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04.11.2014

19:32 Uhr

GDL-Lokführerstreik

100 Millionen Euro Schaden – pro Tag

VonAnis Micijevic

Der Rekordstreik der Lokführer trifft vor allem die deutsche Auto- und Chemiebranche. Experten erwarten, dass der Ausstand für die Wirtschaft „schmerzhaft und teuer“ wird. Was sonst Geld spart, wird nun zum Problem.

GDL-Streik

Bahnkunden sind die größten Verlierer

GDL-Streik: Bahnkunden sind die größten Verlierer

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DüsseldorfDer Rekordstreik der Lokführergewerkschaft GDL kommt die deutsche Wirtschaft teuer zu stehen: Laut einer Schätzung des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) könnten die Schäden ab dem vierten Streiktag von einstelligen Millionenbeträgen schnell auf über 100 Millionen Euro täglich steigen. Bei durchgängigen Streiks von mehr als drei Tagen seien in der Industrie Produktionsunterbrechungen zu erwarten.

Die IW-Kostenschätzung berücksichtigt, dass etwa 17 Prozent des gesamten Güterverkehrs über die Schiene laufen. Etwa zwei Drittel davon entfallen auf die Deutsche Bahn. Außerdem gehen die Ökonomen davon aus, dass die Bahn etwa ein Drittel ihrer Transporte durch den Einsatz von verbeamteten Lokführern und Kräften der Konkurrenzgewerkschaft EVG aufrechterhalten kann.

Von den Streiks sind vor allem Unternehmen betroffen, die viel und schwere Güter transportieren: Autobranche, Chemiebranche und Betreiber von Kohlekraftwerken. „Es gibt für Unternehmen in solchen Fällen immer gewisse Puffer und Ausweichmöglichkeiten, aber diese sind begrenzt. Irgendwann laufen die Puffer voll“, warnt Thomas Puls, Verkehrsexperte vom IW.

Die längsten Streiks der deutschen Geschichte

Tarifkampf

Im Tarifstreit bei der Bahn hat die Lokführer-Gewerkschaft GDL mehrfach gestreikt. Der längste Ausstand dauerte 109 Stunden im Güterverkehr und 98 Stunden im Personenverkehr, der längste in der Geschichte der Deutschen Bahn. Im Vergleich zu anderen Branchen ist dies noch moderat. Es folgt eine Zusammenstellung besonders langer Streiks in Deutschland.

1956/1957

1956/57 dauerte der Streik in der Metallindustrie in Schleswig-Holstein 16 Wochen. 34.000 Beschäftigte setzten sich für eine höhere Lohnfortzahlung im Krankheitsfall ein. Sie erreichten eine Aufstockung auf 90 Prozent des Nettoeinkommens.

1984

1984 streikten die Beschäftigten der Metallindustrie in Hessen und Baden-Württemberg sieben Wochen lang für die 35-Stunden-Woche. Die Drucker waren bundesweit sogar zwölf Wochen im Ausstand. Die Arbeitgeber reagierten mit massiven Aussperrungen. Am Ende wurde in beiden Branchen die 38,5-Stunden-Woche vereinbart.

1994

1994 legten 100.000 Drucker 17 Wochen lang die Arbeit nieder, um Vorruhestand-Regelungen und einen besseren Gesundheitsschutz sowie eine Gleichstellung von Frauen durchzusetzen. Die Arbeitgeber verpflichteten sich am Ende nur, über diese Themen zu verhandeln.

2004

2004 blieben in Leverkusen die Busse 395 Tage lang in den Depots, weil die Mitarbeiter einer Tochterfirma der Kraftverkehr Wupper-Sieg (KWS) höhere Löhne verlangten.

2012/2013

2012/2013 streikten Beschäftigte des Verpackungsherstellers Neupack in Hamburg acht Monate lang, um einen Tarifvertrag durchzusetzen. Erreicht wurde eine tarifvertragsähnliche Vereinbarung mit dem Betriebsrat.

2013

2013 legten Beschäftigte im Einzelhandel über einen Zeitraum von acht Monaten immer wieder die Arbeit nieder, bis Anfang 2014 die letzten Lohn-Abschlüsse unter Dach und Fach waren. In mehr als 950 Betrieben wurde vorübergehend nicht gearbeitet.

Beispielsweise werde die Hälfte der Neuwagen ab Werk von der Bahn bewegt. Wenn der Abtransport nicht mehr gewährleistet sei, stauen sich die Autos auf den Stellplätzen, die wiederum nur in begrenzter Zahl vorhanden seien.

Zudem könne es zu Verzögerungen oder Ausfällen bei der Lieferung von Zulieferteilen kommen. Der Autobauer Audi etwa bekomme ganze Motoren aus Ungarn geliefert. Während sich die sogenannten Anpassungskosten in den ersten Tagen noch im Rahmen hielten, könne eine längere Streikperiode in Betrieben mit bahnaffinen Gütern – viel und schwer – zu vollen Lagern führen, woraufhin die Fertigung ins Stocken gerate, so Puls.

Kommentare (10)

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Herr Kurt Siegel

04.11.2014, 19:55 Uhr

Gdl hat vollkommen Recht, der angekündigte Streik ist eh noch zu kurz; bei uns in Deutschland muß man mit massivem Nachdruck für sein Geld kämpfen, freiwillig geben die Arbeitgeber keinen Jota vom Kuchen ab.

GDL kann wenigstens noch streiken, der redliche Deutsche wird aber durch die verfehlte und krachend gescheiterte EURO-Politik kalt lächeld enteignet, er kann nichts dagegen tun, und wird von Schäuble um seine hart erarbeitete Altersvorsorge betrogen; eine Währungsreform wird leider die Konsequenz sein.

Herr Fred Meisenkaiser

05.11.2014, 07:17 Uhr

Da hat sich die Einheitsgewerkschaft DGB eingerichtet, hat einen Kuschelkurs gegenüber den Arbeitgebern gefahren.
Während in den Chefetagen und bei den sog. Investoren die Gewinne explodierten, wurden die Arbeitnehmer, die all dies erwirtschafteten mit Einkommensverlusten entlohnt. Zudem wurde noch ein Dumpinglohnbereich aufgebaut, ohne dass der Einheits-DGB etwas Ernsthaftes dagegen tat.
Und nun kommt eine Gewerkschaft daher, die diese Idylle der Arbeitgeber zerstören will, und Verbesserungen und sogar Einkommenszuwächse fordert. Wie nicht anders zu erwarten, werden sofort die Systemmedien aktiviert, die Springermedien hetzten – allen voran die BLÖD-Zeitung mit gewohnt bodennaher Intelligenz.
Und selbst die doch eigentlich neutralen ÖR berichten entsetzt überdie entstehende Gefahr für die Einnahmen der Reichen im Lande!
Dabei fand man es in Deutschland doch gut, als vor wenigen Jahren eine kirchliche Gewerkschaft Dumpinglöhne gegen die IG-Metall durchsetzte – Vielfalt nannte man dies damals. Allerdings sorgte diese Gewerkschaft auch für noch höhere Gewinne der Unternehmenseigner.
Dabei sind mehrere Gewerkschaften beispielsweise in Frankreich durchaus üblich. Im Ergebnis dessen, ist der Sozialabbau dort auch nicht so weit fortgeschritten, wie bei uns.

Frau Ich Kritisch

05.11.2014, 07:28 Uhr

Zitat: ab dem vierten Streiktag von einstelligen Millionenbeträgen schnell auf über 100 Millionen Euro täglich steigen. Bei durchgängigen Streiks von mehr als drei Tagen seien in der Industrie Produktionsunterbrechungen zu erwarten.

na sowas aber auch. Dann sollte es der Industrie doch möglich sein mehr für die Beförderung per Bahn zu zahlen. Unterm Strich billiger als Streik - und die Arbeitnehmer können besser bezahlt werden.

Wo ist denn nu das Problem???

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