Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

11.04.2017

12:28 Uhr

Flughafen Tegel

Air Berlin und die Last mit dem Gepäck

VonJens Koenen

Air Berlin bekommt die Probleme mit der Gepäckbeförderung in Tegel nicht in den Griff. Für die angeschlagene Airline ist das sicher nicht die größte Baustelle – aber trotzdem brandgefährlich. Eine Analyse.

Passagiere mussten in den vergangenen Wochen lange auf ihr Gepäck warten, zum Teil fehlte es sogar an Treppen. dpa

Flughafen Tegel

Passagiere mussten in den vergangenen Wochen lange auf ihr Gepäck warten, zum Teil fehlte es sogar an Treppen.

Frankfurt„Inakzeptabel“ – dieses Wort bemühten Air Berlin-Sprecher in den zurückliegenden Wochen wieder und wieder. Seit dem 27. März, dem Beginn des Sommerflugplans, läuft es in der Abfertigung am Berliner Flughafen Tegel nicht rund. Die Passagiere müssen lange auf ihr Gepäck warten, zum Teil fehlte es sogar an Treppen, um die Fluggäste aussteigen zu lassen. Viele Flugzeuge hoben mit Verspätung ab.

Das ist in der Tat nicht nur inakzeptabel, es ist für die zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft vor allem äußerst gefährlich. Finanziell schwer angeschlagen und mitten in einem tiefgreifenden Umbau ist Air Berlin mehr denn je auf das Vertrauen und die Treue der Kunden angewiesen. Beides wird nun aufs Spiel gesetzt.

Thomas Winkelmann: Keine Schonfrist für den Air-Berlin-Chef

Thomas Winkelmann

Premium Keine Schonfrist für den Air-Berlin-Chef

Der neue Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann hat gleich zu Beginn mit großen Problemen zu kämpfen. Sein Vorgänger verramschte die Tickets, jetzt fehlen die Erlöse. Zudem laufen der Airline Leistungsträger weg.

Wie konnte es dazu kommen? Eine simple Erklärung für den Vorgang gibt es nicht. Vordergründig liegen die Probleme an dem Wechsel des Dienstleisters in Berlin. Die Airline hatte im vergangenen Herbst seinem bisherigen Partner, der Wisag, gekündigt und den Auftrag Aeroground erteilt. Ein erklärtes Ziel des Wechsels war es, die Servicequalität zu erhöhen. Zu hören ist aber, dass auch „kaufmännische Aspekte“ eine Rolle gespielt haben sollen – sprich der Preis.

Dennoch – einen Partner zu wechseln, weil man ein besseres Angebot auf dem Tisch hat, ist nicht nur grundsätzlich legitim. Es ist in wirtschaftlich angespannten Zeiten vielleicht sogar opportun. Nur dann muss man diesen Wechsel auch entsprechend vorbereiten. Hier aber sind offensichtlich auf beiden Seiten schwere Fehler begangen worden.

Air Berlin – schneller Aufstieg, jahrelange Turbulenzen

Die Anfänge

Vor 37 Jahren hob der erste Air-Berlin-Flieger ab. Alles begann mit alliierten Sonderrechten zur Landung im geteilten Berlin. Gegründet wurde Air Berlin als Chartergesellschaft durch den Ex-Pan-Am-Pilot Kim Lundgren. Der Erstflug ging am 28. April 1979 von Tegel nach Mallorca. Die Flotte umfasste zunächst zwei Maschinen. Nach der Wende wuchs Air Berlin zur Nummer Zwei am Himmel über Deutschland heran, doch inzwischen steckt die Fluglinie seit Jahren in der Krise.

1990er-Jahre

1991: Im April kauft der LTU-Manager Joachim Hunold die Mehrheit der Anteile. Es gibt kurz darauf 15 Flüge pro Tag. Air Berlin expandiert und stationiert zunehmend auch Flugzeuge auf Regionalflughäfen.

1998: Mit dem Mallorca Shuttle Einstieg ins Linienfluggeschäft.

2004-2007

2004: Einstieg bei der Fluggesellschaft Niki des früheren Rennfahrers Niki Lauda

2006: Börsengang und Kauf der Fluggesellschaft dba

2007: Kauf des Ferienfliegers LTU, damit auch Interkontinentalflüge

2008

2008: Air Berlin rutscht in die roten Zahlen, legt das erste Sparprogramm auf: Strecken fallen weg, Flugzeuge werden ausgemustert. Die Übernahme des Ferienfliegers Condor scheitert.

2010

Air Berlin kündigt für 2012 den Eintritt in das Luftfahrtbündnis Oneworld an.

2011

Hunold wirft das Handtuch, Hartmut Mehdorn übernimmt. Ein weiteres Sparprogramm soll das operative Ergebnis um 200 Millionen Euro verbessern. 18 der 170 Maschinen werden verkauft.

2012

Die arabische Staatsairline Etihad erhöht ihren Anteil von knapp 3 auf 29,2 Prozent und stützt die Airline mit einem 255-Millionen-Dollar-Kredit. Ein neues Sparprogramm beginnt. Der Verkauf des Vielfliegerprogramms an Großaktionär Etihad bringt nur vorübergehend wieder schwarze Zahlen.

2013

Wolfgang Prock-Schauer wird Vorstandschef und verschärft das von Mehdorn im Vorjahr aufgelegte neue Sparprogramm. Jeder zehnte Arbeitsplatz fällt weg, die Flotte schrumpft auf 142 Maschinen. 400 Millionen Euro sollen bis Ende 2014 eingespart werden.

2015

Im Februar löst Stefan Pichler den glücklosen Prock-Schauer ab. Air Berlin macht 447 Millionen Euro Verlust - so viel wie nie.

2016

Nach einem juristischen Tauziehen kann Air Berlin den größten Teil der wichtigen Gemeinschaftsflüge mit Etihad weiter anbieten. Die Zahlen bessern sich nicht. Gespräche mit Lufthansa über einen Verkauf von Geschäftsteilen beginnen. Mit einem tiefgreifenden Umbau und der Streichung von bis zu 1200 Arbeitsplätzen will Air Berlin seine Krise überwinden.

2017

Air Berlin bekommt einen neuen Chef. Der Lufthansa-Manager und früheren Germanwings-Chef Thomas Winkelmann wird Vorstandschef. Air Berlin führt ihren Flugbetrieb in zwei getrennten Geschäftsfeldern weiter: Langstreckenflüge und Städteverbindungen in Europa werden zusammengefasst, Urlaubsflüge unter der Marke Niki geführt. Lufthansa erklärt sich bereit, Air Berlin zu übernehmen, wenn der Großaktionär Etihad zuvor die Schulden übernähme.

15. August 2017

Air Berlin meldet Insolvenz an. Zuvor hatte Etihad seine finanzielle Unterstützung eingestellt. Ein 150-Millionen-Euro-Kredit des Bundes soll den Flugbetrieb zunächst sichern.

15. September 2017

Interessenten geben Angebote für die ganze Air Berlin oder Teile davon ab.

21. September 2017

Der Gläubigerausschuss entscheidet sich, exklusiv mit der Lufthansa und Easyjet bis zum 12. Oktober zu verhandeln.

9. Oktober 2017

Air Berlin kündigt an, den Flugverkehr in eigener Regie mit dem Airline-Code AB wohl spätestens zum 28. Oktober einzustellen. Nicht betroffen sind die Töchter Niki, LGW und die Maschinen, die Lufthansa von Air Berlin mietet.

Beginnen wir mit Aeroground: Das Unternehmen, eine Tochter des Münchener Flughafens, ist ein erfahrener Dienstleister. Größere Probleme sind bei dem Anbieter bislang nicht bekannt. Doch der betagte Flughafen Berlin-Tegel hat so seine eigenen Gesetze. Eigentlich sollte der Airport längst im Ruhestand sein.

Doch da der neue Hauptstadtflughafen einfach nicht fertig werden will, ist man in Berlin auf Tegel angewiesen. Dort wird nun seit Jahren schon geflickt und angestrickt, um das für Berlin eigentlich so erfreuliche Passagierwachstum bewältigen zu können. Die Folge: Der Airport weist eine besondere Komplexität auf. Wer sich hier als Dienstleister nicht perfekt auskennt, hat schnell verloren.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×