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25.01.2012

14:11 Uhr

Fusion Deutsche Börse und Nyse

Bis zum letzten Mann

VonChristian Panster, Oliver Stock

Das Weltwirtschaftstreffen in Davos wird Schauplatz eines erbitterten Ringens: Börsenchef Reto Francioni versucht die EU-Kommissare vom Sinn einer Fusion zu überzeugen. Die Zeit läuft ihm davon.

Das Hotel Belvedere in Davos: Schauplatz des Ringens um die Börsenfusion. ap

Das Hotel Belvedere in Davos: Schauplatz des Ringens um die Börsenfusion.

FrankfurtDas Hotel Belvedere in Davos ist ein Traum in weiß: Der Schnee liegt hoch in diesem Winter, der hell gekachelte Pool lockt zur Entspannung vor oder nach der Konferenz. Im Kamin prasselt das Feuer, Sekretariatsservice gibt es auf Anfrage. Dieses Hotel wird in den nächsten drei Tagen Schauplatz eines Ringens um eine der größten Fusionen, die Unternehmen aus Deutschland und den USA jemals geplant haben: den Zusammenschluss von Deutscher Börse in Frankfurt und Nyse in New York. Es ist ein Kampf bis auf den letzten Mann.

Vor fast genau einem Jahr waren die fusionswilligen Partner mit großem Enthusiasmus gestartet. Reto Francioni, zielstrebiger Chef des Dax-Unternehmens Deutsche Börse und Duncan Niederauer, sein eloquenter Kollege aus New York, traten nach wochenlangen Geheimverhandlungen mit Ihrem Plan vor die Aktionäre, aus ihren beiden Börsen einen Weltmarktführer zu schmieden. Einen der sowohl den Banken, die immer mehr börsenfähige Geschäfte selbst abwickeln, wie auch den großen asiatischen Handelsplätzen Paroli bieten kann.

Francioni und Niederauer, der eine eher der Stratege, der andere ein Macher, räumten Widerstände der Aktionäre professionell aus. Sie zerstreuten Bedenken der Unternehmen, die durch den Schritt fürchteten, der bisweilen als unberechenbar empfundenen US-Börsenaufsicht SEC ausgesetzt zu sein. Sie setzten eine Frist bis Ende März dieses Jahres, bis zu der die Fusion in trockenen Tüchern sein soll. Was die beiden allerdings nicht einkalkuliert hatten, war ein Gegenspieler, der als Hüter des Wettbewerbs in Europa, ein scharfes Schwert in der Hand hält: EU-Kommissar Joaquín Almunia.

Deutsche Börse - NYSE: Eine Fusion, über die der Chef nicht spricht

Deutsche Börse - NYSE

Eine Fusion, über die der Chef nicht spricht

Beim Neujahrsempfang der Deutschen Börse redet deren Chef Reto Francioni um den heißen Brei herum. Dabei interessiert nur die Meinung zum mächtigen Gegenspieler, der den Zusammenschluss mit der NYSE verhindern dürfte.

Almunia ließ sich den Fall erklären und trommelte ein mehrköpfiges „Case-Team“ in Brüssel zusammen. Deren Einschätzung nach mehrmonatiger Prüfung sieht so aus: Sie empfehlen die Fusion abzulehnen, weil beide Börsen zusammen insbesondere wegen einer marktbeherrschenden Stellung im europäischen Derivate-Handel zu mächtig würden. Über ihre Tochterunternehmen Eurex und Liffe würden sie 90 Prozent des europäischen Börsenhandels mit diesen Produkten kontrollieren. Auf diesem Geschäftsfeld Wettbewerb zu sichern, sei „für unsere Firmen und Investoren von wesentlicher Bedeutung“, stellte Almunia noch am Dienstag bei einer Rede in Paris klar. Dass er hinzufügte, die Kommission werde in dieser Hinsicht ihrer Verantwortung gerecht werden, klang in den Ohren von Francioni und  Niederauer weniger nach Versprechen als vielmehr nach Drohung.

Denn schließlich ist damit klar, dass Almunia die Fusion verbieten will. Allerdings ist der Kommissar aus Portugal, dessen harte Hand auch schon die deutschen Landesbanken zu spüren bekommen haben, nur einer von 27 EU-Kommissaren, wenn auch ein sehr mächtiger. Entscheiden müssen über die Fusion am Ende alle Kommissare bei ihrem „College of Commission“ genannten Treffen, zu dem sie am Mittwoch nächster Woche zusammenkommen. Bei der Abstimmung gilt die einfache Mehrheit. Dass die Empfehlung des Wettbewerbskommissars ignoriert wird, wäre allerdings mehr als ungewöhnlich. Üblich wäre vielmehr, dass die fusionswilligen Partner bei derart eindeutigen Vorzeichen ihren Antrag zurückziehen und ihr Ansinnen aufgeben. Niemand will gerne das Gesicht verlieren.

Fragen und Antworten zur Börsenfusion

Wann soll die Entscheidung fallen?

Der Poker um die Fusion von Deutscher Börse und der New Yorker Nyse geht in die entscheidende Runde. Anfang Februar wollen die EU-Kommissare über den neun Milliarden Dollar schweren Zusammenschluss entscheiden, derzeit laufen die vorbereitenden Sitzungen ihrer Mitarbeiter.

Der zuständige Wettbewerbskommissar Joaquin Almunia will die Fusion zum weltgrößten Börsenbetreiber wegen der Marktmacht der beiden Konzerne im Derivate-Geschäft, das über europäische Börsen läuft, verbieten. Theoretisch könnte er von den übrigen Kommissaren überstimmt werden, dies ist allerdings sehr unwahrscheinlich.

Werden die Börsenbetreiber ihren Antrag zurückziehen?

Die Unternehmen könnten den Antrag zurückziehen, um eine formelle Entscheidung der EU-Kommission inklusive Produkt- und Markt-Definitionen zu verhindern. Börse und Nyse müssten sich allerdings auf einen parallelen Rückzug verständigen, sonst müsste einer der Partner vermutlich eine Strafzahlung (Break-Up-Fee) von 250 Millionen Euro bezahlen. Auch die Aktionäre von Nyse und Deutsche Börse könnten gegen das Management klagen, sagte eine Person aus dem Umfeld der Börse. Deshalb sei ein Abrücken von dem Deal sehr unwahrscheinlich.

Zudem haben die Konzerne die Hoffnung auf eine positive Überraschung noch nicht aufgegeben. „Es stimmt, dass die Kommissare die zuständigen Beamten nur sehr selten überstimmen“, sagt ein Insider. „Auf der anderen Seite gibt es aber auch wenige Fälle, wo die Kommission eine so große Übernahme blockiert.“ Deutsche-Börse-Chef Reto Francioni und sein Nyse-Kollege Duncan Niederauer versuchen deshalb, mit einer Lobby-Offensive beim Weltwirtschaftsforum in Davos das Ruder herumzureißen.

Können die Konzerne gegen das Votum Widerspruch einlegen?

Eine Anfechtung vor dem Europäischen Gerichtshof in Luxemburg ist möglich, der letzte erfolgreiche Versuch liegt allerdings schon zehn Jahre zurück. Zudem dauert ein Verfahren in der Regel rund zwei Jahre. In dieser Zeit kann sich in der Börsenbranche viel tun und die Logik der Fusion infrage stellen. Auch die Frist der Konzerne, das Geschäft bis Ende März 2012 abzuschließen, ließe sich nicht einhalten.

Auf der anderen Seite könnten beide Unternehmen mit dem Gang vor Gericht Klarheit für künftige Übernahmen schaffen - etwa über die Definition des Derivate-Marktes. Deutsche Börse und Nyse argumentieren, bei der Prüfung müsse auch der außerbörsliche Derivate-Handel einbezogen werden, der derzeit rund vier Fünftel des Marktes ausmacht. Die EU-Kommission sieht das anders. Umstritten ist zudem, ob bei der Prüfung nur der europäische oder auch der globale Derivate-Markt betrachtet werden sollte.

Was würde die Börse nach einem Veto aus Brüssel machen?

Deutsche-Börse-Chef Francioni hat jüngst angedeutet, dass er sich nach weiteren Konsolidierungsmöglichkeiten umsehen würde, falls die EU-Kommission den Zusammenschluss mit der Nyse blockiert. Bei einem Platzen der Fusion sei es wahrscheinlich, dass sich der Frankfurter Börsenbetreiber mittelfristig in Asien und anderen aufstrebenden Ländern nach Partnern umsehe, sagte ein Insider. „Derzeit hat allerdings niemand einen solchen Plan B in der Schublade.“

Banker und Experten sehen für die Deutsche Börse kaum gleichwertige Fusions- oder Übernahmekandidaten. „Wenn die Fusion mit der Nyse platzt, herrscht in der Branche erst mal Stillstand“, sagt ein Investmentbanker. „Kleinere Zukäufe wie die Börse in Spanien oder Betreiber in Osteuropa sind sicherlich eine Option, aber einen großen Wurf wie mit der Nyse wird es dann auf absehbare Zeit nicht geben“, sagt Equinet-Analyst Philipp Häßler. Übernahmen von schnell wachsenden Betreibern in Asien oder Südamerika kann die Börse aus seiner Sicht kaum stemmen. „Einen Kauf der brasilianischen Bovespa könnte sich die Deutsche Börse beispielsweise eher nicht leisten.“

Was würde eine Blockade für die Branche bedeuten?

Das Anfang 2010 ausgerufene Branchen-Motto „Big is beautiful“ wäre Makulatur, falls der Zusammenschluss von Deutscher Börse und Nyse nicht zustande kommt. Es wäre nach dem Scheitern der Fusionen von ASX und der Börse Singapur sowie der London Stock Exchange und der kanadischen TMX der dritte abgeblasene Deal innerhalb eines Jahres.

„Sollte die Fusion von Deutscher Börse und Nyse platzen, würde dies darauf hindeuten, dass es ganz große Deals und eine grundlegende Konsolidierung der Branche vorerst nicht geben wird“, sagt Häßler. Auch für andere Branchen könnte die Entscheidung der EU-Kommission Signalwirkung haben. „Grundsätzlich zeichnet sich ab, dass die Wettbewerbshüter immer weniger Skrupel haben, große Deals zu blockieren“, beobachtet Analyst Martin Peter von der LBBW. Die größte 2011 angekündigte Transaktion, der Verkauf von T-Mobile USA an AT&T , war am Widerstand der US-Aufseher gescheitert.

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