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15.06.2012

10:47 Uhr

Flughafen München

Ungeliebtes Wachstumsprojekt

VonMarkus Fasse

Neben den Flughäfen in Frankfurt und Berlin buhlt auch der in München immer stärker um die Gunst neuer Passagiere. Doch der stramme Wachstumsplan droht am Widerstand aus der Bevölkerung zu scheitern.

Ein Flugzeug der Lufthansa startet am Flughafen in München. dpa

Ein Flugzeug der Lufthansa startet am Flughafen in München.

MünchenMichael Kerkloh ist eine robuste Natur. Der gebürtige Westfale steht für Überzeugungen, mit denen man wenig Freunde im Münchener Umland gewinnt. Seine Leidenschaft für den Fußballklub Borussia Dortmund ist für die Menschen zwischen Freising und Landshut schon befremdlich genug. Noch schwerer wirkt jedoch der Umstand, dass der Chef des Münchener Flughafens seit Jahren intensiv für sein Lieblingsprojekt trommelt: den Bau einer dritten Startbahn. „Das ist eines der wichtigsten Infrastrukturprojekte in Deutschland“, wirbt Kerkloh auf Bürgerversammlungen. „Wir bauen hier ein Projekt für die Zukunft unserer Kinder.“

Mehr als 1,2 Milliarden Euro will der Flughafen in eine neue Startbahn im Erdinger Moos investieren, die ab dem kommenden Jahr gebaut werden soll. Noch einmal 650 Millionen Euro fließen in ein neues Abfertigungsgebäude, mit dessen Errichtung Kerkloh bereits im April begonnen hat. Beide Projekte zusammen sollen Deutschlands zweitgrößten Flughafen in eine neue Dimension heben. Statt knapp 40 Millionen Passagiere heute soll der Airport im Jahr 2025 dann 58 Millionen Passagiere abfertigen. Mit München und Frankfurt hätte Deutschland dann zwei entscheidende Drehkreuze im weltweiten Luftverkehr, wirbt Kerkloh.

Die wichtigsten Antworten zum Thema Nachtflugverbot

Welche Vorgaben gelten für Nachtflüge?

Allgemein-gültige Vorgaben gibt es bei nicht. Ein Nachtflugverbot von 22 bis 6 Uhr, wir es vom Umweltbundesamt empfohlen wird,  gibt es nur in Dortmund und Memmingen. In Leipzig dürfen ab Mitternacht nur Frachtflugzeuge starten und landen. In Hannover, Erfurt, Münster, Köln, Hahn und Nürnberg darf bisher uneingeschränkt geflogen werden. Alle anderen Flughäfen in Deutschland sind von 0 bis 5 Uhr geschlossen. Es gibt aber begrenzte Ausnahmen in den so genannten angrenzenden Schulterstunden.

Wie häufig wird nachts geflogen?

Von den Start- und Landeanflügen auf deutsche Flughäfen entfallen neun Prozent auf die Zeit zwischen 22 und 6 Uhr.  Am Flughafen Köln ist der Anteil besonders hoch: Dort machen Nachtflüge etwa ein Viertel aller Flüge aus.  Bei einem kompletten Verbot von Nachtflügen müssten 19 Millionen Passagiere und 1,6 Millionen Tonnen Fracht verschoben werden, sagt der Verband der Fluglinien.

Gibt es gesetzliche Grenzwerte für die nächtliche Lärmbelastung?

Ja, die gibt es. An alten Flughäfen dürfen nachts die 55 Dezibel nicht überschritten werden, bei neuen Startbahnen gilt ein Grenzwert von 50 Dezibel. Allerdings darf dieser Grenzwert sechsmal pro Nacht bis zu doppelt so laut werden. Werden die Grenzwerte dauerhaft überschritten, haben die Anwohner einen Anspruch auf Schallschutzfenster.

Schädigt Fluglärm die Gesundheit?

An erster Stelle in der Argumentation stehen die Gesundheitsschäden durch nächtliche Ruhestörung. Die Weltgesundheitsorganisation WHO führt Verkehrslärm hinter Luftverschmutzung auf dem zweiten Platz der Umweltfaktoren, die Leiden verursachen.  Im Durchschnitt sollten 40 Dezibel nachts nicht überschritten werden, empfiehlt die WHO und das Umweltbundesamt. Wenn Lärm plötzlich anschwillt, reagiert der Körper mit der Ausschüttung von Stresshormonen, der  Blutdruck steigt und der Pulsschlag erhöht sich. Mögliche Folgen: Depressionen, Schlaflosigkeit, erhöhtes Risiko für  Herzinfarkte und Schlaganfälle.

Was unternehmen die Flughäfen gegen Fluglärm?

Laut Flughafenverband wurden in den vergangenen Jahren 470 Millionen Euro in Schallschutzfenster investiert - weitere 400 bis 600 Millionen Euro sind für die kommenden Jahre eingeplant. Außerdem setzt der Verband auf emissionsärmere Landeanflüge und den Einsatz leiserer Flugzeuge.

Doch die hochfliegenden Pläne könnten am Sonntag bereits eine Bruchlandung erleben. Denn die 1,4 Millionen Einwohner der Stadt München stimmen über das Vorhaben per Bürgerentscheid ab. Zwar ist der Flughafen gut 30 Kilometer nördlich von München entfernt, die Maschinen streifen das Stadtgebiet nur marginal. Doch München ist mit 23 Prozent neben dem Freistaat (51 Prozent) und dem Bund (26 Prozent) Miteigentümer des zweitgrößten deutschen Airports. Und die müssen einstimmig den Ausbau beschließen, sonst ist das Projekt tot.

Seit Monaten tobt um den Startbahnbau ein Glaubenskrieg, der im Kern dem Streit um „Stuttgart 21“ ähnelt. Denn die Kritiker des Ausbaus zweifeln die Zahlen der Flughafengesellschaft an. „Alle Prognosen, die der Flughafen vorgelegt hat, stimmen nicht mehr“, sagt Hartmut Binner, Sprecher der Ausbaugegner. „Es gibt praktisch kein Wachstum mehr“, sagt Binner mit Blick auf die aktuellen Zahlen.

Kommentare (5)

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Matthes

15.06.2012, 11:13 Uhr

Ein Bürgerentscheid als politisches Täuschungsmanöver. Da zieht die CSU wieder alle Register zur Wählerverdummung. Erding ist von der neuen Landebahn belastet, aber die Münchner als Nutzer sollen entscheiden. Und was ist das dann wert?

Jaguar

15.06.2012, 12:15 Uhr

Neue Infrastruktur für den Flugverkehr ist ungefähr so sinnvoll wie Infrastruktur für Pferdekutschen. Es ist eine veraltete Fortbewegungsmethode, die nicht zukunftsfähig ist.

a) Schon jetzt ist die Gewinnmarge bei Airlines recht dünn. Traditionell ist die Branche sehr geprägt durch staatliche Subventionen (früher wurde Air France dafür immer als Beispiel genannt). Wer gegen Subventionen ist, der muss also auch der Luftfahrtbranche skeptisch gegenüber stehen. Denn, ohne Subventionen und Steuerbefreiungen wären Flugtickets heute nicht so billig, wie sie sind.

b) Der internationale Wettbewerb zwischen den Airlines und auch zwischen den Flughäfen (siehe sogleich) dürfte in Zukunft noch steigen. Eine Steigerung des Luftverkehrsaufkommens würde also nicht automatisch auch eine Steigerung der Einnahmen bedeuten sondern nur eine Steigerung des Lärms für die Anwohner. Wie trotzdem der Luftverkehr auch in Zukunft gutbezahlte deutsche Arbeitsplätze bringen soll, das muss mir erst noch jemand erklären.

Jaguar

15.06.2012, 12:16 Uhr

c) Die Flughäfen, die aktuell ausgebaut werden sollen (München, Berlin) sind nicht nur regionale Infrastrukturprojekte sondern vor allem Drehkreuze, sei es für Passagiere oder für Fracht. Wenn also in Berlin ein Flughafen gebaut wird, dann nicht damit mehr Leute nach Berlin kommen, sondern damit dort mehr umsteigen können. Auch die dritte Startbahn in München wird nur für Umsteiger gebraucht. Den Leute, die nur nach München wollen, reichen locker zwei Startbahnen. Sicherlich ist auch Drehkreuzverkehr prinzipiell in Ordnung, auch damit wird Geld verdient. Aber die Frage ist, ob die Menschen in der Region den damit verbundenen Lärm aushalten sollen. Sie haben davon wenig, denn die Umsteiger geben ja dort kein Geld aus. Auch das Argument, dass durch das Drehkreuz zusätzliche Arbeitsplätze entstehen, überzeugt mich nicht. Denn, Arbeitsplätze würden an derselben Stelle auch entstehen, wenn man dort ein Industriegebiet ausweisen würde, nur wäre das Industriegebiet nicht so laut wie ein internationaler Flughafen und die Luftverschmutzung wäre geringer.

d) Weil die neu geplante Flughafeninfrastruktur vor allem dem Drehkreuzverkehr dient und nicht der jeweiligen Region, ergibt sich das Problem, dass sie in Konkurrenz steht zu anderen Drehkreuzen, und zwar auf ganz Europa. So kann ein Passagier, der von Nürnberg in die USA fliegen will, heute z. B. in München, Paris oder London umsteigen. Entsprechend groß ist der Wettbewerb zwischen den Flughäfen in diesen Städten. Dieser Wettbewerb wird in Zukunft immer schärfer werden. Es wird deshalb nötig werden für die Flughäfen, Zugeständnisse zu machen gegenüber den Airlines, sei es beim Preis, sei es bei Nachflugverboten etc. Die Leute, die jetzt für München immer weiter steigende Passagierzahlen prognostizieren, haben mir noch nicht erklärt, wie sie in diesem Wettbewerb bestehen wollen. Billige Preise durch Lohndumping? Aufhebung des Nachtflugverbots?

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