die Gewerkschaft hingegen verlangt, auch über den Einsatz von Leiharbeitern zu sprechen.

Ob bereits am Wochenende Gespräche stattfinden, wollte Lufthansa-Chefsprecher Walther weder bestätigen noch dementieren. Auch zu deren Inhalt wollte er sich nicht näher äußern. Ziel der Lufthansa sei es, wettbewerbsfähige Strukturen zu schaffen. "Das geht nicht mit Beamtenstrukturen aus den 90er Jahren", sagte Walther.

Kommentare (10)

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Wenn_Dummheit_Geld_koste

07.09.2012, 03:21 Uhr

Immer wieder schoen zu sehen wie Gewerkschaften und Arbeitnehmer Veraenderungen im Konsumverhalten und wirtschaftliche Entwicklungen nicht verstehen und mit aller Macht alte Strukturen aufrecht erhalten wollen.

Besonders interessant ist dabei, dass sie zu Mitteln greifen, die ihnen sebst schaden.

Die Fliegerei hat sich veraendert und wird sich weiter verwaendern. Der Kunde entscheidet und nicht die Gewerkschaften und Arbeitnehmer. Der Kunde will weniger Service und guenstigere Preise. Er will von A nach B und das moeglichst preiswert. Er hat endlich erkannt, dass ein misserables Essen, 5 cm mehr Beinfreiheit und doppelt so viele "Bedienungen" keine 300-500 Euro Mehrpreis rechtfertigen.

Entweder man passt sich dem an oder geht unter.

Mehr Lohn in einem unwichtiger werdenden Beruf zu verlangen ist pervers.

Makrooekonom

07.09.2012, 04:23 Uhr

Die Flugbegleiter übersehen, dass die meisten Passagiere in der "Holzklasse" sitzen. Dort wird sich das Verständnis in engen Grenzen halten. Schlechter Service ist in den hinteren Rängen heute schon üblich. Etwa die Hälfte der Flugbegleiter auf Langstreckenflügen sind wirklich nur "Flugbegleiter, die den Flug wahrscheinlich als Prämie erhalten haben. Besonders bei Rückflügen sind die Resultate des Strandurlaubes noch deutlich zu sehen, sofern ein Flugbegleiter zu sehen ist. Miserables Essen, defekte Sitze, defektes Unterhaltungsprogramm ergänzen das Gesamtbild. Das Selbstbild der UFO zeigt eine Scheinwelt, die es in den hinteren Rängen schon lange nicht mehr gibt. Bei einer Abstimmung der Passagiere würde wohl die überwiegende Mehrheit auf so manchen dieser "Flugbegleiter" gerne verzichten. Bedauerlich, aber wahr: Die wenigen Guten müssen den Schlamassel ausbaden. Der Streik wird die Arbeitsbedingungen für diese bedauerliche Gruppe noch weiter verschlechtern. Denn für uns Passagiere gibt es keinen Grund mehr für Rücksichtnahme auf überflüssige Flugbegleitung.

Anwalt_Der_Gerechten

07.09.2012, 07:41 Uhr

Streiks haben schon oft viel verbessert, niemals aber irgendwas verschlechtert für die Streikenden.
Das ist alles nur Geseiere von "kommentatoren", die sich davor fürchten, dass ihnen in der Businessclass
keiner mehr die Füsse küsst.
Gut so!

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