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30.06.2016

19:28 Uhr

Flughafen Hahn und die Chinesen

Bruchlandung auf dem Hunsrück-Airport

Der Verkauf des Flughafens Hahn an chinesische Investoren steht vor dem Aus. Die Politik erlebt eine Neuauflage des Nürburgring-Debakels. Doch auch die Wirtschaftsprüfer von KPMG müssen sich peinlichen Fragen stellen.

Käufer nicht zu finden

Wurde der Flughafen Frankfurt Hahn betrogen?

Käufer nicht zu finden: Wurde der Flughafen Frankfurt Hahn betrogen?

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Mainz/Düsseldorf/FrankfurtDer Verkauf des Flughafens Hahn wird zum Debakel – für die rheinland-pfälzische Landesregierung, aber auch für die Unternehmensberatung KPMG. Die Landtagsopposition erhöht angesichts der Turbulenzen den Druck auf Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD). „Wir haben allen Grund zur Skepsis, wenn eine Landesregierung mit einem Phantom verhandelt“, sagte CDU-Fraktionschefin Julia Klöckner in Mainz. „Das sieht nach Wählertäuschung aus.“

Es gehe um Millionen Euro und um Hunderte Arbeitsplätze am Flughafen Hahn. Der rheinland-pfälzische Landtag kommt am Donnerstag nächster Woche zu einer Sondersitzung zusammen, wie ein Landtagssprecher am Donnerstag mitteilte.

Denn der Verkauf des verschuldeten Hunsrück-Airports an das chinesische Unternehmen Shanghai Yiqian Trading (SYT) ist offenbar geplatzt: Die Firma ist nach Angaben von Innenminister Roger Lewentz (SPD) mit einer vereinbarten Teilzahlung für Grundstücke in Verzug und hat eine Frist verstreichen lassen. Die Landesregierung stoppte den Verkaufsprozess vorerst.

Diese deutschen Firmen gehören jetzt Chinesen

Putzmeister

Der Betonpumpen-Weltmarktführer Sany Heavy Industry übernimmt im Januar 2012 das schwäbische Unternehmen für gut 320 Millionen Euro.

Kiekert

Der Pekinger Automobilzulieferer Lingyun übernimmt 2012 den Weltmarktführer für Pkw-Schließsysteme aus Heiligenhaus (NRW).

Schwing

Die Xuzhou Construction Machinery Group (XCMG) wird im April 2012 Mehrheitseigener des westfälischen Betonpumpenherstellers. Der Verkaufspreis des Herner Unternehmens soll bei rund 300 Millionen Euro liegen.

Kion

2012 steigt der chinesische Nutzfahrzeugproduzent Weichai Power beim Gabelstaplerhersteller Kion ein. Die Chinesen kaufen zunächst für 467 Millionen Euro 25 Prozent an Kion und steigern 2015 ihren Anteil auf 38,25 Prozent. Außerdem erhält der Investor für 271 Millionen Euro eine Mehrheitsbeteiligung von 70 Prozent an der Hydrauliksparte Kions.

Solibro

Das insolvente Solarunternehmen Q-Cells vereinbart im Juni 2012 den Verkauf seiner Tochterfirma mit Sitz in Bitterfeld-Wolfen an die Pekinger Hanergy Holding Group.

Sunways

Der Konstanzer Photovoltaik-Konzern ging 2012 zum Schnäppchenpreis an den chinesischen Solarriesen LDK Solar. Doch 2013 und 2014 reichte Sunways jeweils einen Insolvenzantrag ein. Teile des Unternehmens wurden in der Folge an den chinesischen Solarkonzerns Shunfeng verkauft.

Tailored Blanks

Der Industriegüterkonzern Thyssen-Krupp schließt 2013 den Verkauf seiner Tochter an den chinesischen Stahlkonzern Wuhan Iron and Steel (Wisco) ab. Zum Preis machen beide Seiten keine Angaben.

Koki Technik Transmission Systems

Das chinesische Unternehmen Avic Electromechanical Systems (Avicem) – eine Tochter der staatlichen Unternehmensgruppe Aviation Industry Corporation of China (Avic) – übernimmt 2014 den sächsischen Autozulieferer. Ein Kaufpreis wird nicht genannt.

Hilite

Avic übernimmt 2014 für 473 Millionen Euro den deutschen Autozulieferer.

Krauss-Maffei

Im Januar 2016 verkauft Onex den Münchener Spezialmaschinenbauer Krauss-Maffei an ein Konsortium um die staatliche National Chemical Corporation (Chemchina). Der größte Chemiekonzern des Landes zahlt 925 Millionen Euro für den traditionsreichen Hersteller von Spritzgießmaschinen für die Kunststoff- und Gummi-Verarbeitung.

EEW

Die chinesische Holding Beijing Enterprises kauft im Februar 2016 den Abfallkonzern EEW Energy from Waste aus Helmstedt für 1,438 Milliarden Euro. Verkäufer ist der schwedische Investor EQT. EEW hat nach eigenen Angaben 1050 Mitarbeiter. Die 18 Anlagen der Gruppe können jährlich rund 4,7 Millionen Tonnen Abfall zu Energie machen und umweltschonend beseitigen. Die Fabriken erzeugen Prozessdampf für Industriebetriebe, Fernwärme für Wohngebiete und Strom für umgerechnet rund 700.000 Haushalte.

Manz

Die Shanghai Electric Group steigt im Frühjahr mit Anteilen von etwa 20 Prozent bei dem angeschlagenen Maschinenbauer ein.

Kuka

Das Augsburger Unternehmen Kuka baut nicht nur Roboter, sondern ist auch Systemanbieter rund um die digital vernetzte Industrie. Der chinesische Midea-Konzern hat Kuka ein Übernahmeangebot im Umfang von 4,5 Milliarden Euro gemacht und mit dessen Hilfe knapp 95 Prozent der Kuka-Anteile übernommen.

Die Landesregierung betont, dass die Vertragsbeziehung zu dem chinesischen Unternehmen noch besteht. Notfalls soll aber mit zwei früheren Interessenten verhandelt werden. Einer von ihnen ist die ADC Group, der der China-Experte und frühere rheinland-pfälzische Wirtschaftsstaatssekretär Siegfried Englert vorsteht. Sie bietet als Kaufpreis einen Euro – und will Schulden in Millionenhöhe übernehmen.

Als Grund für die Verzögerung der Teilzahlung gab die SYT laut Innenminister Lewentz eine fehlende Genehmigung der chinesischen Regierung an. Die Landesregierung ist deshalb auch in Kontakt mit China. Sie prüft rechtliche Schritte gegen SYT.

Der säumige chinesische Käufer Shanghai Yiqian Trading (SYT) hält dennoch am Erwerb des verlustträchtigen Flughafens Frankfurt Hahn fest. „Der Kaufprozess ist zu 70 bis 80 Prozent abgeschlossen“, sagte Projektmanager Kyle Wang der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (Freitagausgabe) laut Vorabbericht. Er versuchte Zweifel an der Seriosität des Käufers zu zerstreuen. Der asiatische Konzern, der hinter dem Investmentvehikel stehe, sei solvent und eine Macht in der Bauindustrie, sagte Wang.

Die rheinland-pfälzische Landesregierung dem chinesischen Käufer SYT eine letzte Chance geben. Wenn das Unternehmen die geforderten Belege weiter nicht vorlege, werde „eine Art zweite Mahnung kommen“, sagte Innenminister Lewentz am Donnerstag in Mainz. Zugleich habe das Land die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG gebeten, bei den beiden anderen Bietern anzufragen, ob sie weiter an einem Kauf des Flughafens im Hunsrück interessiert seien. Dabei handelt es sich um ein nicht bekanntes amerikanisch-chinesisches Unternehmen und die pfälzische ADC GmbH.

Die Genehmigung chinesischer Behörden für einen Geldtransfer könne sehr lange dauern, sagte Lewentz. Deswegen sehe der Vertrag eine Zahlung des gesamten Kaufpreises in zweistelliger Millionenhöhe bis zum 31. Oktober vor. In einer Nebenabrede sei vereinbart worden, den Preis für ehemalige Militärgrundstücke am Hahn bereits zum 10. Juni zu überweisen. Als das Geld nicht eingetroffen sei, sei am Dienstag vergangener Woche eine Mahnung verschickt worden und die Aufforderung, innerhalb einer Woche die chinesische Dienststelle für die Genehmigung des Transfers und das Aktenzeichen dafür zu nennen.

Wenn sich SYT vertragstreu verhalte, werde mit den Fraktionen im Landtag darüber geredet, das seit Mittwoch unterbrochene Gesetzgebungsverfahren wieder aufzunehmen, sagte Lewentz. Ohne dieses Hahn-Gesetz könne der Kaufvertrag auch nicht wirksam werden.

Peinlich ist der Verkaufsstopp vor allem für KPMG. Vor dem Deal hatten die Wirtschaftsprüfer dem Käufer SYT noch attestiert, es gebe für Risiken keine Anhaltspunkte. Das habe man in einer „Integritätsprüfung“ herausgefunden. Auch Liquidität sei bei den Chinesen zur Genüge vorhanden.

Die Prüfungsfirma war von Mainz mit der Abwicklung des Verkaufs beauftragt worden, ein Bericht des Rundfunksenders SWR weckt nun aber schwere Zweifel an ihrer Zuverlässigkeit. Denn „Anhaltspunkte für entsprechende Risiken“, die KPMG angeblich nicht vorlagen, fand der Sender mühelos bei einem Besuch des angeblichen SYT-Partners in Schanghai: Den vermeintlichen Geldgeber des chinesischen Hahn-Käufers, die „Shanghai Guo Qing Investment Company“, fanden die Reporter bei der angegebenen Firmenadresse nicht. Dafür einen Reifenhändler. Dieser hause in einem „leicht schäbigen Büro mit Pappkartons“.

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