Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

08.09.2012

00:27 Uhr

Friedenspflicht

Lufthansa-Streik ist vorbei

Nach dem Streik der Flugbegleiter machte die Lufthansa in puncto Leiharbeit einen großen Schritt auf Ufo zu – und die Gewerkschaft willigte in ein Schlichtungsverfahren ein. Nun gilt die Friedenspflicht.

Streikende Lufthansa-Mitarbeiter am Flughafen Berlin-Tegel. dapd

Streikende Lufthansa-Mitarbeiter am Flughafen Berlin-Tegel.

FrankfurtDer bislang heftigste Streiktag bei der Lufthansa ist zu Ende. Der eintägige Ausstand der Flugbegleiter wurde am Freitag um Mitternacht planmäßig beendet. Das bestätigte ein Sprecher der Fluggesellschaft in Frankfurt.

Nach der Einigung auf eine Schlichtung im Tarifstreit der rund 19.000 Lufthansa-Flugbegleiter ist um Mitternacht die Friedenspflicht in Kraft getreten. Damit können Reisende wieder mit der zuverlässigen Flugplänen bei Deutschlands größter Airline rechnen. Weitere Streiks müssen Lufthansa und ihre Passagiere vorerst nicht fürchten.

Zuvor hatte die Fluggesellschaft im Tarifkonflikt eine wichtige Forderung der Streikenden erfüllt. Lufthansa kündigte an, künftig keine Leih-Stewardessen mehr auf ihren Berlin-Verbindungen einzusetzen. Baublies signalisierte Kompromissbereitschaft bei den Sparplänen des Konzerns.

Gewerkschaft und Lufthansa vereinbaren Schlichtung

Video: Gewerkschaft und Lufthansa vereinbaren Schlichtung

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Bis Freitagnacht fielen wegen der bisher größten Streikwelle bei der Lufthansa fast 1.000 Flüge aus, 100.000 Kunden mussten sich andere Reisewege suchen. Ein Chaos blieb aber aus. Am Samstag sollte sich, abgesehen von knapp zwei Dutzend Flügen, der Flugverkehr wieder normalisieren.

Ein Schlichter wird nach Angaben des Gewerkschaftschefs noch gesucht. Während der Schlichtung gilt Friedenspflicht. Im Schlichtungsverfahren geht es nach Angaben von Ufo in erster Linie um die Vergütungsfragen. Parallel dazu sollen aber über alle anderen strittigen Fragen wie Leiharbeit verhandelt werden. „Damit ist die Ufo sehr zufrieden“, sagte Baublies. Es sei der Gewerkschaft immer um ein Gesamtpaket gegangen. Die Ankündigung der Lufthansa, künftig keine Leih-Stewardessen mehr auf ihren Berlin-Verbindungen einzusetzen, sei ein „wichtiges Signal“ gewesen.

Das Wichtigste zum Lufthansa Streik

Wie erfahre ich, ob mein Flug ausfällt?

Ob, und welche Flüge konkret betroffen sind, können Kunden auf der Lufthansa Website prüfen. Das Lufthansa Service Center steht bei Flugunregelmäßigkeiten kostenlos auch telefonisch zur Verfügung:

0800 / 8 50 60 70

Worum geht es eigentlich?

Offiziell streiken die Flugbegleiter lediglich für mehr Geld. Sie verlangen nach drei Jahren Nullrunde ein Einkommensplus von fünf Prozent sowie höhere Gewinnbeteiligungen. Im Hintergrund geht es um die Zukunft des Lufthansa-Konzerns. Das Management will eine Billigeinheit für Direktflüge mit zunächst rund 90 Flugzeugen und 2000 Beschäftigten gründen, für die deutlich niedrigere Tarife gelten sollen. Bei allen übrigen sollen Gehaltsstufen abgeflacht werden, neue Kräfte nicht mehr so schnell aufsteigen können. Weil Ufo dabei nicht mitmachen wollte, hat Lufthansa zudem Leiharbeiter eingesetzt.

Die UFO-Taktik

Die Gewerkschaft UFO will eine Nadelstichtaktik führen. Um der Lufthansa möglichst wenig Zeit zur Vorbereitung zu lassen, veröffentlicht sie die bestreikten Flughäfen erst wenige Stunden vor Beginn der Arbeitsniederlegung. Als nächste Stufe des Arbeitskampfes wird ein flächendeckender Streik vorbereitet, sagt Ufo-Chef Nicoley Baublies. Damit erhofft sich die Gewerkschaft ein Einlenken der Lufthansa auf ihre Forderungen.

Wie reagiert die Lufthansa?

Man habe mehrere Szenarien in der Schublade und werde möglichst viele Flüge stattfinden lassen, sagt Sprecher Thomas Jachnow. Vorrang haben die Interkontinentalverbindungen, während innerdeutsche Flüge am einfachsten auf die Bahn verlagert werden können. Auch Umbuchungen auf andere Airlines sind möglich

Wie hoch ist die Kampfbereitschaft der Stewards und Stewardessen?

Das ist die spannende Frage in diesem Tarifkonflikt. Im Gegensatz zu den weit besser verdienenden Piloten oder den Fluglotsen bei der Deutschen Flugsicherung haben die Flugbegleiter bislang noch nie einen richtigen Arbeitskampf durchstehen müssen. Lufthansa-Personalvorstand Stefan Lauer hat sich vor wenigen Tagen noch sicher gezeigt, dass es zu großen, flächendeckenden Streiks nicht kommen werde. Sicher ist aber, dass es in der einstmals geschlossenen und stolzen Lufthansa-Belegschaft wegen der umfassenden Sparpläne gärt.

Wie lange hält die Gewerkschaft einen Arbeitskampf durch?

An mangelnden Mitteln aus der Streikkasse werde der Arbeitskampf nicht scheitern, sagt Baublies. Die langsame Eskalation schont zumindest am Anfang auch das Ufo-Vermögen. Eine Strategie könnte es sein, nur wenige Streikende pro Flug zu organisieren, weil die Flieger mit Mindestbesatzungen starten müssen. Vor allem bei den eng besetzten Europaflügen ist eigentlich kein Puffer drin, so dass bereits der Ausfall eines Flugbegleiters den Start verhindern kann. Das sehen gesetzliche Vorschriften vor.

Kann die Lufthansa nicht einfach Ersatzleute anheuern?

Das wird schwierig, wenngleich der zuständige Personalchef Peter Gerber sich das durchaus vorbehalten hat. Doch der Arbeitsmarkt ist nicht gerade üppig besetzt. Die Grundausbildung ist zwar mit zwölf Wochen relativ kurz, aber es kann nicht jeder Flugbegleiter auf jedem Jet eingesetzt werden. Aus Sicherheitsgründen sind die Leute jeweils nur auf bestimmte Flugzeugtypen zugelassen. Zudem sind Leiharbeiter nicht verpflichtet, sich als Streikbrecher zu betätigen.

Wann erfahre ich, ob mein Flug ausfällt?

Sechs Stunden vor Beginn der Streikmaßnahmen will die UFO bekannt geben, an welchen Flughäfen sie streikt. Gewerkschaftschef Nicoley Baublies verspricht, bereits am Vorabend zu warnen, wenn ein Streik früh am nächsten Morgen beginnt.

Das Unternehmen verzichtet kurz vor der Schlichtungsvereinbarung „einseitig, auf absehbare Zeit und ohne weitere Vorbedingungen auf den Einsatz von externen Kabinencrews in Berlin“, kündigte Lufthansa-Chef Christoph Franz an. Die rund 200 betroffenen Stewardessen der Zeitarbeitsfirma Aviation Power sollen im kommenden Jahr Jobangebote der Lufthansa erhalten. Noch am Freitag hatten die Leiharbeiter dafür gesorgt, dass Lufthansa aus Berlin Europaflüge anbieten konnte, während die Lufthansa-Crews streikten.

Franz verspricht sich laut einer Mitteilung Fortschritte in den festgefahrenen Tarifverhandlungen für die rund 18.000 Flugbegleiter der Lufthansa Passage. „Wir hoffen, dass dieser Schritt der Gewerkschaft Ufo hilft, mit uns gemeinsam in konstruktiven Gesprächen den Weg zu einer zukunfts- und wettbewerbsfähigen Vergütungsstruktur für die Mitarbeiter der Kabine zu beschreiten.“

Airlines in der Krise: Der schwarze Freitag für die Luftfahrt

Airlines in der Krise

Der schwarze Freitag für die Luftfahrt

Lufthansa und Air Berlin müssen sparen. Doch der Flugbegleiter-Streik und die verschobene Eröffnung des Berliner Hauptstadtflughafens sorgen für neue Millionenkosten. Den Fluggesellschaften droht ein schwarzer Freitag.

Das Schlichtungsabkommen soll laut Lufthansa bis kommenden Mittwoch unterzeichnet werden und sich nur mit Vergütungsfragen beschäftigen. Bereits ab Samstag gelte aber die Friedenspflicht. Ein Schlichter solle bis Ende kommender Woche gefunden und einvernehmlich bestimmt werden. „Beide Seiten sind sich darüber einig, dass auch die im Schlichtungsverfahren nicht regelbaren Themen rasch gelöst werden müssen“, teilte die Lufthansa weiter mit. Diese sollten noch vor Beendigung des Schlichtungsverfahrens abgeschlossen sein.

Wegen des Streiks musste Europas größte Fluggesellschaft am Freitag weit mehr als die Hälfte ihrer Flüge streichen. Selbst die Pilotenstreiks aus den Jahren 2001 und 2010 hatten nicht eine derart durchschlagende Wirkung. Chaos gab es aber weder an Flughäfen, Bahnhöfen noch auf den Autobahnen. Es war bereits die dritte Streikwelle nach zwei regional begrenzten Ausständen seit Freitag vergangener Woche.

Kommentare (4)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

07.09.2012, 22:09 Uhr

Zwischen knapp 23.000 und 52.000 , in der Spitze sogar bis zu 70.000 für einen simplen Anlernjob und Piloten, die mit 250.000 Euro Jahresgehalt in Rente gehen.

Über solche Branchensaurier freut sich die arabische Konkurrenz.
Ich vermute, dass ein Grossteil der Flugbegleiter die (temporäre)Arbeit auf einem Flieger sowieso nur als kostengünstige Gelegenheit sieht, die Welt billig kennenzulernen. Denen ist die nachhaltige Existenzsicherung des Unternehmens eh schnuppe.

Luppi

08.09.2012, 04:10 Uhr

Also ich kann nicht aus eigener Erfahrung sprechen, da ich diesen ebenso harten Job nicht ausübe, aber von der Welt sehen die Flugbegleiter nicht viel. Häufig haben Sie eine halbe Nacht oder dürfen nicht mal den Flughafen verlassen. Hinzu kommt eine immerwährende Freundlichkeit, egal wie beschissen es einen geht.
Eine simple Vereinfachung ist bei keinem Job angebracht.

Account gelöscht!

08.09.2012, 04:58 Uhr

Mal ehrlich, wozu brauch man Flugbegleiter eigentlich? Man braucht ein Handvoll Leute, die die Notausgänge bei Bedarf bedienen. Essen und Trinken kann man vor dem Flug ausgeben und damit hat es sich dann. Hier wird ein Drama um Leistungen gemacht, die zum Teil gar nicht gebraucht werden. Ich bin glücklich, wenn ich die unfreundlichen Saftschupsen nicht sehe.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×