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03.08.2011

01:34 Uhr

Fluglotsen wollen Streik

Kampf um die Lufthoheit

Deutsche Fluglotsen wollen am Donnerstag für sechs Stunden in den Ausstand treten. Die Arbeitgeber wollen das verhindern. Jetzt muss ein Gericht entscheiden, ob in der Hauptferienzeit der Verkehr lahmgelegt werden darf.

Anzeigentafel am Flughafen. Quelle: dpa

Anzeigentafel am Flughafen.

FrankfurtMitten in der Ferienzeit eskaliert der Tarifkonflikt mit den Fluglotsen: Die Lotsen der Deutschen Flugsicherung (DFS) wollen bereits an diesem Donnerstag (4.8.) für sechs Stunden die Arbeit niederlegen. Von 06.00 bis 12.00 Uhr sollen dann keine zivilen Flüge abgefertigt werden. Die DFS will den Streik mit juristischen Schritten verhindern und vor dem Arbeitsgericht eine einstweilige Verfügung gegen den Arbeitskampf erreichen. Auch kann das Unternehmen noch über eine Schlichtung den Streik hinauszögern.

Die Forderungen der Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF) seien teilweise rechtswidrig, sagte DFS-Personalchef Jens Bergmann am Dienstag in Frankfurt. So sollten jüngere Mitarbeiter und Quereinsteiger von bestimmten Tätigkeiten ausgeschlossen bleiben. Das verstoße gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz. Noch am Mittwoch solle ein Arbeitsgericht bestimmt werden, bei dem der Antrag abgegeben wird.

Zuvor hatte der Vorstand der GdF den Arbeitskampf beschlossen und die DFS-Beschäftigten zur Arbeitsniederlegung aufgerufen. Die Mitglieder hatten in einer Urabstimmung mit großer Mehrheit für den Streik gestimmt. Ein neues Angebot der DFS lehnte die Gewerkschaft als nicht verhandelbar ab. Es habe gegenüber bisherigen Vorstellungen keine Verbesserungen gebracht und gebe keine Antworten auf offene Forderungen, sagte Verhandlungsführer Dirk Vogelsang.

Die wichtigsten Fragen zum Fluglotsen-Streik

Müssen sich die Sommerurlauber Sorgen machen, dass sie nicht in die Heimat zurückfliegen können?

Bislang nein. Noch hat die DFS die Möglichkeit, einseitig - also ohne vorherige Abstimmung mit der Gewerkschaft - die Schlichtung auszulösen. Die wäre mit einer sofortigen Friedenspflicht verbunden, die einen Streik vier bis sechs Wochen verzögern würde. Das nun angekündigte Anrufen eines Arbeitsgerichts ist nun noch ein zusätzlicher Trumpf. Die Gewerkschaft hat sich zudem verpflichtet, Streikaktionen mindestens 24 Stunden vorher bekanntzugeben und Not-Besatzungen zu stellen.

Sind die Fluglotsen überhaupt in der Lage, den Luftverkehr über Deutschland lahmzulegen?

Eindeutig ja. Die GdF beziffert ihren Organisationsgrad unter den rund 1900 DFS-Fluglotsen auf weit über 80 Prozent. Auch in den anderen Berufsgruppen für den unmittelbaren operativen Betrieb - Techniker und Flugdatenverarbeiter - sehe es ähnlich aus. Die DFS-Leute sitzen in vier Kontrollzentren und in den Towern der 16 internationalen Flughäfen Deutschlands. Zu der angedrohten Streikzeit sind normalerweise weit über 200 Lotsen bundesweit im Einsatz, so die Gewerkschaft

Was wären die Folgen eines Lotsenstreiks?

Je nach Streiktaktik müsste eine unterschiedliche Zahl von Flügen ausfallen. Gesichert ist nur ein Notdienst. Ein Arbeitskampf könnte den Fluggesellschaften und den Flughäfen schnell Millionenverluste einbringen, die Ralph Beisel vom Flughafenverband ADV bereits mit denen aus der Zeit der Aschewolke aus Island verglichen hat. Wegen der zentralen Lage Deutschlands würde zudem das gesamte europäische Luftverkehrssystem beeinträchtigt. Die GdF geht von täglich 10 000 Flugbewegungen aus, die von den DFS-Lotsen betreut werden.

Dürfen Fluglotsen überhaupt streiken?

Die allermeisten schon, denn Beamte sind in der ehemaligen Bundesbehörde mit Hauptsitz in Langen bei Frankfurt inzwischen absolut in der Minderheit. Von den fast 6000 Beschäftigten des DFS-Stammpersonals waren laut Geschäftsbericht zum Jahreswechsel 5074 Angestellte. Von den rund 500 Beamten stammt jeweils eine Hälfte vom Luftfahrtbundesamt oder Bundeswehr. Sie allein könnten den zivilen Flugbetrieb nicht aufrechterhalten

Gab es schon einmal Fluglotsenstreiks in Deutschland?

Seit der Umwandlung in eine privatrechtliche GmbH 1993 nicht wirklich. Lediglich im Jahr 2009 legten die Lotsen am Tower in Stuttgart die Arbeit nieder, um ihre Solidarität mit Kollegen auf dem Vorfeld zu demonstrieren. Der Konflikt war regional begrenzt. Harte Auseinandersetzungen gab es hingegen zu Beginn der 70er-Jahre, als die verbeamteten deutschen Fluglotsen ihre karge Besoldung mit den Einkünften der Kollegen etwa in den USA verglichen. In zwei Wellen gingen die Staatsdiener in den sogenannten „Bummelstreik“ und machten „Dienst nach Vorschrift“, ohne dass sich zunächst etwas änderte. Bei der rechtlichen Umwandlung 1993 kündigten mehr als 90 Prozent der Lotsen ihr Beamtenverhältnis.

Um was geht es in dem Tarifkonflikt eigentlich?

Am wenigsten ums liebe Geld, von dem die Fluglotsen ohnehin reichlich haben. Die GdF will nach eigenen Angaben den Einfluss der hochqualifizierten Lotsen im Unternehmen sichern. Da gleichzeitig Nachwuchs knapp ist, ergeben sich daraus zunehmende Probleme bei der geplanten Expansion des Unternehmens. Die Gewerkschaft wolle junge Lotsen und Quereinsteiger diskrimieren, hält das Unternehmen dagegen. Für die DFS drängend ist zudem die Personalknappheit - es fehlen laut Unternehmen rund 500 Lotsen, weil in den vergangenen Jahren zu wenig Nachwuchs ausgebildet worden sei. Die DFS will daher mehr Überstunden von ihren Leuten verlangen, was die Gewerkschaft strikt ablehnt und als Druckmittel benutzt.

Was verdient ein Fluglotse und wieviel muss er dafür arbeiten?

Ohne Frage haben Lotsen eine Riesenverantwortung. Ein falscher Handgriff oder ein Flüchtigkeitsfehler kann Hunderte Menschen in Lebensgefahr bringen. Die Ausbildung der Lotsen dauert - samt der Auswahlphase - etwa vier Jahre. Danach verdienen sie im Vergleich zu anderen Berufsgruppen geradezu fürstlich. Nach DFS-Angaben startet ein junger Lotse am Frankfurter Flughafen - nach Abitur und Ausbildung ist er dann Anfang bis Mitte 20 - knapp 90 000 Euro Grundgehalt. Hinzu kommen etliche Zulagen. Laut Arbeitgeberseite verdient mehr als die Hälfte der 1900 DFS-Fluglotsen schon im Grundgehalt sechsstellig. Laut DFS kommen die Lotsen auf gut 1000 Arbeitsstunden im Jahr im Gegensatz zum üblichen Angestelltenschnitt von 1840 Stunden.

 

Vom Streik ausgenommen sollen die DFS-Ausbildungsakademie und die militärische Flugsicherung in Maastricht bleiben. Es soll zudem einen Notdienst für Not- und Rettungsflüge geben. Die Gewerkschaft forderte die Fluggesellschaften auf, sofort Maßnahmen einzuleiten. An die DFS ging der Appell, so schnell wie möglich die Schlichtung anzurufen. Mit diesem Schritt würde der Streik zwingend für mehrere Wochen abgewendet, da eine sofortige Friedenspflicht einträte.

Kommentare (1)

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Bruno

02.08.2011, 18:53 Uhr

Offensichtlich kann eine kleine Gruppe von Arbeitnehmern, die offensichtlich auch noch fürstlich honoriert werden, ein ganzes Land erpressen! Lösung: Entmachten durch Verbeamtung!

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