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19.05.2015

16:48 Uhr

GDL versus Verdi

An Streiktagen verdienen Lokführer mehr als Erzieher

VonLaura Waßermann, Frank Specht

Wer sich 500 Euro pro Woche dazu verdienen will, sollte in die GDL eintreten – und einen Streik anzetteln. Lokführer verdienen an Streiktagen erheblich mehr als Verdi-Mitglieder, also mehr als Erzieher und Postboten.

Kein Verständnis für GDL-Streik

„Das ist unverschämt“

Kein Verständnis für GDL-Streik : „Das ist unverschämt“

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Düsseldorf/ BerlinEins ist klar: Claus Weselsky, Chef der Lokführergesellschaft GDL will seine Mitglieder bei der Stange halten. Mit jedem weiteren Streiktag bei der Deutschen Bahn müssen die Lokführer mit Gehaltseinbußen rechnen. Deshalb hat Weselsky am Montag das Streikgeld für alle GDL-Mitglieder erhöht: Ab sofort bekommen Lokführer 100 Euro pro Tag, wenn sie streiken und das ganz ohne Unterstützung des Beamtenbundes (dbb), dem Dachverband der GDL und anderer Gewerkschaften.

Die GDL hatte dieses Mal, für die neunte Runde, keine Streikgeldunterstützung beim dbb beantragt. Ein Antrag müsse 24 Stunden vor Beginn des Arbeitskampfs gestellt werden und bisher liege keiner vor, sagte ein Sprecher des Beamtenbundes dem Handelsblatt. Auch für einige der früheren Streikrunden habe die GDL keinen Antrag gestellt. Jeder gestellte Antrag sei aber bewilligt worden.

Der Beamtenbund zahlt Mitgliedsgewerkschaften aus einem „Aktionsfonds“ Streikgeldunterstützung – pro Streikendem täglich maximal 50 Euro. Die GDL, die momentan mit mindestens 5000 Streikenden rechnet, ist dabei nicht die einzige Mitgliedsgewerkschaft, die die Hilfe in Anspruch nimmt. Auch die Kommunikationsgewerkschaft DPVKOM hat im Tarifkonflikt bei der Post oder die Gewerkschaft Komba in der Auseinandersetzung im Sozial- und Erziehungsdienst Streikgeldunterstützung beim Beamtenbund beantragt.

Verdi hingegen stemmt die Kosten alleine. Die Streikkasse wird von der Verdi-Vermögensverwaltungsgesellschaft (VVG) verwaltet, speist sich aber auch aus anderen Quellen wie aus Erträgen der Verdi-Immobilienverwaltung oder dem Anlagevermögen, das vorwiegend aus festverzinslichen Wertpapieren besteht. Von den Mitgliedsbeiträgen fließen acht Prozent in die Streikkasse, bis 2012 waren es nur drei Prozent.

Tatsächlich gibt es große Unterschiede bezüglich der Streikgelder. Während der Betrag bei der GDL festgesetzt und unabhängig vom Bruttogehalt des einzelnen Mitarbeiters ist, muss sich bei Verdi jede Erzieherin, jeder Postbote, jedes Flughafenbodenpersonal sein tägliches Streikgeld selbst ausrechnen.

Schlacht der Worte zwischen Bahn und GDL

Rhetorischer Schlagabtausch

Der Tarifkonflikt zwischen der Lokführergewerkschaft GDL und der Deutschen Bahn ist auch ein rhetorischer Schlagabtausch zwischen dem GDL-Chef Claus Weselsky und Bahn-Personalvorstand Ulrich Weber. Eine Chronologie in Zitaten.

August/September 2014

„Was die DB den Fahrgästen für ein Wechselbad an Gefühlen zumutet, ist schier unerträglich und dient allein dem Ziel, das Zugpersonal in unserem Lande zu diskreditieren.“

(Weselsky am 25. August in einer Mitteilung, nachdem die Bahn am Tag zuvor ein neues Angebot vorgelegt hatte)

„Wir werden in der Sache nicht vorankommen, wenn wir uns über die Medien unterhalten statt miteinander am Verhandlungstisch zu sitzen.“

(Weber am 1. September 2014 vor einem bundesweiten Streik der Lokführer)

September

„Offensichtlich ist der Bahn jedes Mittel recht, um die völlig realitätsferne Haltung ihres Managements wider besseres Wissen aufrecht zu erhalten.“

(Weselsky am 2. September 2014)

„Niemand versteht den Sinn dieser Streiks, abgesehen von der Tatsache, dass eine Gewerkschaft das Spielfeld der anderen erobern will.“

(Weber am 5. September 2014)

Oktober

„Bei den inhaltlichen Verhandlungen werden wir selbstverständlich auch Kompromisse eingehen.“

(Weselsky am 8. Oktober in einer Mitteilung)

„Nur mit ernsthaften Verhandlungen kann der Tarifkonflikt gelöst werden - nicht mit der Brechstange und nicht mit scharfen Worten.“

(Weber am 16. Oktober in einer Mitteilung)

November/Dezember

„Ich weiß nicht, ob's noch genügend Gewerkschaftsführer in dem Land gibt, die dieses Charisma haben. Bei uns ist das der Fall.“

(Weselsky am 5. November 2014 zur Entschlossenheit seines Vorstands)

„Wir können einigermaßen beruhigt in das neue Jahr gehen.“

(Weber am 17. Dezember 2014 in Berlin, nachdem ein Durchbruch im Tarifkonflikt erreicht worden war)

Januar 2015

„Das war kein guter Tag für die GDL.“

(Weselsky am 29. Januar 2015 in einer Mitteilung, nachdem beide Seiten am Tag zuvor die Verhandlungen fortgesetzt hatten)

„Ich bleibe dabei: Für Arbeitskämpfe gab und gibt es nicht den geringsten Anlass.“

(Weber am 30. Januar 2015)

Februar

„Die Wahrscheinlichkeit von Arbeitskämpfen ist mit dem heutigen Tag enorm angestiegen.“

(Weselsky am 11. Februar 2015 nach dem Abbruch der Tarifverhandlungen)

„Das ist eine verkehrte Welt.“

(Weber am 11. Februar 2015 nach dem Abbruch der Tarifverhandlungen)

Februar II

„Der nächste Streik wird um die 100 Stunden lang sein.“

(Weselsky am 15. Februar 2015 im Gespräch mit der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“)

„Verhandlungen verlaufen nicht nach dem Prinzip 'Pistole auf die Brust'.“

(Weber am 17. Februar 2015 in einer Mitteilung)

April

„Die DB versucht uns zu zwingen, die Lokrangierführer als billigen Jakob im Tarifvertrag zu verankern.“

(Weselsky am 20. April 2015)

„Diese Streiks sind für niemanden nachzuvollziehen.“

(Weber am 20. April nach der erneuten Streikankündigung der GDL)

Nimmt man beispielsweise eine Erzieherin mit fünf Jahren Berufserfahrung, verdient diese im Monat laut der WSI-Lohnspiegel-Datenbank 2335 Euro brutto. Weil der Mitgliedsbeitrag bei Verdi in der Regel ein Prozent des Brutto-Gehalts beträgt, muss die Erzieherin monatlich 23,35 Euro in die Gewerkschaft einzahlen. Angenommen, sie ist länger als seit 12 Monaten Verdi-Mitglied, hat ihre volle Arbeitswoche von 38 Stunden gestreikt, dann bezieht sie für diese Zeit ein Streikentgelt von 292 Euro. Insgesamt. Falls die Erzieherin zwei Kindergeldberechtigte Kinder hat, bekommt sie 25 Euro mehr. Zum Vergleich: Ein Lokführer würde bei einem Bruttogehalt von 2335 Euro knapp 15 Euro in die GDL-Kasse einzahlen, bekommt aber unabhängig von seinem Verdienst 100 Euro Streikgeld pro Tag, also 500 pro Arbeitswoche.

Kommentare (9)

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Sergio Puntila

19.05.2015, 17:13 Uhr

Dass GDL Lokführer für den "Verdienst", sich neben Haue auch noch aus dem Sparstrumpf den alle in Jahren in Form von Mitgliedsbeiträgen - übrigens Mitgliedsbeitträgen die auch noch entrichten wurden - was viele politische Parteien nicht gerade konstatieren müssen - es auch wagen für ihren Streik nicht zu verhungern: das ist das Skandalon mit dem, wiedereinmal, Handelsblatt die Neiddiskussion anzuheizen zu gedenken scheint.

In Düsseldorf mag man das Stil nennen - gerade bei den vielen Tipps zur Steuer"ersparnis", die auch Steuerhintergehung bedeuten könnte.

Aber Düsseldorf ist halt stets etwas extravaganter als der Rest der Welt...

Herr Jürgen Jantschik

19.05.2015, 17:17 Uhr

"An Streiktagen verdienen Lokführer mehr als Erzieher" ?????? Zitat Handelsblatt. Das Streikrecht ist im Grundgesetz verankert ! Die Gewerkschaften besitzen Streikkassen, das war schon immer so.

Banker, die für Finanzkrise verantwortlich sind und ihre Bank durch halsbrecherische Zockergeschäfte in den bankrott getrieben haben. verdienten 200 Mal so viel Erzieher ! Und das, obwohl sie Schaden in Milliarden verursacht haben. Als man die dann kündigen wollte, klagten die noch auf Abfindung und Auszahlung ihrer Boni Haftung für ihre Zockerei = Fehlanzeige, Konsequenzen = Fehlanzeige.
Bestes Beispiel die Hypo Real Estate = 123 Milliarden verzockt, der Steuerzahler muss dafür aufkommen. Also liebes HB, die Kirche im Dorf lassen. Was soll die Hetze gegen die kleinen Leute ???

Herr Nehal Devanowitch

19.05.2015, 17:25 Uhr

Was ich mich die Ganze Zeit frage: Laut nachrichten ist ja ein Grund für den Streik die Situation der Gewerkschaft (und nicht der Arbeiter). Diese möchte mehrere Berufe vertreten (banal gesagt). Ich als Unternehmer bin aber verpflichtet jedem Arbeitnehmer aus einer Berufsgruppe das selbe zu zahlen (wenn diese die selben Grundlagen/Leistungen haben). Wenn ich einem AN 500€ Weihnachtsgeld gebe und dem anderen 650€ bin ich verratzt. Also wie kann es sein dass 2 Gewerkschaften 2 unterschiedliche Vereinbarungen treffen können für ein und die selbe Berufsgruppe? Irgendwie komm ich da nicht dahinter

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