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05.11.2014

14:53 Uhr

GDL bestreikt Güterverkehr

Industrie verlagert Transporte auf die Straße

Der Mega-Streik der Lokführer rückt stündlich näher, vor allem im Güterverkehr. Die Industrie reagiert bisher gelassen – und verlagert ihren Warenstrom auf die Straße. Allerdings stößt diese Lösung an Grenzen.

Tagelanger Stillstand: Die Autoindustrie setzt während des Streiks auf Lkw. dpa

Tagelanger Stillstand: Die Autoindustrie setzt während des Streiks auf Lkw.

Hamburg, IngolstadtAngesichts des bevorstehenden Rekordstreiks der Lokführer-Gewerkschaft GDL leiten viele Unternehmen ihre Transporte auf die Straße um. Vor allem Autokonzerne hätten schon vor Wochen versucht, sich vorsorglich Transportkapazitäten bei Speditionen zu sichern, sagte ein Sprecher des Bundesverbandes Güterverkehr, Logistik und Entsorgung am Mittwoch in Frankfurt. Die Zahl der Lkw in Deutschland sei jedoch begrenzt sei. Daher wichen einige Firmen auf osteuropäische Spediteure aus. Dort seien wegen der Sanktionen gegen Russland noch Kapazitäten frei.

Täglich rollen alleine für die Automobilindustrie rund 200 Züge durch Deutschland. Die Branche ist daher besonders davon betroffen, wenn sich Transporte an die Produktionsbänder verzögern. Ein vollständiger Ersatz aller Bahntransporte durch andere Verkehrsträger ist nach Angaben des Verbandes der Automobilindustrie jedoch nicht möglich. „Deswegen rechnen wir damit, dass unsere Transportabläufe erheblich behindert werden“, sagte VDA-Chef Matthias Wissmann. Er kritisiert die GDL scharf: Bei so langen Streiks stelle sich die Frage nach der Verhältnismäßigkeit, denn sie schadeten der Wirtschaft und den Verbrauchern gleichermaßen. „Man kann nur hoffen, dass das geplante Gesetz zur Tarifeinheit solchen Auswüchsen Einhalt gebietet“, fügte der VDA-Chef hinzu.

Die längsten Streiks der deutschen Geschichte

Tarifkampf

Im Tarifstreit bei der Bahn hat die Lokführer-Gewerkschaft GDL mehrfach gestreikt. Der längste Ausstand dauerte 109 Stunden im Güterverkehr und 98 Stunden im Personenverkehr, der längste in der Geschichte der Deutschen Bahn. Im Vergleich zu anderen Branchen ist dies noch moderat. Es folgt eine Zusammenstellung besonders langer Streiks in Deutschland.

1956/1957

1956/57 dauerte der Streik in der Metallindustrie in Schleswig-Holstein 16 Wochen. 34.000 Beschäftigte setzten sich für eine höhere Lohnfortzahlung im Krankheitsfall ein. Sie erreichten eine Aufstockung auf 90 Prozent des Nettoeinkommens.

1984

1984 streikten die Beschäftigten der Metallindustrie in Hessen und Baden-Württemberg sieben Wochen lang für die 35-Stunden-Woche. Die Drucker waren bundesweit sogar zwölf Wochen im Ausstand. Die Arbeitgeber reagierten mit massiven Aussperrungen. Am Ende wurde in beiden Branchen die 38,5-Stunden-Woche vereinbart.

1994

1994 legten 100.000 Drucker 17 Wochen lang die Arbeit nieder, um Vorruhestand-Regelungen und einen besseren Gesundheitsschutz sowie eine Gleichstellung von Frauen durchzusetzen. Die Arbeitgeber verpflichteten sich am Ende nur, über diese Themen zu verhandeln.

2004

2004 blieben in Leverkusen die Busse 395 Tage lang in den Depots, weil die Mitarbeiter einer Tochterfirma der Kraftverkehr Wupper-Sieg (KWS) höhere Löhne verlangten.

2012/2013

2012/2013 streikten Beschäftigte des Verpackungsherstellers Neupack in Hamburg acht Monate lang, um einen Tarifvertrag durchzusetzen. Erreicht wurde eine tarifvertragsähnliche Vereinbarung mit dem Betriebsrat.

2013

2013 legten Beschäftigte im Einzelhandel über einen Zeitraum von acht Monaten immer wieder die Arbeit nieder, bis Anfang 2014 die letzten Lohn-Abschlüsse unter Dach und Fach waren. In mehr als 950 Betrieben wurde vorübergehend nicht gearbeitet.

Auch Autobauer Audi verlegt Transporte von der Schiene auf die Straße. „Einzelne, wichtige Lieferungen versuchen wir schon jetzt von der Bahn umzuleiten, zum Beispiel auf Lastwagen“, sagte ein Audi-Sprecher am Mittwoch in Ingolstadt. Der Konzern wolle je nach Streikverlauf und Bedarf entscheiden, ob noch mehr Verlagerungen nötig sind. Pro Arbeitstag fahren laut Audi etwa 15 Güterzüge der Deutschen Bahn vom und zum Werk Ingolstadt.

Bei BMW sah man die Streiks zunächst gelassener. „Die Bahn hat uns einen reibungslosen Transport zugesichert“, sagte eine Sprecherin. „Wir gehen auch davon aus, dass das bis Ende der Woche stabil läuft.“ Derzeit seien täglich elf bis zwölf Güterzüge mit je 200 bis 220 neuen BMW-Fahrzeugen unterwegs. Das sind nach Konzernangaben etwa 60 Prozent aller hergestellten BMW-Wagen.

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