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22.01.2013

15:54 Uhr

Flugsicherheit gefährdet

Flugpersonal demonstriert gegen längere Dienste

Pilotenverbände schlagen Alarm: EU-Pläne für neue Dienstzeiten könnten zu Übermüdung im Cockpit führen. Die Sicherheit der Passagiere stehe wegen Kostenargumenten auf dem Spiel. Die EU-Kommission bestreitet das.

Flugpersonal demonstriert auf dem Flughafen in Frankfurt. dpa

Flugpersonal demonstriert auf dem Flughafen in Frankfurt.

Frankfurt/BrüsselPiloten und Flugbegleiter in Europa gehen auf die Barrikaden gegen längere Dienstzeiten. Der Vorwurf: Vorschläge der Europäischen Luftsicherheitsbehörde (EASA) könnten zur Übermüdung von Crew-Mitgliedern führen und damit die Sicherheit aufs Spiel setzen. In etwa zwanzig europäischen Städten oder an Flughäfen gab es Proteste.

Allein am Frankfurter Flughafen beteiligten sich nach Angaben der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) 200 Piloten und Flugbegleiter an einer Protestaktion. Etwa 50 von ihnen legten sich mit Decken in der Abflughalle A im Terminal 1 auf den Boden und stellten sich schlafend, um auf die Gefahr von Übermüdung aufmerksam zu machen.

„Wir denken, dass ein übermüdeter Pilot ein gefährlicher Pilot ist“, sagte Francis Nardy vom europäischen Pilotenverband Eurocockpit bei einer Pressekonferenz in Brüssel. Der Unmut des Flugpersonals richtet sich vor allem gegen die EASA-Vorschläge zu maximalen Einsatzzeiten - diese gelten nur für optimal ausgeruhtes Personal nach langen Pausen.

Die Pläne sehen den Pilotenverbänden zufolge Flugzeiten von bis zu 14 Stunden am Tag und 11 Stunden in der Nacht vor. Sicher sei ein Nachteinsatz nur bis zu einer Dauer von höchstens zehn Stunden, halten die Verbände dagegen - dies sei wissenschaftlicher Konsens. Zudem sollten Piloten den EASA-Plänen zufolge künftig fliegen dürfen, nachdem sie schon mehr als 22 Stunden wach sind.

Kleine Gewerkschaften mit großer Macht

Mit Potenzial zur Blockade

Sie sind klein, aber schlagkräftig. In der Luftfahrt, aber auch bei der Bahn und den Medizinern gibt es erfolgreiche Spartengewerkschaften. Einige Beispiele.

Vereinigung Cockpit (VC)

Der „Verband der Verkehrsflugzeugführer und Flugingenieure in Deutschland“ setzt sich für die Interessen von rund 8200 Cockpit-Besatzungsmitgliedern aus allen deutschen Airlines und von Verkehrshubschrauberführern ein.

Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF)

Zu den knapp 4000 Mitgliedern gehören Lotsen in den Towern, bei der militärischen Flugsicherung und bei den Vorfeldkontrollen. Wenn die Lotsen ihre Arbeit niederlegen, müssen tausende Flugreisende am Boden bleiben.

Unabhängige Flugbegleiter Organisation (UFO)

Nach eigenen Angaben ist sie in Deutschland die einzige Gewerkschaft, die sich ausschließlich für das fliegende Kabinenpersonal einsetzt. Die UFO hat mehr als 10.000 Mitglieder.

Gewerkschaft deutscher Lokomotivführer (GdL)

Sie hat rund 34.000 Mitglieder und ist Tarifpartner der Deutschen Bahn und mehrerer Privatbahnen. Nach eigenen Angaben organisiert sie mehr als 80 Prozent der Lokomotivführer und zahlreiche Zugbegleiter.

Marburger Bund (MB)

Nach eigenen Angaben ist sie die einzige tariffähige Ärztegewerkschaft in Deutschland. Sie hat mehr als 110.000 Mitglieder und kämpft unter anderem für bessere Arbeitsbedingungen sowie eine leistungsgerechte Vergütung in Krankenhäusern.

Der Präsident der deutschen Cockpit-Vereinigung, Ilja Schulz, warf der EASA Versagen vor. Sie habe den Wünschen der Fluggesellschaften zu weit nachgegeben und Kostenargumente über die Passagiersicherheit gestellt: „Die Behörde ist beratungsresistent und hat die Chance verpasst, die Flugdienstzeiten auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse sicher zu gestalten.“ ECA-Generalsekretär Philipp von Schöppenthau unterstellte: „Die EASA stoppt immer dort, wo die Airlines ihr sagen, dass sie etwas Geld kosten würde.“

Die EU-Kommission, die im Frühling einen Gesetzesvorschlag auf Grundlage der EASA-Position präsentieren will, wies die Kritik zurück. „Der Vorschlag ist ausgewogen und garantiert ein höchstes Sicherheitsniveau.“ Die Arbeitnehmervertreter vermischten ihr Interesse an guten Arbeitsbedingungen mit der Frage der Sicherheit. Der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) teilte diese Haltung: „Es ist eine Verunsicherung der Passagiere, wenn gewerkschaftliche Wünsche in der Öffentlichkeit als neutrale Sicherheitsstandards propagiert werden“, kritisierte BDL-Präsident Klaus-Peter Siegloch.

Wenn die EU-Kommission ihren Gesetzesvorschlag gemacht hat, werden EU-Staaten und Europaparlament darüber beraten. Entschlüsse könnten im Herbst fallen.

Von

dpa

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