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10.09.2015

09:56 Uhr

Geflügel-Industrie gelobt Besserung

„Wir wollen das beste Geflügelland der Welt sein“

Die Geflügelfleisch-Produzenten wollen sich ein besseres Image verschaffen: Eine „Geflügel-Charta“ setzt Standards. Doch jeder in der Branche weiß: „Was da steht, ist ein geduldiger Text.“ Was bringt er wirklich?

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BerlinNach mehreren Tierhaltungsskandalen verpflichtet sich die deutsche Geflügelfleischwirtschaft auf branchenweite Vorschriften und Standards. Wer dagegen verstößt, muss mit Sanktionen bis hin zum Ausschluss rechnen. „Wir wollen das beste Geflügelland der Welt sein“, heißt es in der „Geflügel-Charta“, die an diesem Donnerstag veröffentlicht werden soll.

Tierwohl und Tiergesundheit werden darin zur „zentralen Aufgabe“ erklärt. Die rund 8000 im Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG) zusammengeschlossenen Betriebe bekennen sich außerdem zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Antibiotika, zu sozialen Standards und ehrlicher Verbraucherinformation.

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Wiesenhof ist der bekannteste Geflügelfleisch-Produzent Deutschlands. Chef Peter Wesjohann spricht im Interview über die Attacken gegen seinen Konzern, globale Konkurrenz – und die Marktchancen veganer Würstchen.

Die Charta repräsentiert den Angaben zufolge rund 95 Prozent der deutschen Hähnchen- und Putenfleischerzeugung. Auch der bekannte Geflügelproduzent Wiesenhof, der wegen Hygienemängeln und Tierquälerei-Vorwürfen mehrfach in der Kritik stand, ist dabei.

Die Halter hätten klar signalisiert, dass schwarze Schafe in der Branche nichts zu suchen hätten, sagte ZDG-Geschäftsführer Thomas Janning der dpa. „Wenn wir in der nächsten halben Stunde losfahren und ohne Vorankündigung einen Betrieb besuchen, dann möchte ich das ohne Zweifel tun, dass da vielleicht etwas nicht in Ordnung ist.“

Wie viel Tier verträgt der Planet?

Wie viel Fleisch isst die Menschheit?

Immer mehr. 2012 waren es rund 300 Millionen Tonnen, bis 2050 kommen etwa 50 Prozent hinzu, schätzt die Welternährungsorganisation, die bei ihrer Prognose allerdings davon ausgeht, dass der aktuelle Trend anhält. In den Industrieländern wächst der Verzehr nicht mehr, dafür greifen die Menschen in Schwellenländern immer häufiger zum Fleisch. Steigende Einkommen und Verstädterung tragen dort dazu bei. Ein Deutscher isst durchschnittlich 60 Kilogramm Fleisch im Jahr - in den 1980er Jahren waren es laut Bauernverband noch 67 Kilogramm.

Welche Folgen hat der wachsende Hunger?

Die Folgen sind vielfältig. Nur zwei Beispiele: In Ländern wie China wächst die industrialisierte Produktion - mit großen Ställen und Schlachthöfen, wie der „Fleischatlas“ beschreibt. Kleinproduzenten und die als Fotomotiv beliebten Händler auf Fahrrädern seien dagegen auf dem Rückzug, heißt es in der Zahlensammlung von Umweltschützern.

In Südamerika wachsen die Anbauflächen für energiereiche Sojabohnen, die als Tierfutter in alle Welt verschifft werden. Das gehe auf Kosten des Regenwalds und entziehe ansässigen Kleinbauern die Lebensgrundlage, heißt es im „Kritischen Agrarbericht“, der auf der Agrar- und Ernährungsmesse Grüne Woche vorgestellt werden soll.

Futtertrog versus Teller

Aus der Diskussion „Tank versus Teller“ wird der Streit „Trog versus Teller“: Auf 70 Prozent der weltweiten Anbaufläche wachse inzwischen Tierfutter, kritisiert die Agrarexpertin der Umweltschutzorganisation BUND, Reinhild Benning. Sie gesteht aber zu, dass sich nicht jede Weide zu Ackerland umbrechen lässt - etwa in der Steppe. Dennoch: Auch Mais und Weizen würden immer häufiger zu Tierfutter, moniert der „Fleischatlas“: „Sie wären effizienter direkt als Nahrung für die Menschen zu verwenden.“

Was hat das alles mit Deutschland zu tun?

Weil der heimische Markt gesättigt ist, setzt die deutsche Ernährungsindustrie auf die steigende Nachfrage im Ausland. Jährlich freuen sich Bauern und Weiterverarbeiter über wachsende Exporte. Dafür haben sie in den vergangenen Jahren Millionen neuer Mastplätze gebaut - vor allem für Schweine, Hähnchen und Puten.

Das sichert Arbeitsplätze, aber gegen die „Tierfabriken“ gibt es auch Widerstand. Mehrere hundert Bürgerinitiativen wenden sich bundesweit gegen Güllegestank und den Verkehr, der von den Ställen ausgeht. Sie kritisieren auch die Haltungsbedingungen der Tiere. Niedriglöhne in Schlachthöfen beschäftigen inzwischen auch die Bundesregierung.

Exportland von Billigfleisch

Deutschland habe sich zum „Exportland von Billigfleisch“ entwickelt, kritisiert der Eberswalder Agrarökonom Bernhard Hörning im Januar 2014. „Billigfleisch aus Deutschland ist ein Mythos“, hält Bauernverbands-Generalsekretär Bernhard Krüsken dagegen. Die Preise lägen über dem EU-Durchschnitt. Zudem gingen drei Viertel der Exporte in EU-Länder.

Sollten wir weniger Fleisch essen?

Unter Medizinern gilt das als Gemeingut. Fleisch enthält zwar wertvolle Nährstoffe, wie es in den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung heißt. 300 bis 600 Gramm pro Woche sollten es demnach aber nicht werden - was bedeuten würde, dass die Deutschen ihren Verbrauch mindestens halbieren müssten. Barbara Unmüßig, als Vorsitzende der Böll-Stiftung Mitinitiatorin des „Fleischatlas“, hält den Fleischkonsum einmal pro Woche für ausreichend und rät: „Zurück zum Sonntagsbraten.“ Die Ernährungsindustrie hält indes nichts von Vorgaben für die Verbraucher: „Sie entscheiden selbstbestimmt an den Kassen der Supermärkte, was sie essen möchten“, heißt es beim Branchenverband BVE.

Was die umstrittene Praxis des Schnabelkürzens bei Mastputen angeht, setzt die Geflügelwirtschaft auf eine freiwillige Vereinbarung mit dem Landwirtschaftsministerium. Demnach wird bis Ende 2017 eine „Machbarkeitsprüfung“ zumindest für Putenhennen angestrebt.

Kommentare (13)

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Herr Steffen Rupp

10.09.2015, 10:19 Uhr

Eine „Geflügel-Charta“ setzt Standrads... Doch jeder in der der Branche weiß: Autokorrekturprograme können nicht alles.

Herr Martin Wienand

10.09.2015, 10:26 Uhr

Ich esse seit Jahren kein Geflügelfleisch mehr. Da packt mich nur noch das Grauen.

Ob sich da jetzt viel ändert, wage ich zu bezweifeln.

Neben der maßlosen Tierquälerei gibt es ja auch noch das Problem mit Antibiotika, die bald nicht mehr wirken.

Die Deutschen lassen lieber ihre Kinder sterben, als dass sie auf Billigfleisch verzichten.

Herr Andreas Glöckner

10.09.2015, 10:27 Uhr

Bundeskanzlerin Angela Merkel und der Präsident der USA, Barack Obama, waschen sich "das Gesicht" nicht mehr. Und Karls Ruhe schaut dabei zu.

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